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Beitrag «Bangladesch und Burma entschieden über unsere Köpfe hinweg» von «Echo der Zeit» beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 30. Januar 2018 beanstandeten Sie den Beitrag «Bangladesch und Burma entschieden über unsere Köpfe hinweg» der Sendung «Echo der Zeit» (Radio SRF) vom 29. Januar 2018, konkret die Verwendung des Namens «Burma». Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Vom grossen Angebot der SRG nutze ich eigentlich nur die Sendung «Echo der Zeit» auf SRF1. Ich schätze die Diskussionsbeiträge zu aktuellen Themen sehr und bin von der hohen Kompetenz der Korrespondenten grundsätzlich überzeugt. Gestern allerdings kamen bei mir grosse Zweifel auf: Da wird in einem Bericht über die Flüchtlingssituation in Bangladesch und Myanmar durchgehend von Burma gesprochen: Wie kann es sein, dass ansonsten kompetente Korrespondenten und Sprecher den alten kolonialen Begriff für dieses Land benutzen? Könnten Sie mich darüber aufklären? Weigert sich die SRG, Abstand vom Kolonialismus zu nehmen?

Ganz allgemein fällt es häufig auf, dass in den Nachrichten Begriffe in einer Art ausgesprochen werden, die auf die schwache Kenntnis der Sachlagen der Sprecher hinweisen. Welche Ausbildung haben Ihre Nachrichtensprecher? Meine Kritik bezieht sich nicht auf die normalen Versprecher, Hustenafälle oder sonstiges, was durchaus vorkommen kann.

Die Tagesschau auf SRF 1 (Fernsehen) schaue ich schon seit 2 Jahren nicht mehr. Ihren Sprechern, insbesondere Herrn Inhauser, fehlt es deutlich an Objektivität und Distanz. Die Sprache des Körpers, insbesondere des Gesichts, sind immerhin sehr wichtig für die Vermittlung von Informationen. Vor einigen Tagen habe ich einen Blick gewagt in die Tagesschau und bin immer noch Herrn Inhauser begegnet. Nachrichten sollten kompetent, neutral und sachlich vorgetragen werden, denke ich. Ich werde es in zwei Jahren nochmals versuchen.

Am Herzen aber liegt mir vor allem der Bericht über Flüchtlinge und anderes aus Myanmar. Könnten Sie Ihre Sprecher darüber informieren, dass Myanmar schon seit geraumer Zeit unabhängig ist und die Hauptstadt auch nicht mehr Rangoon heisst bzw. ist?»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für das «Echo der Zeit» antwortete Herr Fredy Gsteiger, stellvertretender Chefredaktor von Radio SRF, wie folgt:

«Besten Dank für die Gelegenheit, Stellung zu nehmen zur Beanstandung von Frau X. Frau X stört sich daran, dass wir in unseren Sendungen in der Regel von Burma sprechen und nicht den offiziellen Namen Myanmar verwenden. Sie vermutet, dass wir damit dem kolonialen Namen den Vorzug geben und so den Kolonialismus indirekt rechtfertigen würden.

Im Zusammenhang mit Burma/Myanmar geht es freilich gar nicht um eine Frage von Kolonialismus versus Unabhängigkeit. Dies umso weniger als die beiden Landesbezeichnungen im Grunde dieselbe Herkunft haben, was zugegebenermassen aufgrund der deutschen Transkription alles andere als offenkundig ist. Hier deshalb ein Auszug aus Wikipedia:

<Burma und Myanmar sind eigentlich zwei Varianten derselben Bezeichnung. Die Schreibweisen Burma (englisch ausgesprochen) und davon abgeleitet Birma (in Deutschland) entsprechen dem birmanischen Namen Bama ['bɐma] mit verhältnismäßig dumpfem „a“ als erstem Vokal. Bama und Myanma sind seit jeher die einheimischen Bezeichnungen der größten Bevölkerungsgruppe, der Bamar, für sich selbst und für ihr Land. Der Übergang von ‹B› zu ‹M› ist fließend. Dazu kommen weitere Varianten je nach Dialekt. Die Form Myanma(r) entstammt der Schriftsprache und findet sich daher eher in historischen Dokumenten, während Bama umgangssprachlich verwendet wird. Vermutlich entstand Bama durch vereinfachte Aussprache aus Myanma.

