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Sendung «SRF bi de Lüt – unser Dorf» aus Amden beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 21. März 2018 beanstandeten Sie die Sendung «SRF bi de Lüt – Unser Dorf», und zwar die ersten drei Folgen über Amden, die am 2., 9. und 16. März 2018 ausgestrahlt wurden.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Also wir müssen nun wirklich diese Sendung von Amden beanstanden. So etwas von langweilig, besonders dieses ‘einfältige’ Chauffeurenpaar, letztes Mal Hund gekauft und immer wieder im Bild, sowas von Langweiligem, blöden Paar. Es gäbe sicher andere Menschen, die es wert wären in das Bild von Amden zu setzen. Dieses Paar ‘suulet’ sich richtig im Bild, mega süchtig, gesehen zu werden. Bitte stellen Sie diese Sendung endlich ab. Es gibt sicher Orte, die interessant sind und wir und alle Mitmenschen gerne sehen würden. Wir haben kein Geld für solche blödsinnigen Menschen.»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die Abteilung Unterhaltung antwortete Herr Hansjörg Niklaus, Senior Producer Factual Entertainment:

«Die Beanstandung zur Sendung ‘SRF bi de Lüt – Unser Dorf’ kritisiert erstens die beiden Protagonisten Bea Good und ihren Partner David Thoma und fordert zweitens die Einstellung der Sendung.

1. Zur Kritik an den Protagonisten

In der Dokuserie ‘SRF bi de Lüt – Unser Dorf’ wird in fünf Folgen das Dorfleben von Amden gezeigt. Allgemein gilt, dass in solchen dokumentarischen Sendungen nicht alle Dorfbewohner portraitiert werden können, sondern nur eine Auswahl. Diese Auswahl soll möglichst unterschiedliche Charaktere, Lebensentwürfe, Altersklassen, Familienmodelle und Berufe umfassen. In Amden wurden darum die beiden alteingesessenen Charakterköpfe und Dorforiginale gezeigt, eine voll im Vereinsleben engagierte Familie, ein Künstler, der anders lebt als die meisten, eine christlich geprägte Familie, die einen jungen Flüchtling aufgenommen hat, eine Bauernfamilie, die ein Bergrestaurant führt und eben Bea Good und David Thoma, die als Buschauffeure jeden Tag das langgezogene Dorf durchqueren und Kontakt mit vielen Dorfbewohnern haben. Mit dieser Auswahl soll die Vielfalt des Dorflebens gezeigt werden und der Charakter und Zusammenhalt der Dorfbewohner ersichtlich werden.

Die Auswahl der Protagonisten wurde von der Redaktion unter Berücksichtigung der publizistischen Leitlinien von SRF getroffen. Es ist klar, dass wegen der vorangehend skizzierten Diversität nicht alle Protagonisten allen Zuschauern gefallen und auch nicht gefallen müssen. Insofern ist ein persönliches Urteil jedem Zuschauer überlassen. Allerdings ist der Vorwurf von ‘einfältig’ und ‘blöd’ aus Sicht der Redaktion nicht nachvollziehbar. Ebenso ist der Vorwurf vom ‘im Bild suulen’ nicht haltbar, da die Auswahl der Bilder und die Länge der jeweiligen Geschichten und Portraits Sache der Redaktion und nicht der Protagonisten sind.

2. Zur Einstellung der Sendung

Mit ‘SRF bi de Lüt’ geht das Schweizer Radio und Fernsehen raus aus den Studios hin zu den Menschen in den Dörfern und Regionen der Schweiz. ‘SRF bi de Lüt’ ist eine Marke und steht für schweizerische Unterhaltung für die ganze Familie. ‘SRF bi de Lüt’ zeigt die Volkskultur in ihrer ganzen Vielfalt – von Brauchtum und Tradition bis hin zur gelebten Alltagskultur einer zeitgenössischen Schweiz.

