Illustration: Zeigefinger streckt sich in die Luft
SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Nichtberichterstattung über Generalstreik in Indien beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail und Ihrem Brief vom 14. Januar 2019 beanstandeten Sie, das Radio und Fernsehen SRF über einen Generalstreik in Indien, der am 8. und 9. Januar 2019 stattfand, nicht berichtet hat. Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

„Ich bin heute im Internet auf eine Meldung gestossen, die mich stutzig gemacht hat. Am 8. und 9. Januar fand in Indien ein Generalstreik von 200 Millionen Menschen statt. Diese Meldung fand ich beim TCS und anderen unabhängigen Internetseiten bestätigt. Da ich in den Medien hierzulande aber nichts darüber erfahren habe, durchsuchte ich vor allem das SRF Portal nach dieser Meldung. Leider ergebnislos.

Meinen Sie nicht auch, dass ein Ereignis von solcher Grössenordnung nicht auch eine Meldung wert sein sollte? Der Bericht über die Kumbh Mela in Indien, (Tagesschau vom 13.Januar 2019 Zeit 13.02) wurde ja auch gesendet. Das SRF redet von Relevanz und journalistischer Professionalität. Da frage ich mich ernsthaft, wer beim SRF für die Auswahl der Berichte zuständig ist und wie fern diese Person, persönlich von solchen Entscheidungen profitiert.

Mir wurde nach dem Durchlesen des Bundesgesetzes über Radio und Fernsehen klar, dass nach Artikel 4.4 dem SRF nicht vorgeschrieben werden kann was sie zu senden hat. Dennoch liegt diese nicht Berichterstattung ganz klar im Widerspruch mit Artikel 24.4a und 73.1“

B. Die zuständige Redaktionen erhielten Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für SRF antworteten Herr Fredy Gsteiger, stellvertretender Chefredaktor von Radio SRF, und Herr Franz Lustenberger, ehemaliger stellvertretender Redaktionsleiter der «Tagesschau» (Fernsehen SRF).

Hier ist zunächst die Stellungnahme von Herrn Gsteiger:

«Besten Dank für die Gelegenheit, Stellung zu nehmen zur Beanstandung von Herrn X. Er kritisiert, dass wir nicht über einen Generalstreik in Indien, der in der zweiten Januarwoche 2019 stattfand, berichtet haben. Ich beschränke mich in meiner Stellungnahme auf Radio SRF.

Tatsächlich trifft es zu, dass wir diesen Generalstreik nicht thematisiert haben. Auch die allermeisten anderen relevanten Medien taten das nicht. Weder in der Schweiz noch anderswo in Europa. Nach Abklärungen unserer Nachrichtenredaktion war der Streik in den grossen Nachrichtenagenturen – Reuters, AFP, DPA oder AP – kein oder so gut wie kein Thema. Unsere Nachrichtenredaktion stützt sich massgeblich auf diese Agenturen, da wir als Schweizer Medium mit sehr beschränkten Mitteln in vielen Fällen ausserstande sind, die gigantische Fülle an internationaler Information selber zu sichten und zu verarbeiten. Wir brauchen die Agenturen und andere internationale Medien als Schleusenwärter. Den indischen Streik aufgegriffen haben unter den ausländischen Medien praktisch ausschliesslich ein paar wenige mit prononciert linkem Kurs («Neues Deutschland» zum Beispiel) – was selbstverständlich nicht heisst, dass es falsch war, darüber zu berichten. Angesichts eines riesigen Landes wie Indien mit einer Milliardenbevölkerung können wir stets nur einen winzigen Teil der aktuellen Ereignisse aufgreifen in unserer Berichterstattung.

Herr X verlangt von uns Relevanz und journalistische Professionalität. Dies sind in der Tat auch unsere Ansprüche an uns selber. Wir versuchen, ihnen zu genügen, indem wir von Indien ein Bild zeichnen, dass es unserem Publikum erlaubt zu verstehen, welche grossen Entwicklungen sich dort abspielen, welche Konflikte ausgetragen werden, was die Inder umtreibt, welchen Chancen, Herausforderungen und Problemen Indien gegenübersteht. Wir tun das, anders als bei Ländern, die hierzulande täglich auf dem Medienradar sind – die grossen Nachbarstaaten, die USA -, nicht mit einer systematischen, tagesaktuellen Laufberichterstattung. Vielmehr indem wir uns bemühen, exemplarische Ereignisse oder Entwicklungen herauszugreifen, um diese dann in Form von Reportagen, Analysen und Gesprächen darzustellen. Damit streben wir an, ein anschauliches Gesamtbild dieses vielfältigen Landes zu zeichnen.