Das -r in Myanmar wird im Birmanischen nicht gesprochen und auch nicht geschrieben: Myanma. Das -r wurde für die Schreibung im Englischen hinzugefügt, um die Länge der letzten Silbe anzuzeigen. Auch in Burma (englisch ausgesprochen) repräsentiert das r keinen zusätzlichen Konsonanten. Die Aussprache von Burma (englisch) ist tatsächlich sehr ähnlich wie die von Bama (birmanisch).>

Die offizielle Umbenennung erfolgte erst lange nach der Unabhängigkeit Burmas, nämlich erst 1989. Sie wurde verfügt durch das Militärregime und war äusserst umstritten. Entsprechend entbrannte auch gleich eine bis heute andauernde inner-burmesische Kontroverse. Die Opposition und oppositionsnahe Kreise haben die Umbenennung nie wirklich akzeptiert, weshalb auch Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi bis vor kurzem konsequent die Bezeichnung Burma verwendete. Seit sie Mitglied der Regierung ist, verwendet sie beide Begriffe. Regierungskritische Medien verwenden in ihrem Namen hingegen bis heute die Bezeichnung Burma.

Um Distanz zum Militärregime zu signalisieren, taten das lange Zeit auch die allermeisten ausländischen Medien und sehr viele internationale Nichtregierungsorganisationen.

Inzwischen sind manche umgeschwenkt; andere verwenden abwechselnd Burma oder Myanmar. Im deutschen Sprachraum ist jedoch die Bezeichnung Burma immer noch geläufiger und wird von den meisten Leitmedien hauptsächlich gebraucht: Spiegel, Zeit, Süddeutsche Zeitung, FAZ, NZZ, Tages-Anzeiger.

Wir tun das ebenfalls. Zwar setzt sich der Ländername Myanmar zunehmend durch und wird vermutlich von einem wachsenden Teil unseres Publikums richtigerweise Burma zugeordnet. Noch gar nicht durchgesetzt haben sich hingegen Begriffe wie Myanmare oder Myanmarin für die Bewohner des Landes oder gar myanmarisch als Adjektiv. Hier würden wir also Verwirrung stiften, wenn wir beim Ländernamen von Myanmar sprächen, in Bezug auf die Bevölkerung aber von Burmesen.

Falsch ist übrigens auch die Annahme, mit dem Namen Myanmar sei eher als mit dem Begriff Burma die gesamte Bewohnerschaft des Landes gemeint. Das kann schon deshalb nicht zutreffen, als beide Bezeichnungen dieselbe Herkunft haben. In beiden Fällen sind Minderheitenvölker, etwa die Rohingya und andere, nicht mitgemeint.

Dass wir von Burma und nicht von Myanmar sprechen, ist freilich keine endgültige, sondern eine vorläufige Entscheidung. Wir diskutieren regelmässig darüber, ob wir umschwenken sollen. Wir stehen in dieser Frage auch in Kontakt mit jenen beiden Schweizer Medientiteln, die – ebenso wie wir – regelmässig über das Land berichten, also mit der NZZ und dem Tages-Anzeiger. Denn wenn wir schon wechseln, wäre es natürlich der Einheitlichkeit dienlich, wenn zumindest SRF, NZZ und die Tamedia-Zeitungen den Schritt gleichzeitig vollzögen. Aus deren beiden Auslandredaktionen vernehmen wir jedoch, dass dort einstweilen ein Wechseln auf Myanmar nicht geplant ist.

