SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Zwei Beiträge aus dem Themenabend Asyl beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 29. November 2018 beanstandeten Sie aus dem Themenabend Asyl vom 27. November 2018 zwei Beiträge, die Fernsehen SRF 2 ausstrahlte, nämlich den DOK-Film «Televisionen – von Menschen und Stereotypen» und die Diskussionsrunde «Fremdes Pack und Füdlibürger».[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Da ich keinen Fernseher besitze, habe ich die genannten Sendungen zufällig bei Bekannten geschaut. Dies ist mein erstes Mail an die Ombudsstelle. Als parteiloser toleranter Schweizer Bürger der regelmässig Steuern bezahlt, sind mir die zwei Sendungen vom letzten Dienstagabend zum Thema Einwanderung regelrecht aufgestossen.

Diese wehleidige, einseitige Berichterstattung geht völlig an der Realität vorbei. Sowohl das Konzept als auch der Inhalt der Dokumentation haben eine tendenziöse, manipulative Absicht. Das Schweizer Fernsehen hat den Auftrag neutral und offen zu informieren. Dies war hier nicht der Fall. Das SRF muss sich nicht wundern, wenn immer wieder linkslastige Informationspolitik als Vorwurf aufkommt.

Das Redaktionsteam soll ebenfalls mal folgende Stellen besuchen:

  • Betreibungsamt
  • Sozialamt (z.B. Liestal oder Pratteln....)
  • Arbeitsamt
  • IV-Stelle
  • Notfallstationen
  • Staatsanwaltschaft
  • Schulen in der Stadt
  • Verwaltung der Sozialwohnungen einer Stadt
  • Tramführer
  • Polizeistellen
  • Zahnärzte
  • Claraplatz in Basel ab 22 Uhr
  • Bahnhof
  • Versicherung (Abteilung Diebstahl)
  • Steueramt
  • Moschee
  • Frauenhaus
  • Untersuchungsgefängnis
  • Flugplatz

Da sieht die reale Welt ganz anders aus. Senden sie eine Reportage zum Thema: Was macht die Schweiz für Zuwanderer und Migration....und was kostet dies den Steuerzahler. Dies wäre mal eine Reportage wert. Da würden sich wahrscheinlich die meisten Zuseher wundern....

Die anschliessende Diskussion war völlig überflüssig und langweilig. Die Teilnehmer waren selbstverständlich alles tolle Menschen und haben in der Schweiz sicherlich keine Probleme. Und kein Schweizer hat mit ihnen ein Problem. Mitteleuropa ist die toleranteste, offenste und freiheitlichste Region der Welt.

Nehmen sie Ihren Auftrag ernst und behandeln sie ein Thema in allen Facetten, neutral und transparent.»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Frau Karoline Wirth von der Abteilung Programme, SRF Spezial, schrieb:

«Besten Dank für das Weiterleiten des Emails von Herrn X. Gerne nehme ich Stellung zu seinem Schreiben vom 29. November 2018. Herr Gehring beanstandet darin den Dokumentarfilm ‘Televisionen – Von Menschen und Stereotypen’ und die anschliessende Diskussionsrunde vom 27.10.18 auf SRF zwei.

Herr Gehring bezeichnet das Gesendete folgendermassen:

Punkt I: <Diese wehleidige, einseitige Berichterstattung geht völlig an der Realität vorbei.>

Die Redaktion teilt die Einschätzung nicht. Beim Auftrag an die Macher des Dok-Films ‘Televisionen’ ging es um einen neuen Zu- und Umgang mit dem SRF-Archiv. Das Narrativ bestand darin, mit dem Stereotyp des Ausländers durch die Zeit und Geschichte zu gehen. Der Auftrag führte auch zu einer Reflexion, wie das Fernsehen selber in 60 Jahren den Begriff des Stereotyps geschaffen und bewirtschaftet hat. Der Film zeigt exemplarisch, dass es eine grosse Vielfalt an Menschenbildern und Rezeptionen gibt: Einmal ist der Ausländer willkommener Gastarbeiter, mal Schmarotzer, mal ein kulinarischer Meister und mal ein Krimineller. Mit dem Vorwurf einer einseitigen Berichterstattung sind wir nicht einverstanden. Die Regisseure zogen zur inhaltlichen Absicherung ausserdem von Anfang an einen Historiker der Universität Zürich bei, der das Projekt eng begleitete.

In der anschliessenden Diskussionsrunde nahmen fünf Leute Platz, die durch ihre Herkunft mit Vorurteilen konfrontiert sind. Einseitig wäre in den Augen der Redaktion, man würde diese Leute nicht zur Sprache kommen lassen. Fakt ist, dass eine Million Menschen in der Schweiz neben dem Schweizer Pass noch einen zweiten haben. Und eine weitere Million Menschen einen Schweizer Pass besitzen, aber ihr Name oder ihr Äusseres auf ausländische Wurzeln hindeutet.

