Jung, wild  und motiviert
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Jung, wild und motiviert

Eine Spielwiese für Jugendliche, die am Radio Gefallen finden – das ist Radio 4TNG. In Eigenregie planen sie ­Themen und lernen das Handwerk, um später in der ­Medienbranche Fuss zu fassen. Junge, die für Junge ­Radio machen – dieses Konzept scheint aufzugehen.

Zuerst war da der Keller eines Sportvereins. Dann ein altes Busdepot. Seit 2018 sendet Radio 4TNG aus einem Studio, das nicht nur als Zwischennutzung dient. «Hier wollen wir nun auch bleiben. In dieser Grösse nochmals umziehen? Nein danke!», sagt Cedric Wiesendanger, Gründer und Vereinspräsident des Radios. Tatsächlich haben die neuen Räume von Radio 4TNG nicht mehr viel mit dem Keller von einst gemeinsam: Mit zwei modern ausgerüsteten Radiostudios, je einem Recherche-, Aufenthalts- und Schminkraum sowie dem TV-Studio und zugehörendem Produktionsraum sendet das Jugendradio täglich selbst produzierte Sendungen und Beiträge.

Radio 4TNG, das heisst «Radio For The Next Generation», also für die nächste Generation. Cedric Wiesendanger (26) und einer seiner Freunde waren frustriert darüber, dass man am Radio kaum eine Stelle fand. Statt sich zu beklagen, stellten sie ihr eigenes Radio auf die Beine. «Radio 24 verkaufte damals gerade das alte Studio, so konnten wir preiswert das technische Equipment kaufen.» Inzwischen wurde das 15 Jahre alte Misch­pult ersetzt. Das Jugend-Radio wuchs seit dem Anfang vor sechs Jahren rasant: 27 Mitarbeitende zählt es mittlerweile. «Dass wir mal so gross werden würden, hätte ich nicht zu träumen gewagt», sagt Wiesendanger, der hauptberuflich in der Kommunikation tätig ist.

Radio 4TNG sendet täglich während 24 Stunden; ausser sonntags läuft von 18 bis 21 Uhr eine moderierte Sendung, die «The Day» heisst. Die Rubriken sind zwar vorgegeben, doch die Inhalte bestimmen die Jugendlichen selber. «Das läuft alles in Eigenregie, ich muss nur selten eingreifen», sagt Wiesendanger. Behandelt werden neben Games, Gossip und Musik auch ernste Themen. Das «erste Mal» zum Beispiel oder psychische Krankheiten.

Neben den produzierten Sendungen läuft tagsüber Musik – ein Mix aus Mainstream und jungen Schweizer Künstlern – und seit März auch News, die das junge Radio von SRF übernimmt. «Es wäre für uns zu kostspielig, selbst News zu produzieren, und wir könnten es auch nicht auf dem Niveau von SRF», so Gründer Wiesendanger. Darum sei die Kooperation sehr erfreulich. Aber hören Jugendliche überhaupt News am Radio? «Sagen wir es so: Tagsüber sind wir eher ein Begleitmedium, es läuft Musik, da sind News eine gute Ergänzung.»

Jugendliche, die eine Leidenschaft fürs Radio haben und später in der Medienbranche arbeiten wollen, haben bei ­Radio 4TNG die Möglichkeit, das Handwerk zu lernen und herauszufinden, wo ihre Stärken liegen. Ohne Angst vor Fehlern haben zu müssen. «Zu uns kommen auch Jugendliche, die eineinhalb Stunden Zug fahren, um Radio machen zu können», sagt Wiesendanger. Ehrenamtlich, notabene, und manchmal an zwei bis drei Abenden pro Woche. Das funktioniere, weil die Lust am Radiomachen vorhanden sei und es keine Einstiegshürden gebe: Man könne direkt Teil des Vereins werden und mitmachen.

Wie zum Beispiel die 18-jährige Lea. «Weil ich einfach so gern rede, dies in der Schule aber nicht sollte, ist das Radio für mich der perfekte Ausgleich», sagt sie. Lea ist erst seit wenigen Monaten bei Radio 4TNG und lernt noch, wie das Studio funktioniert – oft von ihren älteren Kollegen, manchmal auch von privaten Radiomachern, die den Jugendlichen Workshops geben.

Auch Marc lebt bei Radio 4TNG sein Hobby. Seit neun Jahren macht er Radio. «Mit elf baute ich mir mein eigenes Mini-­Radio-Studio. Seither ist das Radiomachen meine Leidenschaft.» Bei Radio 4TNG moderiert er in der Freizeit seine eigene Sendung, und auch beruflich steht er hinter dem Mikrofon: Gerade absolviert er ein Redaktionspraktikum bei Radio FM1.

Wie viele Zuhörende Radio 4TNG hat, weiss das junge Team nicht. Es messen zu lassen, würde zu viel kosten. «Aber die Reichweite ist auch nicht unser Hauptziel. Vielmehr wollen wir experimentieren. Das geht besser ohne Zahlendruck», sagt ­Cedric Wiesendanger. Zum Beispiel Beiträge länger zu gestalten oder ein Promi-­Interview einfach mal für 15 Minuten live laufen zu lassen. «Das macht unser Programm frisch.» Obwohl das Medium Radio bei Jugendlichen nicht immer Begeisterung auslöst, ist er sich sicher, dass Radio 4TNG ankommt: «Wir sind näher bei den Jungen, weil wir selbst jung sind.»

Die finanziellen Mittel für Standort und Material erhält Radio 4TNG von Stiftungen und der Stadt Winterthur. Sie verlieh dem jungen Radio 2014 den Jugendpreis für das Engagement in der Jugendförderung. Trotz knappen Mitteln ist für Cedric Wiesendanger klar, dass sein Projekt noch lange weiterleben wird. Und auch in das Medium Radio als Ganzes setzt er Hoffnung: «Wenn sich private Radios mehr getrauen, wird das Medium nicht aussterben.» Denn es sei zwar nicht mehr das schnellste, aber sicher eines der emotionalsten Medien. Die Mission von Radio 4TNG ist klar: Tag für Tag, nur mit der Stimme bewaffnet, die Menschen an der Hand nehmen und in ihren Köpfen bunte Bilder generieren.

Text: Dinah Leuenberger

Bild: Dinah Leuenberger

 

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