Noch kurz zum zweiten Punkt, den Frau X anspricht, nämlich die Aussprache nichtdeutscher Begriffe durch unsere Nachrichtensprecher. Mangels Beispielen kann ich mich dazu nur generell äussern.

Wir halten uns bei der Aussprache grossmehrheitlich an die Aussprache-Datenbank der ARD. Sie ist die wichtigste im deutschen Sprachraum. Nur in Einzelfällen weichen wir davon ab, etwa wenn wir den Ländernamen Niger französisch und nicht deutsch aussprechen – dies im Bewusstsein, dass in der viersprachigen Schweiz die französische Version dem Publikum oft näher ist als die deutsche.

Zur Frage nach der Ausbildung: Die meisten unserer Nachrichtensprecher haben ein Hochschulstudium absolviert; viele von ihnen sammelten bereits journalistische Erfahrungen in andern Redaktionen, bevor sie zu Radio SRF stiessen. Allerdings gibt es bei uns nicht länger die reinen Nachrichtensprecher früherer Jahrzehnte, die oft eine Schauspiel- oder Rhetorikausbildung genossen haben. Aus Effizienzgründen werden Nachrichtensprecher zusätzlich auch als Nachrichtenredaktoren einsetzt (sie formulieren also Nachrichtentexte) und manche von ihnen auch als Dienstleiter (diese entscheiden über die Auswahl und Gewichtung von Nachrichtenmeldungen).

Wir bitten Sie, sehr geehrter Herr Blum, die Beanstandung von Frau X abzulehnen.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung und der Namensverwedung. Sie haben natürlich Recht: Die meisten Umbenennungen von Staaten haben einen antikolonialen, emanzipatorischen oder revolutionären Grund. So wurde Persien 1935 unter dem Schah Reza Pahlevi I., der so etwas wie der Attatürk seines Landes war, zu Iran, 1939 wurde Siam aus nationalistischen Gründen zu Thailand, 1957 wurde aus der Goldküste Ghana, 1964 aus Nordrhodesien Sambia, 1972 aus Ceylon Sri Lanka, 1974 aus Abessinien Äthiopien, 1975 aus Dahomey Benin, 1980 aus Südrhodesien (bzw. Rhodesien) Simbabwe und 1984 aus Obervolta Burkina Faso. Im Falle des ehemals belgischen Kongo blieb der Name nach der Unabhängigkeit von 1960 zunächst weiterhin Kongo, dann, unter der Diktatur Mobutus, hieß das Land von 1971 an Zaire, und 1997, nach dem Sturz Mobutus, kehrte der Name Kongo zurück. Es ist sicher richtig, die Länder im Prinzip so zu nennen, wie sie sich selber nennen.

Im Falle von Myanmar/Burma hat allerdings der Namenswechsel mit der Unabhängigkeit nichts zu tun. Burma wurde 1948 unabhängig, der Namenswechsel erfolgte erst 1989 unter der Militärdiktatur. Interessant ist, dass die Reisebüros fast durchweg von Myanmar sprechen, also den neuen Namen auch für ihre Kataloge und Websites angenommen haben. Doch die Argumentation von Herrn Gsteiger leuchtet ein: Die beiden Namen bedeuten eigentlich das Gleiche, sprechen sich ähnlich aus, «Burma» ist im deutschen Sprachraum nach wie vor gebräuchlicher, und die wichtigsten deutschsprachigen Medien halten vorerst daran fest. Es sind also praktische Gründe und nicht die einer Affinität zur Kolonialzeit, die bei SRF für «Burma» sprechen.

Solche praktischen Entscheide gehören zur Programmautonomie der Redaktionen. Als Ombudsmann habe ich keinen Anlass, im Gebrauch des Namens «Burma» eine Missachtung des Radio- und Fernsehgesetzes zu sehen. Ich kann daher Ihrer Beanstandung nicht beipflichten.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

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