Die Sendung ‘SRF bi de Lüt – Unser Dorf’ ist seit Jahren Teil der Sendereihe ‘SRF bi de Lüt’ und entspricht vollumfänglich den publizistischen Leitlinien von SRF. Die Sendung war und ist sehr beliebt und erfolgreich mit entsprechend hohen Zuschauerzahlen und Marktanteilen. Eine Einstellung der Sendung steht für die Redaktion daher nicht zur Debatte.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Eine schöne Idee, das Dorf Amden am Beispiel von sieben Personen und ihren Partnern und Familien vorzustellen! Als ich im Militärdienst mal in Amden war, war ich fasziniert von der einmaligen Lage des Dorfes und der Aussicht. Amden ist eine politische Gemeinde im Bezirk Gaster im Süden des Kantons St. Gallen[2] und zählt 1800 Einwohner. Mit einer Ausdehnung von 43,5 Quadratkilometer ist die Gemeinde größer als der Kanton Basel-Stadt. Der höchste Punkt liegt auf 2101 Meter am Leistenkamm, der tiefste auf 421 Meter am Walensee. Das Dorf mit dem Charakter einer Streusiedlung besteht aus vier Teilen.

Wappen der Gemeinde Amden

Amden lebt von der Landwirtschaft und vom Gewerbe, aber auch vom Tourismus [3] und wirbt für sich als Familienskigebiet, ebenso als Wanderland.[4] 1847 gab die Stimme Amdens den Ausschlag dafür, dass der Kanton St. Gallen auf die Seite der Radikalen trat und den katholisch-konservativen Sonderbund bekämpfte.[5]

Die Episoden, die „SRF bi de Lüt“ erzählt, sind farbig und vielfältig und aus dem Leben gegriffen. Sie zeigen, dass in einer solchen Dorfgemeinschaft Platz ist für verschiedene Lebensentwürfe, und so entsteht ein plastisches Panorama. Die Episoden sind echte Unterhaltung, aber sie sind auch Lehrstücke. So ist eindrücklich, welchen Integrations- und Arbeitswillen der afghanische Flüchtling Tanweer Saleh aufbringt. So ist interessant, dass auch jene, die von außen zugezogen sind, nicht mehr aus Amden wegwollen. Und spannend sind natürlich die Zwischenfälle: Als David Thoma auf der Fahrt zum Traktoren-Oldtimer-Treffen am Sihlsee irrtümlich Diesel tankt statt Benzin; als im Stall der Familie Gmür plötzlich die Kuh kalbert; oder als Daniela Büsser auf der Bühne beim Konzert der Dorfmusik plötzlich merkt, dass sie die falschen Schuhe trägt. Ich habe mir die drei ersten Folgen genau angesehen und kann überhaupt nicht nachvollziehen, dass sie langweilig sein sollen. Und ich kann auch nicht nachvollziehen, wie Sie zum Eindruck kommen, das Bus-Chauffeur-Paar Bea Good und David Thoma komme überproportional zum Zug. Das ist nämlich überhaupt nicht der Fall: Immer wieder wird der Strang einer der vier oder fünf Geschichten aufgenommen; abwechselnd wird weitererzählt. Die Good-Thomas, die Müllers, die Königs, die Büssers, die Gmürs – sie alle sind anteilig etwa gleich stark vertreten.

Natürlich kann man die einen der auftretenden Personen sympathischer finden als die andern. Da gehen die Ansichten sicher auseinander. Mir haben die Kontraste gefallen und das Gesamtbild, das sich daraus ergibt. Und ich stimme Herrn Niklaus vollkommen zu, dass eine solche Serie einen Beitrag leistet zur Vermittlung der Kultur im vielfältigsten Sinne – der ländlichen Kultur, der Volkskultur, der Integrationskultur, der politischen Kultur. Eine solche Sendereihe darf auf keinen Fall abgesetzt werden. Und Sie werden nicht erstaunt sein, dass ich Ihre Beanstandung in keiner Weise unterstützen kann.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] https://www.srf.ch/sendungen/srf-bi-de-luet-unser-dorf/amden/srf-bi-de-luet-unser-dorf-in-amden-sg; https://www.srf.ch/sendungen/srf-bi-de-luet-unser-dorf/amden/unser-dorf-2-5-oldtimer-viehschau-charmantes-bergbeizli;https://www.srf.ch/sendungen/srf-bi-de-luet-unser-dorf/amden/unser-dorf-3-5-einige-herausforderungen

[2] http://www.gemeinde-amden.ch/de/

[3] https://www.amden-weesen.ch/

[4] https://www.schweizmobil.ch/de/wanderland/services/orte/ort-0369.html

[5] http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D1360.php

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