Gerne verweisen wir auf die ‘Publizistische Leitlinien’ von SRF, die in Abschnitt 1.1. unseren Auftrag formulieren: < Der Service public orientiert sich am Gemeinwohl. Er ist der Öffentlichkeit als Gesamtheit verpflichtet. Unsere Aufgabe ist es, den Diskurs über alle gesellschaftlich relevanten Sachverhalte zu fördern und die öffentliche Debatte zu beleben. Dabei haben wir die Pflicht, Ereignisse und Entwicklungen nicht nur abzubilden, sondern auch kritisch zu prüfen.>

Auf den Vorwurf ‘wehleidig’ möchte die Redaktion nicht eingehen. Mit dem Wort wird ein überempfindliches Jammern insinuiert, welches die Redaktion weder sieht noch teilt.

Punkt II: <Sowohl das Konzept als auch der Inhalt der Dokumentation haben eine tendenziöse, manipulative Absicht.>

Die Redaktion weist den Vorwurf zurück. Die Absicht des Themenabends war, Stereotype zu hinterfragen und diese aufzubrechen. Eine voreilige Schubladisierung von Menschengruppen geschieht häufig. Dabei spielt es keine Rolle, um wen es geht. Ob um Ausländer, Banker, Frauen, Jugendliche, Bauern, Weltverbesserer – Stereotype sind Schubladen, die komplexe Bilder vereinfachen, aber der Sache kaum gerecht werden. Die Redaktion wollte die Fragen stellen, warum man sich trotzdem den Verallgemeinerungen bedient und wie Stereotype zu Stande kommen.

Sehr wohl bewusst war uns die gesellschaftspolitische Kraft des Themas und dass es emotional und kontrovers diskutiert werden kann. Die Meinungsvielfalt ist ein zentraler Auftrag von SRF. Wir glauben, der Vielfalt Rechnung getragen zu haben.

Punkt III: <Das Schweizer Fernsehen hat den Auftrag neutral und offen zu informieren. Dies war hier nicht der Fall.>

Breit und auf allen Kanälen wurde das Thema am 27.10.18 behandelt: Im ‘Treffpunkt’ auf Radio SRF1, online auf srf.ch/kultur, auf SRF zwei (mit dem besagten Dok-Film, einer Diskussionrunde und einem Comedy-Schwerpunkt), sowie auf unseren social-media-Kanälen. Mit der Fokussierung nur auf ein Themenfeld (zBsp. Raser oder Kriminalität) wären wir an der Realität vorbeigegangen. Mit der Vielfalt und den unterschiedlichen Ansätzen konnten wir das Thema aber repräsentativ abbilden.

Punkt IV: Vorschlag noch andere Stellen zu besuchen und <ein Thema in allen Facetten, neutral und transparent> zu behandeln

Der Aufforderung nach einer thematischen Vielfalt, Unabhängigkeit und Transparenz kommen wir gerne nach. Für die Auswahl der Themen stützen wir uns gemäss den Richtlinien in Punkt 3.1 auf Kriterien wie Wichtigkeit, Publikumsinteresse und Relevanz. Dabei verlassen wir uns auf die richtige Zusammensetzung, die die Eigenheiten des Landes und ihre Menschen wiederspiegelt. Wir wollen damit das gegenseitige Verständnis fördern und einen Beitrag zur Meinungsbildung leisten (Programmcharta der SRG). Alle erwähnten Punkte sind in unseren Augen beim Thema Stereotypisierung von Ausländern gegeben.

Wir bedauern, dass Herr X die Diskussion als überflüssig und langweilig empfunden hat. Die Redaktionsleitung nimmt die Beanstandung zur Kenntnis, weist die Kritikpunkte aber zurück.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Sie haben sich über die zwei Stücke im Programm von Fernsehen SRF 2 geärgert und kritisieren sie hauptsächlich in dreierlei Hinsicht:

  • Die Dokumentation sei wehleidig und einseitig gewesen in einer tendenziösen, manipulativen Absicht.
  • Das Fernsehen müsste diverse Ämter und Schauplätze aufsuchen und dann in einer Reportage zeigen, welche Probleme und welche Kosten die Migration mit sich bringt.
  • Die anschliessende Diskussion sei überflüssig und langweilig gewesen.