Seit gut acht Jahren verfügen wir als eines von ganz wenigen Schweizer Medien über einen festen Korrespondentenposten in Indien. Zunächst berichtete Karin Wenger über Südasien, seit zwei Jahren ist Thomas Gutersohn zuständig. Ich glaube, behaupten zu dürfen, dass in den vielen Berichten der beiden ein faires und vor allem vielfältiges Panorama von Indien entstand. Und dass die Anliegen der Arbeiterschaft in vielen Reportagen, Features und Interviews durchaus und immer wieder Gehör fanden.

Die Nichtberichterstattung in diesem einen Fall besagt daher keineswegs, dass die Thematik bei uns grundsätzlich nicht oder zu wenig vorkommt. Welches konkrete Ereignis man nun als geeigneten Aufhänger zur Thematisierung einer Realität oder einer Entwicklung nimmt – darüber lässt sich natürlich endlos debattieren.

Etwas ratlos lässt mich der indirekte Vorwurf von Herrn X, dass jene Kolleginnen und Kollegen bei uns, die über eine Berichterstattung oder Nichtberichterstattung befinden, von dieser, also ihrer eigenen Entscheidung profitieren. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, welchen Nutzen es für unseren Korrespondenten oder einen Ausland- oder Nachrichtenredaktor haben könnte zu entscheiden, über einen indischen Generalstreik nicht zu berichten. Ich bitte Sie deshalb, sehr geehrter Herr Blum, die Beanstandung von Herrn X abzulehnen.»

Und hier folgt die Stellungnahme von Herrn Lustenberger:

«Mit Mail vom 14. Januar hat Herr X eine Beanstandung gegen die Tagesschau vom 8./9. Januar eingereicht. Er kritisiert die Nicht-Berichterstattung über den zweitägigen Generalstreik in der zweiten Januarwoche in Indien.

Aktuelle Berichterstattung

Fredy Gsteiger, stellvertretender Chefredaktor von Radio SRF, hat aus Sicht von Radio SRF Stellung genommen. Fernsehen SRF schliesst sich der Argumentation von Fredy Gsteiger an. Ein Blick in die Schweizerische Mediendatenbank SMD zeigt zudem, dass hierzulande einzig die Gewerkschaftszeitung ‘Work’ über den Streik in Indien berichtet hat. Die Tageszeitungen haben den Streik nicht in ihre Blätter aufgenommen.

Aus Fernsehsicht ist hinzuzufügen, dass der zweitägige Streik in Indien auf keiner Agenda (News-Agentur oder Video-Agentur) als Top-Event angekündigt war. SRF hat über den internationalen Video-Austausch, auf den SRF als kleine TV-Anstalt in der aktuellen Auslandberichterstattung angewiesen ist, keine bewegten Bilder erhalten.

Im Gegensatz zum Streik eine Woche zuvor haben die internationalen Video-Agenturen Bildmaterial vom Kumbh Mela Fest verbreitet. Daraus hat die Tagesschau einen Bericht realisiert; auch weil die Unesco die Kumbh Mela als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt hat. [1]

Schweizer Fernsehen SRF kann in den beiden tagesaktuellen Sendungen Tagesschau und 10v10 von je rund 25 Minuten Sendedauer nie die Ereignisse auf der ganzen Welt in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft, Kultur und Sport thematisieren. Die Redaktionen stellen sich immer die Relevanz-Frage – was ist heute wichtig, was betrifft direkt oder indirekt auch die Menschen hier in der Schweiz, was ist für den Meinungsbildungsprozess in unserer Demokratie von Bedeutung.

Hintergründige Berichte zu Indien

Schweizer Fernsehen SRF ist sich der Bedeutung Indiens als regionale Grossmacht und aufstrebende Wirtschaftsmacht sehr bewusst. In verschiedenen, eher hintergründigen Berichten wurden verschiedenste Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklung Indiens beleuchtet. Das belegen die folgenden Beispiele:

In der Sendung 10v10 vom Freitag 25. Januar wird über die Bemühungen berichtet, talentierte Kinder aus indischen Slums zu finden und zu fördern.[2]

In der Tagesschau vom 19. Dezember 2018 wird über das Problem der Plastikabfälle berichtet.[3] In der Sendung Reporter vom 18. November 2018 wird eine Schweizerin gezeigt, welche in Indien eine neue Gemeinschaft und die Utopie einer besseren Welt zu realisieren versucht.[4] Die Sendung 10v10 vom 17. September 2018 widmet sich dem Pestizid-Einsatz und den Folgen für die lokale Landwirtschaft.[5]

‘Pflichtstoff’

Der Beanstander weist in seinem Schreiben auf den Programmauftrag der SRG gemäss Gesetz und Konzession hin. Schweizer Fernsehen bemüht sich täglich, diesen in den aktuellen und den hintergründigen Sendungen (Reporter, DOK) zu erfüllen. Aus den Vorschriften des Gesetzes kann aber nicht abgeleitet werden, dass ein Generalstreik in Indien zum Pflichtstoff von Fernsehen SRF gehört. Auch liegt nach unserer Ansicht deswegen keine Gefährdung der Meinungs- und Angebotsvielfalt vor.

