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Israel Berichterstattung und Radio SRF, Sendung «Echo der Zeit» beanstandet

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Mit Ihren E-Mails vom 22. und 26. April 2019 beanstandeten Sie die Israel-Berichterstattung von SRF News und die Religionsberichterstattung (Beispiel: «Echo der Zeit» vom 20. April 2019) von SRF im Zeitraum März/April 2019. Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Wir stellen bereits seit längerer Zeit fest, dass SRF tendenziell negativ gefärbt berichtet über Themen des christlichen Glaubens und über Israel. Im Gegensatz dazu wird generell positiv berichtet über Themen, die z. B. den Islam betreffen. Dies entspricht nicht dem Auftrag der SRG. Beispiele:

  • Man berichtet z.B. in den Nachrichten, dass Israel Angriffe auf die Palästinenser geflogen habe. Erst nachträglich wird noch angemerkt, dass zuvor palästinensische Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert wurden. Diese Verdrehung der zeitlichen Abfolge stellt Israel als den Aggressor dar - eine Botschaft, die ganz subtil immer wieder verbreitet wird. Wir stehen nicht einfach auf der Seite von Israel. Aber die Berichterstattung muss frei sein von tendenziösen Botschaften, die immer in die gleiche Richtung gehen.
  • SRG muss über die Religionen respektvoll und ausgeglichen berichten. Es ist total respektlos und verletzend, wenn am Oster-Samstag (20.4.2019) an prominenter Stelle im Echo der Zeit eine Pfarrerin ausführlich zu Wort kommt, die gar nicht an Gott und Jesus glaubt und die Auferstehung als Metapher abtut. Sie würden auf der anderen Seite niemals am Anfang des Ramadans Leute zu Wort kommen lassen, die sagen, Mohammed sei nur eine Symbolfigur und Allah gebe es gar nicht. SRG verletzt so den Auftrag ganz klar und spottet über die gläubigen Christen in unserem Land.

Wir bitten Sie, diesen Punkten entschlossen nachzugehen und zu bewirken, dass die SRG ausgewogen und respektvoll arbeitet. Ein tendenziös zusammengestelltes Programm und entsprechende Berichte und Äusserungen Ihrer Moderatoren sind zu unterlassen.»

Auf unsere Nachfrage hin lieferten Sie folgende Angaben nach:

«Gerne zeige ich Ihnen Beispiele für die tendenziöse Israel-Berichterstattung:

Beispiel 1:

SRF News, 26.03.2019 [1]
Erste Information :

Erst später erfährt man:

> erster Eindruck: Israel ist Auslöser des Konfliktes

Beispiel 2:

Freitag, 15.3.2019 [2]

> erster Eindruck durch grossen Titel: Israel ist Auslöser des Konfliktes

Beispiel 3:

26.3.19 [3]
Zitat am Anfang des Audios:
<In der Nacht auf heute hat Israel Ziele im Gazastreifen bombardiert>
Im Text darunter liest man dann aber:
<Ausgelöst wurde der gegenseitige Beschuss durch eine Rakete, die nördlich der israelischen Stadt Tel Aviv einschlug. Sieben Menschen wurden verletzt. Die Rakete wurde aus dem südlichsten Gazastreifen über mehr als hundert Kilometer bis in die nördliche Agglomeration von Tel Aviv geschossen.>
Erster Eindruck: Israel ist Auslöser des Konfliktes.
Ich hoffe, diese Angaben genügen Ihnen. Mit Sicherheit gibt es noch viele weiteren Beispiele für die tendenziöse Berichterstattung.»

B. Die zuständigen Redaktionen erhielten Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Die Antwort stammt von Herrn Fredy Gsteiger, stellvertretender Chefredaktor von Radio SRF:

«Besten Dank für die Gelegenheit, Stellung zu nehmen zur Beanstandung von X und X. Kritisiert wird mangelnder Respekt gegenüber Religionen. Sie bitten uns um eine Fokussierung auf zwei Beiträge von SRF News und einen Radio-Beitrag im ‘Echo der Zeit’ von Ostersamstag, 20. April 2019.

Für die Online-Publikationen äussert sich Alexander Sautter von der Bereichsleitung SRF News folgendermassen:

Zu Beispiel 1 [4]:

Hier handelt es sich um ein untertiteltes Video, das für die SRF App hergestellt wurde. Der kurze schriftliche Text ist neutral formuliert und macht keine Aussage über die zeitliche Abfolge: Nächtliche Bombardements in Israel und im Gazastreifen. Im Video wird dann zwar zuerst das Bombardement durch die israelische Armee erwähnt, aber gleich anschliessend deutlich gemacht, dass dieses nicht aus heiterem Himmel erfolgte, sondern dass es dafür eine Ursache gab, nämlich Angriffe durch die radikalislamische Hamas.

In der Newsberichterstattung ist es weithin üblich, dass das ‘zeitnächste’ Ereignis, also jenes das am spätesten stattfand, als Einstieg in eine Meldung oder Berichterstattung verwendet wird. In diesem Fall war es das Bombardement. Wichtig, ja zwingend ist jedoch, dass dieses Ereignis jeweils in den richtigen Kontext gestellt und nicht isoliert betrachtet wird. Das ist hier geschehen. Das letzte Ereignis ist das Bombardement, der Kontext – Beschuss durch Hamas – wird klar und deutlich thematisiert.