Ich stimme Ihnen zu, dass die Migration der Schweiz nicht nur Vorteile beschert. Durch die Zuwanderung entstanden auch Probleme des Zusammenlebens wegen der verschiedenen Kulturen, Sprachen und Mentalitäten, wegen der Infrastrukturbelastung, der Sicherheit, der Religionen, der vorrangig zu beachtenden Rechtsordnung und der Bevölkerungsdichte. Aber die Schweiz ist seit Jahrhunderten ein Land der Auswanderung und ein Land der Einwanderung. Die Helvetier wanderten gesamthaft aus und suchten ihr Glück in Italien, mussten aber zurückkehren. In das heutige Gebiet der Schweiz strömten Römer, Alemannen, Burgunder, Hugenotten, Polen, Deutsche, Italiener, Ungarn, Tamilen, Jugoslawen, Afrikaner. Tausende Schweizer wanderten im 19. Jahrhundert nach Amerika, Kanada oder Algerien aus. Dank der Hugenotten blühte im Jura die Uhrenindustrie auf. Dank der Italiener entstanden so stolze Bauwerke wie der Gotthard- und der Simplontunnel. Die Migrationsgeschichte erzählt von Leid und Freud auf beiden Seiten, sie ist variantenreich.

Genau diese Varietät bildete die dokumentarische Zusammenstellung im Film «Televisionen – von Menschen und Stereotypen», gestaltet ausschliesslich aus SRF-Archivmaterial, farbig ab. Der Film sprach eine Vielzahl von Wahrheiten aus, die all die Widersprüche der Migration ausdrücken:

  • Die ausländischen Arbeitskräfte verrichteten vorrangig jene Arbeiten, die die Schweizer nicht (mehr) übernehmen wollten. Sie sorgten vor allem dafür, dass Straßen, Tunnel und Häuser gebaut wurden.
  • Diese herbeigerufenen Arbeiter wohnten zusammengepfercht in Baracken und wurden teilweise wie Tiere behandelt.
  • Sie wirkten auf die einheimische Bevölkerung fremd. Sie wurden angefeindet, man sah sie als Schmarotzer. Angst vor Überfremdung kam auf. Man fürchtete um den verfügbaren Raum, um die Arbeitsplätze, um die eigene Kultur.
  • Jene, die als Flüchtlinge in die Schweiz kamen, durften nicht arbeiten und lebten unter dem Damoklesschwert der Rückschaffung. Auch Flüchtlinge wurden teilweise wie Tiere gehalten.
  • Gegen Deutsche gab es in der Schweiz eine eingefleischte Abneigung.
  • Umgekehrt spendete die Schweiz immer wieder Millionen für humanitäre Hilfe.
  • Unter den Migranten gab es Kriminelle, so Messerstecher, Dealer, Raser.
  • Andere Eingewanderte waren beruflich zielstrebig und machten Karriere.
  • Gleichwohl blieben die meisten Migranten in ihrer Herkunftskultur verhaftet. Als besonders problematisch erwies sich der Islam, soweit er sich nur auf die Scharia stützt, und insbesondere der Islamismus.
  • Nichtsdestotrotz jubelte die Schweiz immer wieder Migranten zu, besonders im Sport (Kugelstoßen, Fußball usw.).

Alle diese Aspekte wurden im Zusammenschnitt gestreift, und da kann man wirklich nicht behaupten, dass dieses Panorama wehleidig, einseitig, tendenziös und manipulativ gewesen sei. Etwas eigenartig war höchstens die Ich-Stimme im Off, die einen Ausländer oder eine Ausländerin vertrat. Das war nicht unbedingt gelungen, und der Satz «Ich arbeite als Hilfskraft und heirate die Schwester von Christoph Blocher» war deplatziert, auch wenn er stimmt.[2] Das Panorama aber tippte die Problematik in ihrer ganzen Breite an.

Natürlich müssen die Medien an all die Schauplätze gehen, die Sie erwähnen. Das tun sie auch immer wieder. Aber in den gleichen Beitrag konnte man das alles mit dem besten Willen nicht hineinpacken.

Und die Diskussion «Fremdes Pack und Füdlibürger» in der Runde von fünf Menschen mit Migrationshintergrund aus Indien, Bosnien, China, Kosovo und Italien fand ich keineswegs langweilig und unnötig. Auf mich wirkte sie zugleich klug und anrührend. Diese fünf Menschen haben viel von der Schweiz erfasst.

Zusammengefasst war die zuständige Redaktion in keiner Weise manipulativ. Man kann sich über die Qualität der Dokumentation und der Diskussion streiten, aber es lag in der Programmautonomie des Fernsehens, das Thema so anzugehen. Die beiden Teile waren durchaus sachgerecht. Ich kann daher Ihre Beanstandung nicht unterstützen, so sehr ich Ihnen beipflichte, dass auf den diversen Schauplätzen noch viel Material für Medienbeiträge bereit liegt.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] https://www.srf.ch/play/tv/kultur/video/televisionen---von-menschen-zu-stereotypen?id=573df265-ce21-4bbc-8350-1296230e7738&station=69e8ac16-4327-4af4-b873-fd5cd6e895a7 ; https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/migration-und-assimilation-es-ist-vermessen-zu-glauben-dass-man-sich-immer-zuhause-fuehlt

[2] Judith Giovanelli-Blocher, geboren 1932, heiratete 1980 Sergio Giovanelli.

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