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«DOK»-Sendung «Profit oder Leben? – Wenn das Gesundheitswesen an die Grenze geht» beanstande

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Mit Ihrer Online-Eingabe vom 28. Juni 2019 haben Sie die «DOK»-Sendung «Profit oder Leben? – Wenn das Gesundheitswesen an die Grenze geht»[1] beanstandet. Ihre Eingabe erfüllt die formalen Voraussetzungen an eine Beanstandung. Somit kann ich auf sie eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

Die sonst hervorragende Sendung wurde m.E. infolge eines grossen faux pas durch die Redaktion, Moderation usw. begangen als am Krankenbett eines Patienten seitens der TV Leute dem behandeln­den Arzt die Frage gestellt worden ist, ob er es für richtig finde, dass in eine Krebstherapie soviel Geld investiert werde. Der Arzt hat sehr souverän reagiert und erklärt, dass dies weder die Zeit noch der Ort ist um darüber zu sprechen. Was diese pietätlose, menschenverachtende und dumme Frage beim Patienten ausgelöst hat lässt sich nur erahnen. M.E. hat eine solche Frage - vor dem Betroffenen - weder etwas mit journalistischer Arbeit noch mit Recherchen zu tun sondern ist schilcht und einfach dumm und menschenverachtend. Setzen Sie sich in die Lage des Betroffenen.

B. Ihre Beanstandung wurde der zuständigen Redaktion zur Stellungnahme vorgelegt. Frau Belinda Sallin, Executive Producer DOK schrieb:

Gerne nehmen wir zur Beanstandung von Herrn X vom 28. Juni 2019 zum Dokumentar­film «Profit oder Leben? – Wenn das Gesundheitswesen an die Grenze geht» in der Sendung «DOK» Stellung.

Im Dokumentarfilm «Profit oder Leben?» werden am Beispiel der bisher teuersten Therapie der Schweiz (370'000 Franken für eine einmalige Infusion) die Hintergründe und Dimensionen von neuen, sehr teuren Behandlungen für das Gesundheitssystem aufgezeigt. Die Frage nach dem Preis und sei­nem Zustandekommen zieht sich dabei wie ein roter Faden durch den Film.

Schon zu Beginn des Films fragt die Autorin Karin Bauer die Ärztin Antonia Müller, was sie vom Preis von 370'000 Franken halte. Dies ebenfalls im Beisein eines Krebspatienten (Timecode: 11.27). Der vom Beanstander angesprochene Krebspatient Kurt Benninger nimmt Stellung zur Frage, ob er sich die teure Therapie leisten könnte, wenn seine Krankenkasse sie nicht bezahlen würde (Timecode: 25.59). Und Krebspatient Anton Schlösser nimmt Stellung zur heiklen aber gesellschaftspolitisch wich­tigen Frage, wie viel ein Menschenleben wert ist, respektive wie er den teuren Preis als 61jähriger be­wertet (Timecode: 26.43).

Als im letzten Filmdrittel die Kymriah-Infusion erstmals zu sehen ist, interessierte uns natürlich auch die Menge an Zellflüssigkeit, die die Patienten für den Listenpreis von 370'000 Franken bekommen. Im Fall von Kurt Benninger sind dies 43 Milliliter (Timecode: 36.45). Die Journalistin fragt den Arzt, wie er diesen Zusammenhang bewertet. Die bekannte Fragestellung nach dem Preis wird also um die Flüs­sigkeitsmenge ergänzt. Wir haben Verständnis dafür, wenn die Frage nach dem Preis in diesem Zu­sammenhang hart erscheinen mag. Genau darum aber geht es in diesem Film. Alle Patienten waren zum Voraus selbstverständlich über diese Fragestellung informiert und wussten, dass der Dokumen­tarfilm vom teuren Preis für Kymriah ausgeht und die Hintergründe dazu ausleuchtet. Wie vorhin aus­geführt, wurde die Frage nach dem Preis auch den Krebspatienten selbst gestellt und von ihnen be­antwortet. So antwortete Kurt Benninger, dass er sein Haus verkaufen würde, wenn er die Gewissheit hätte, dass das Medikament nützt. Die Frage nach dem Preis treibt die Patienten selber also auch um. Insofern weisen wir es entschieden zurück, dass die Frage «pietätslos, menschenverachtend und dumm» sei, sie ist im Gegenteil offen und ehrlich und keinesfalls gegen die Patienten gerichtet.

Auch wenn die Frage hart erscheinen mag, sind wir überzeugt, dass es dem Publikum zu jeder Zeit möglich war, die Frage in den richtigen Kontext zu setzen und sich eine eigene Meinung dazu bilden zu können. Wir beantragen deswegen die Beanstandung abzuweisen.