Fazit

Die Berichterstattung / Nicht-Berichterstattung über Ereignisse liegt im Ermessen der Redaktion; sie ist gewährleistet durch die Programmautonomie gemäss Bundesverfassung (Art.93, Abs.3) und gemäss RTVG (Art. 6, Abs.2), welche explizit die Wahl der Themen der Verantwortung der Programmveranstalter überlässt.

Schweizer Fernsehen SRF ist sich aber der Bedeutung Indiens bewusst; sie nimmt diesen journalistischen Auftrag mit einer eigenen Korrespondentin wahr, die mit hintergründigen Beiträgen dem Schweizer Publikum diesen grossen Subkontinent mit seinen Menschen und Entwicklungen näher bringt.

Ich bitte Sie, die Beanstandung in diesem Sinne zu beantworten.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Nichtberichterstattung. Wir müssen uns zwei Dinge ins Gedächtnis zurückrufen:

  1. Die Schweiz ist ein europäisches Binnenland, zudem ein nach politischer Tradition und politischer Kultur westliches Land, weiter ein primär christliches Land. Die Schweiz wurde geprägt von den Römern, den Karolingern, den Habsburgern, den Franzosen, den Immigranten. Sie übernahm Elemente für ihr politisches System von Frankreich, Großbritannien und den USA. Demzufolge interessieren die Schweizer Bevölkerung in erster Linie Weltgegenden, die dem eigenen Land geografisch, kulturell, politisch und mentalitätsmäßig nahe sind, zudem die Entscheidungen der Supermächte USA, Russland und China. Aus dem Kulturkreis, dem die Schweiz primär angehört, stammen auch die wichtigsten Nachrichtenagenturen der Welt , nämlich AP (USA), Reuters (Großbritannien) AFP (Frankreich) und DPA (Deutschland). Diese Weltsicht bestätigt ferner die Nachrichtenwerttheorie. Sie besagt, dass Nachrichten umso mehr Publikationschancen haben, je mehr Nachrichtenfaktoren wie geografische Nähe, kulturelle Nähe, Prominenz, Betroffenheit, Kriminalität usw. sie kumulieren. Dies bedeutet, dass die Wichtigkeit von Ereignissen in konzentrischen Kreisen abnimmt, je entfernter von der Schweiz sie stattfinden, es sei denn, es handle sich um spektakuläre Vorfälle (wie ein Tsunami) oder um wichtige Weichenstellungen der Supermächte.
  2. Ereignisberichterstattung ist für die Schweiz möglich; bereits für die Nachbarländer wird sie punktuell, und für entferntere Gegenden muss die Ereignisberichterstattung der Berichterstattung über Zustände oder Entwicklungen weichen. Gerade Indien ist dafür ein typisches Beispiel: Da passiert so viel, dass man täglich eine «Tagesschau» füllen könnte. Wichtig ist aber, dass die Korrespondenten Themen aufgreifen, an denen sie Relevantes, Typisches und Auffälliges zeigen können. Und genau so arbeiten nach meinem Eindruck Radio und Fernsehen SRF.

Sie haben im Grundsätzlichen Recht: Indien ist wichtig, es ist richtig, dass ihm die Korrespondenten die verdiente Bedeutung beimessen. Aber über Ereignisse in Indien (oder Brasilien, Mexiko, Kanada, Südafrika, Ägypten, Iran, Japan, Indonesien, Australien) kann nicht quasi lückenlos berichtet werden. Da müssen ausgewählte Beispiele genügen. Bezogen auf das konkrete Thema (Generalstreik) pflichte ich daher Ihrer Beanstandung nicht bei.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] https://www.srf.ch/play/tv/tagesschau/video/kumbh-mela-groesstes-religioeses-fest-der-welt?id=d00256e5-c6c6-40ea-96c5-1cbfa1d3a54a

[2] https://www.srf.ch/play/tv/10vor10/video/die-idee-genies-aus-den-slums-foerdern?id=62467ef8-fbef-455d-94a7-d12e300c758a

[3] https://www.srf.ch/play/tv/tagesschau/video/plastikabfaelle-in-indien?id=349a5f42-2a6d-40d6-a824-651118.Novemb7e7be319

[4] https://www.srf.ch/play/tv/reporter/video/leben-fuer-die-utopie---50-jahre-auroville?id=31eecf24-0563-4f82-9af8-96a001f074fb

[5] https://www.srf.ch/play/tv/10vor10/video/vergiftungsgefahr-in-indien?id=0e3af14d-437a-44f1-9704-cf93f3618c14

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