Zu Beispiel 2 [5]:

Bei einem Online-Beitrag besteht der Titel aus zwei Elementen: Der Spitzmarke und der Hauptzeile. Diese müssen als Einheit betrachtet werden.

Im vorliegenden Fall heisst es: <Nach Raketen im Raum Tel-Aviv – Israels Militär greift Ziele im Gazastreifen an.> Die zeitliche Abfolge der Ereignisse wird also ausdrücklich bereits im Titel erwähnt. Auch im folgenden Text wird der zeitliche Ablauf korrekt dargestellt:

<Militante Palästinenser im Gazastreifen haben nach Angaben der israelischen Armee mindestens zwei Raketen auf den Grossraum Tel Aviv abgefeuert.>

<In der Folge haben israelische Kampfjets in der Nacht auf Freitag Ziele im Gazastreifen attackiert.>

Als weiteres Beispiel kann die Berichterstattung von Anfang Mai hinzugezogen werden. Auch hier wird die zeitliche Abfolge bereits im Titel aufgenommen: Eskalation in Gaza – Raketenbeschuss und Gegenangriffe fordern 19 Tote.[6]

Die zeitliche Abfolge der Geschehnisse war also in sämtlichen Fällen auch für oberflächliche Leserinnen und Leser klar ersichtlich.

Und nun zum Beitrag im ‘Echo der Zeit’:[7] Hier wurde die reformierte Pfarrerin Ella de Groot aus Muri/BE interviewt. Es ging, wie bereits die Anmoderation deutlich machte, um Grundsatzfragen, die sich sehr vielen Menschen stellen, wie: Gibt es Gott? Gibt es ein Jenseits?

Die Gesprächspartnerin wurde von der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Muri-Gümligen als Pfarrerin gewählt. Sie ist also grundsätzlich legitimiert – wie sehr viele andere es auch wären -, sich zu diesem Thema zu äussern. Im ganzen Gespräch findet sich keine einzige Äusserung von Frau de Groot, die in einem freiheitlich-demokratischen Staat wie der Schweiz nicht gemacht werden dürfte. Nichts ist rassistisch, nichts ist gewaltverherrlichend, nichts ist schon nur sittenwidrig. Im Interview wird vom Moderator Beat Soltermann mehrfach deutlich gemacht, dass Frau de Groot, keine Mehrheits-, sondern eine Minderheitsmeinung vertritt, dass sehr viele Gläubige anderer Meinung sind als sie.

Die Tonalität des Gesprächs ist auf beiden Seiten äusserst respektvoll. Es gibt nicht einmal ansatzweise Kritik oder gar Angriffe auf all jene, die ein traditionelles Kirchen- oder Gottesbild vertreten. Frau de Groot macht auch deutlich, dass die Bibel für sie wertvoll ist, dass sie sich selber keineswegs als Atheistin sieht, sondern als Gläubige. Sie sagt auch, dass sie vermutlich viele Menschen vertritt, die sich am Rande der Kirche befinden. Das dürften, wenn man die Entwicklung der Selbstzuordnung von Schweizerinnen und Schweizern zu einer der Landeskirchen betrachtet, nicht wenige sein. Frau de Groot wird zudem auch mit kritischen Fragen zu ihrer Haltung konfrontiert, ganz zentral mit jener, ob ihre Position nicht eine Anbiederung ans Säkulare darstelle. Oder ob sie nicht eigentlich eher Psychologin sei als Pfarrerin.

Es ist aus unserer Sicht unzulässig, dass jene, die ein traditionelles oder strenges Glaubenskonzept vertreten, allein darüber bestimmen, wer gläubig ist und wer nicht, wer sich für die Kirche äussern darf und wer nicht. Respekt gegenüber Religionen gebietet nicht, nur eine bestimmte Form von Religion und Religionsausübung als richtig zu betrachten. Auch religiöse Haltungen dürfen, ja sollen kontrovers diskutiert werden. Dazu gehört selbstverständlich auch die von den Beanstandern vorgeschlagene Frage, ob Mohammed als historische Gestalt oder als Symbolfigur zu betrachten sei.

Es gibt heute auch unter Christen viele Formen und Ausprägungen von Religiosität. Es liegt nicht am Staat und erst recht nicht an den Medien, darüber zu bestimmen, was zulässig ist und was nicht. Jeder und jede darf das für sich selber tun. Unserer Ansicht nach ist es sinnvoll, gerade auch an Ostern solche Themen aufzugreifen, zu einem Zeitpunkt also, da sich vermutlich mehr Menschen als sonst mit diesen Fragestellungen beschäftigen, womöglich auch offener und interessierter sind, sich damit auseinanderzusetzen.

Wir bitten Sie deshalb, sehr geehrter Herr Blum, die Beanstandung von Herrn und Frau X abzulehnen.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Ich äußere mich zuerst zur Israel-Berichterstattung, danach zum Interview im «Echo der Zeit».