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung.

«DOK zeigt das Leben in all seinen Schattierungen» und «[...] immer gelten für die Autorinnen und Autoren die altbewährten Regeln: Wahrhaftigkeit in der Aussage und Sorgfalt im Umgang mit den porträtierten Personen».[2] Diese Prämissen schreibt sich «DOK» im Sendungsportrait zu – und genau in diesem Spannungsfeld steht Ihre Beanstandung an die Ombudsstelle.

Sie kritisieren einen «grossen faux pas» der «DOK»-Verantwortlichen, dass dem behandelnden Arzt am Krankenbett eines Patienten die Frage gestellt wurde, ob er es für richtig halte, dass in diese Krebstherapie so viel Geld investiert werde.

Es gilt abzuwägen, in welchem Kontext diese schonungslose Frage gestellt wurde. Die «DOK»-Sen­dung «Profit oder Leben? – Wenn das Gesundheitswesen an die Grenze geht», zeigt in vielen Einstel­lungen und mit diversen Protagonisten aus den Bereichen des Gesundheitswesens, der Forschung, des Risikomanagements, aber auch aus der Sicht der Patienten und deren Angehörigen Sichtweisen und Schattierungen auf, was passiert, wenn das Leben aufgrund eines Krebsleidens an einem seidenen Faden hängt und ein extrem teures Medikament vielleicht dazu verhelfen könnte, den Krebs zu besie­gen. Als Zuschauer ist man hin- und hergerissen, wenn man sieht, welche Motive die Beteiligten antreiben. Das Publikum wird dabei immer wieder auf die nicht zu beantwortende Frage, wie viel denn ein Menschenleben wert ist, zurückgeworfen.

In der «DOK»-Sendung werden tiefgreifende Fragen zum Leben gestellt; es erfolgen Aussagen aus verschiedensten Perspektiven und immer wieder werden auch sehr kritische Ansatzpunkte bezüg­lich der Krebsforschung und deren Finanzierung eingebracht. Es geht ein grosses Stück weit um Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit: Wer profitiert? Wer bezahlt? Wer gewinnt und wer verliert? Es geht um grosse Themen des Lebens, die nicht mit richtig oder falsch beantwortet werden können. Themen, bei denen man sich schnell in einem Dilemma befindet. Antworten auf Fragen über Leben und Tod zu finden, rütteln das Publikum auf. Man kann sich ihnen nämlich nicht einfach entziehen. Und immer wieder geht es im Film – wie oben bereits angemerkt – um die Frage, was ein Leben wert ist. So kommt es denn auch, dass die Frage an den behandelnden Arzt eines portraitierten Patienten gestellt wird. Diese Sequenz, die Sie kritisieren, ist als Zuschauer nicht einfach auszuhalten. Aber – und hier schliesse ich mich der Stellungnahme von Frau Belinda Sallin vollumfänglich an – die Frage ist im Kontext der ganzen «DOK»-Sendung zu sehen. Der Fokus liegt auf dem Wert des Lebens, und zwar vor allem dem monetären Wert. Wie Frau Sallin schreibt, wurden alle Patienten «zum Voraus selbst­verständlich über diese Fragestellung informiert und wussten, dass der Dokumentarfilm vom teuren Preis für Kymriah ausgeht und die Hintergründe dazu ausleuchtet. [...] die Frage nach dem Preis [wurde] auch den Krebspatienten selbst gestellt und von ihnen beantwortet». Auch wenn die Frage noch so hart und wie Sie schreiben «pietätlos» erscheinen mag, haben die Verantwortlichen von SRF die notwendige «Sorgfalt im Umgang mit den porträtierten Personen» – wie es im Sendungs­portrait zu lesen ist – walten lassen.

Obwohl ich Ihre Erschütterung bezüglich der Frage verstehen kann, darf sie in dieser «DOK»-Sendung stellen. Ich würde sie ebenfalls als menschenverachtend und pietätlos ansehen, wäre sie nicht sehr sorgfältig in die Sendung eingebettet und mit den Betroffenen vor- bzw. abgesprochen worden.

Wie Sie meinen Ausführungen entnehmen können, kann ich Ihre Beanstandung nicht unterstüt­zen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernseh­geset­zes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfü­gung.

Mit freundlichen Grüssen
Manfred Pfiffner, stellvertretender Ombudsmann


[1] https://www.srf.ch/play/tv/popupvideoplayer?id=2d25af65-8632-4394-91e1-8ca5599b44bf&startTime=2.275

[2] https://www.srf.ch/sendungen/dok/sendungsportraet

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