«Politik kann man auch beim Wandern erleben»
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«Politik kann man auch beim Wandern erleben»

Seit 40 Jahren arbeitet er bei der SRG, die längste Zeit davon im Bundeshaus: Ende Januar tritt Hanspeter Trütsch in den Ruhestand. Im Interview mit persoenlich.com spricht er über die No-Billag-Initiative, Liftfahrten mit Politikern und das Nasenbluten eines Bundesrats.

persoenlich.com: Herr Trütsch, seit über 20 Jahren berichten Sie für das Schweizer Fernsehen aus dem Bundeshaus. Wird Ihnen der tägliche Anblick der Kuppel nicht fehlen?
Hanspeter Trütsch: Ja und Nein. Irgendwann ist es aber an der Zeit, dass man aufhört.

In all diesen Jahren sind Sie nie nach Bern gezogen, sondern jeweils aus der Ostschweiz gependelt. Warum?
Das hatte einen bewussten Hintergrund: Ich finde es sinnvoll und gut, wenn man den Wohnort vom Arbeitsort trennt, damit man nicht zu stark «zum Kuchen» gehört. Für mich als Journalist ergibt sich so eine wichtige und richtige Distanz. So verliert man nicht die Bodenhaftung.

Distanz haben Sie auch gewonnen, als Sie im März 2016 die Leitung der Bundeshausredaktion an Christoph Nufer übergaben. Anschliessend reduzierten Sie Ihr Pensum. Eine Pensionierung auf Raten?
Man kann dem so sagen, es war ein Ausstieg auf Raten. Im März 2016 war ich 63 Jahre alt. Ich finde es gut, wenn man dann etwas kürzer und von der vordersten Front zurücktritt, beziehungsweise den ganzen Sitzungs- und Administrativmarathon hinter sich lässt. Als Leiter der Bundeshausredaktion war ich natürlich häufig auch in Zürich, mindestens einen Tag pro Woche. Es war interessant. Aber die verbleibende Zeit in einem 70-Prozent-Pensum ist ebenso spannend. Ich kann wieder vermehrt zurück zu den Wurzeln und somit an die Front.

Ende Januar 2018 ist es dann soweit und Sie werden pensioniert. Haben Sie sich bereits neue Hobbys zugelegt?
Eigentlich nicht. Ich will die Pensionierung bewusst auf mich zukommen lassen. Ich habe auch zu allen möglichen Engagements und Anfragen für Einsitznahmen in irgendwelchen Kommissionen und Gremien grundsätzlich Nein gesagt. Ich will jetzt erst mal etwas Luft haben und jene Hobbys weiterpflegen, die ich jetzt schon intensiv pflege.

Zum Beispiel?
Ich bin ein begeisterter Anhänger des Langsamverkehrs. Wir haben beispielsweise mehrfach schon die Schweiz durchwandert. Die Schweiz zu Fuss zu erkunden ist eine meiner ganz grossen Leidenschaften. Man lernt die Schweiz am besten kennen, wenn man zu Fuss unterwegs ist. Besser, als wenn man ein Seminar über Regionalplanung besucht. All die politischen Themen kann man beim Wandern eins zu eins erleben.

Apropos «Leidenschaft»: Sechs Jahre berichteten Sie fürs Radio aus dem Bundeshaus, 22 Jahre fürs Fernsehen. Wie schafft man es da, dass einem die Arbeit nicht «verleidet»?
Es war immer meine Philosophie – und ist es immer noch: Alt ist man erst dann, wenn man die Neugierde verliert. Auch im Journalismus gehört eine gewisse grundsätzliche Neugierde dazu. Wir leben in einem spannenden Land, und das Bundeshaus ist zweifelsohne der Schmelztiegel und Treffpunkt der vier Kulturen unseres Landes. Dieser Reichtum hat mich immer wieder aufs Neue fasziniert.

Welches war das prägendste Ereignis in Ihrer Karriere?
Diesen legendären und historischen Satz werde ich nie vergessen: «Mich trifft weder rechtlich noch moralisch irgendeine Schuld». Ich war damals beim Radio, und wir hatten eine Direktübertragung der Medienkonferenz von Bundesrätin Elisabeth Kopp. Ich sass im Studio, damals noch im dritten Stock des Parlamentsgebäudes, und mir lief es kalt den Rücken runter. Es hat mich richtig «tschudderet». Oder Bundesratsrücktritte, die wurden in kleinen Journalistenzimmern bekanntgegeben: Das sind starke Momente – oder «Magic Moments».

Gab es auch weniger magische Momente, die Sie gerne vergessen würden?
Ja, einer davon gab in der Öffentlichkeit viel zu reden: Während der Medienkonferenz zu seinem Rücktritt hatte Bundesrat Samuel Schmid Nasenbluten. Diese Bilder wurden übertragen. Das gab eine grosse Polemik. Im Nachhinein würde ich sagen, dass wir hier zu weit gegangen sind.