1. Der Konflikt zwischen Israel und der Hamas, aber auch anderen militanten und bewaffneten Organisationen im Gazastreifen schwelt weiter. Immer wieder kommt es zu Raketenangriffen und Gegenangriffen. Dabei gehen die Angriffe meist vom Gazastreifen aus, auf die Israel dann mit Gegenangriffen antwortet. Für die betroffene Bevölkerung auf beiden Seiten ist die Lage fürchterlich.

Ich habe mir alle die von Ihnen kritisierten Berichte von SRF News angeschaut und kann Ihre Vorwürfe nicht bestätigen. Stets wurden die Abfolgen der gegenseitigen Beschießungen korrekt wiedergegeben. Alle Berichte sind sachlich und neutral. Ich kann keinen Verstoß gegen die Sachgerechtigkeit erkennen.

2. Das Interview im «Echo der Zeit» an Ostern war ungewöhnlich – im doppelten Sinn: Ungewöhnlich, weil an einem der höchsten christlichen Feiertage nicht der «Mainstream», die Mehrheitsmeinung des christlichen Glaubens abgebildet wurde, sondern eine Minderheitsposition, und ungewöhnlich, weil es eine Theologin und aktive evangelisch-reformierte Pfarrerin war, die die Position vertrat. Ella de Groot, Pfarrerin in der Kirchgemeinde Muri-Gümligen, glaubt nicht an die Person «Gott» und nicht an das Dogma der Dreifaltigkeit, weil es sich dabei um Glaubensvorstellungen handelt, nicht um empirisch beweisbare Wahrheiten. Sie glaubt an das Leben und stützt sich bei ihrer theologischen Arbeit auf die Bibel als Erfahrungsbericht.[8] Sie spricht dabei vielen Reformierten, die wissen möchten, ob eigentlich alles stimmt, was in der Bibel steht und was von den Kanzeln verkündet wird, aus dem Herzen. Aber sie stellt sich der offiziellen evangelischen Theologie entgegen. Und als sie am 14. Juli 2013 in der Sendung «Perspektiven» von Radio SRF 2 Kultur interviewt wurde und dieses Gespräch unter dem Titel «Hört auf zu glauben!» ausgestrahlt wurde [9], da löste sie einen ziemlichen Medienwirbel aus, und auch an der kirchlichen Basis bestand Diskussions- und Klärungsbedarf.

Ist es zulässig, eine solche Theologin ausgerechnet an Ostern zu interviewen? Es ist, aus drei Gründen: Erstens kennt die evangelische Theologie keine Dogmen, Sakramente und Enzykliken wie die katholische Kirche; sie ist freier und lässt viele Auslegungen der Bibel zu, auch die von Ella de Groot. Zweitens kommt diese Pfarrerin den vielen Zweifelnden entgegen, die zwar der Kirche formal angehören, aber mit Glaubensinhalten wie unbefleckte Empfängnis, Auferstehung, Himmelfahrt oder Pfingstwunder wenig anfangen können und nach handfesten Erklärungen suchen. Drittens besteht in der Schweiz Meinungsäußerungsfreiheit, und das «Echo der Zeit» nimmt sie für seinen Gast, aber auch für die Sendung in Anspruch. Ich finde es mutig und richtig, dass das «Echo der Zeit» just an Ostern nicht einfach das nachplappert, was alle sagen, sondern eine alternative Stimme zum Klingen bringt. Nur so wird das Publikum zum Nachdenken bewegt. Das Interview war alles andere als respektlos und verletzend; es war belebend.

Aus all diesen Gründen kann ich Ihre Beanstandung nicht unterstützen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüssen,
Roger Blum, Ombudsmann

[1] https://www.srf.ch/play/tv/srf-news/video/naechtliche-bombardements-in-israel-und-im-gazastreifen?id=f1475f5e-09bd-45ed-8246-eb02b61359ec

[2] https://www.srf.ch/news/international/nach-raketen-im-raum-tel-aviv-israels-militaer-greift-ziele-im-gazastreifen-an

[3] https://www.srf.ch/news/international/gewalt-im-nahen-osten-wollte-die-hamas-von-internen-konflikten-ablenken

[4] https://www.srf.ch/play/tv/srf-news/video/naechtliche-bombardements-in-israel-und-im-gazastreifen?id=f1475f5e-09bd-45ed-8246-eb02b61359ec

[5] https://www.srf.ch/news/international/nach-raketen-im-raum-tel-aviv-israels-militaer-greift-ziele-im-gazastreifen-an

[6] https://www.srf.ch/news/international/eskalation-in-gaza-raketenbeschuss-und-gegenangriffe-fordern-19-tote

[7] https://www.srf.ch/sendungen/echo-der-zeit/tote-bei-ausschreitungen-in-londonderry

[8] https://www.rkmg.ch/gottesfrage

[9] https://www.srf.ch/sendungen/perspektiven/hoert-auf-zu-glauben-gespraech-mit-pfarrerin-ella-de-groo

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