Wortwörtlich weiter gehen mussten Sie ab 2006: Sie zogen ins neue Medienhaus um. Hat dies die Arbeit erschwert oder erleichtert?
Die Arbeitsbedingungen an sich sind wesentlich besser geworden. Wir haben jetzt eine gewisse nötige Distanz. Vorher fuhr man im Lift mit den Politikern rauf und runter und stand nebeneinander am Kaffeeautomaten. Ich finde das nicht nur gut. Natürlich hat die Schweiz ein Milizparlament, das Land ist extrem klein, man kennt sich und ist miteinander verbandelt. Das Medienhaus schuf da klare Verhältnisse: Hier sind die Medien und dort ist die Politik – das sind zwei Paar Schuhe. Selbstverständlich leben wir voneinander, haben aber unterschiedliche Funktionen. Vorher war man ein bisschen zu fest beieinander.

Und die Zusammenarbeit unter den Journalisten?
Das Zusammentreffen ist ein Stück gelebte Schweiz. Wir haben Welsche, Tessiner und Rätoromanen im Haus. Hier sieht man, wie Themen unterschiedlich aus regionaler Optik behandelt und beurteilt werden. So haben die Tessiner Medien zur Nomination von Ignazio Cassis einen ganz anderen «approach» – oder die Welschen mit Pierre Maudet und Isabelle Moret. Das ist sehr interessant, wie das hier bei den Medien funktioniert.

Ist es im Medienhaus mittlerweile etwas kühler im Sommer? Sie klagten über Temperaturen von über 30 Grad.
(lacht) Da habe ich mich mal etwas exponiert. Ja, es hat sich deutlich gebessert. Das Medienhaus ist mittlerweile klimatisiert. Aber wenn die Sonne so richtig «ane brettschged», kann es durchaus noch sehr warm werden.

Im Moment ist richtig viel Leben in Bern: Es läuft die Herbstsession. Ist das für Sie die spannendste Zeit im Jahr?
Es gibt Routinegeschäfte, ein Budget beispielsweise ist nicht wahnsinnig spannend. Eine Session hat aber den Vorteil, dass sie sehr strukturiert ist. Ich bin fast geneigt zu sagen: Ein dreiwöchiges Ferienlager. Während wir ausserhalb der Session viel mehr aus dem Tag heraus arbeiten müssen, gibt es während der Session keine «übrigen Themen». Die Bundesverwaltung ist angehalten, während der Session möglichst «den Deckel drauf» zu halten. Kaum ist die Session vorbei, kommt wieder die geballte Ladung der Verwaltung, die wieder zuschlägt (lacht).

Diesen Donnerstag debattiert der Nationalrat über die No-Billag-Initiative. Was erhoffen Sie sich für einen Ausgang?
Ich weiss nicht, ob ich mir etwas erhoffen soll. Die Schweiz ist ein Land der vier Kulturen, das widerspiegelt sich in der SRG. Die SBB ist auch eine Institution, wie auch die Post und die Swisscom. Die Bürger müssen sich klar werden: Welchen Wert haben solche Institutionen, wollen wir dazu stehen oder nicht? Das ist eine diplomatische Antwort – aber zu dieser stehe ich.

Wie schwierig ist es für Sie, gerade über ein solches Thema, das Sie betrifft, am Fernsehen eine Einschätzung zu geben?
Das kann man gut abstrahieren: Wir könnten sonst keine Themen machen. Zum Beispiel bei der AHV-Diskussion oder den Krankenkassenprämien, da müsste jeder von uns in den Ausstand treten, weil wir alle davon betroffen sind. Natürlich könnte man sagen, die SRG ist mein Arbeitgeber und man hat so eine gewisse emotionale Beziehung. Eine politische Analyse muss man aber auch als Mitarbeiter der SRG machen können. Man muss in der Lage sein, zu analysieren und zu interpretieren, unabhängig von der Herkunft. Der «Tages-Anzeiger»-Redaktor muss auch nicht alles gut finden, was Tamedia macht, muss aber in der ganzen politischen Diskussion trotzdem eine Meinung zum Beispiel über die Rolle des Verlegers haben.


Hanspeter Trütsch startete 1977 beim Schweizer Radio DRS als Stagiaire, danach wechselte er zum Regionaljournal Ostschweiz, später ins Ressort Innenpolitik/Wirtschaft. Ab 1990 stand er als Ostschweiz-Korrespondent vor den Kameras des Schweizer Fernsehens. Seit 1996 gehört er der Bundeshausredaktion an.


Dieser Artikel erschien am 12. September 2017 auf persoenlich.com


Text: persoenlich.com/Christian Beck

Bild: Imagopress / Patrick Lüthy

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