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SRF-Sendung «1 gegen 100» beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 4. Januar 2020 beanstandeten Sie die Sendung «1 gegen 100» (Fernsehen SRF) vom gleichen Tag und dort den Auftritt von Politikern.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«SRF lädt Politiker zu einer reinen Unterhaltungssendung ein: Ein absolutes No-Go, dass bestimmte Politiker auf Kosten der Steuerzahler eine so prominente Plattform am Samstag Abend ‘gesponsert’ erhalten. Ich möchte gerne folgendes wissen:

  1. Warum werden Politiker zu einer reinen ‘Spasssendung’ wie 1 gegen 100 eingeladen? Wieso gewährt SRF einzelnen Politikern eine so prominente Plattform zur besten Sendezeit und das während Stunden!?
  2. Ich möchte gerne wissen, wie das Auswahlverfahren ausgesehen hat: Warum wurden ausgerechnet diese zwei Politiker eingeladen? Ist schon ein wenig verdächtig. Matthias Aebischer als ehemaliger SRF Mitarbeiter... beide Politiker eher ‘links’ (welch Zufall’).»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für «1 gegen 100» äußerte sich Herr Marco Krämer, Senior Producer Show:

«Besten Dank für Ihr Schreiben vom 17. Januar 2020 zur Beanstandung von Herrn X bezüglich der Teilnahme von zwei Politikern in der Samstagabend-Sendung von «1 gegen 100» vom 4.1.2020. Gerne nehmen wir zu den Fragen des Beanstanders Stellung:

  1. Es handelte sich hierbei um ein Jahresrückblick-Spezial von ‘1 gegen 100’. In dieser Sendung schauten wir anhand von Fragen auf das vergangene Jahr zurück. Auch die eingeladenen Gäste waren in irgendeiner Form mit Ereignissen von 2019 verknüpft. Da es sich im 2019 um ein Wahljahr handelte, war es uns wichtig, auch Vertreter aus der Politik einzuladen.
  2. Das Wahljahr 2019 stand unter einigen Themen: Unter anderem der gesteigerte Wähleranteil der Grünen und der Grünliberalen, sowie die Verluste bei den grossen Parteien SP und SVP. In erster Priorität haben wir versucht, ein Duo mit einem Vertreter der SVP und der Grünen zusammenzustellen. Mehrere Anfragen in diese Richtung wurden uns aber aus unterschiedlichsten Gründen abgesagt. Das Duo Aebischer/Moser war für uns allerdings genauso spannend. Einerseits waren hier Verlierer und Gewinner in einem Team und andererseits hatten die zwei auch privat ein spannendes 2019, über welches sie etwas erzählen konnten.

Wäre die Sendung vor den eidgenössischen Wahlen ausgestrahlt worden, wäre diese Kombination natürlich nicht möglich gewesen. Der Auftritt zu Beginn 2020 war für uns aber absolut kein Problem. Zudem haben die beiden Kandidaten ihre Sendezeit nicht mit politischen Aussagen genutzt, sondern maximal mit Wissen, Humor und Sympathie gepunktet. Genauso, wie das einst Toni Brunner bei seinem Auftritt als Jasser im ‘Samschtig-Jass’ auch konnte. Damals sahs kein weiterer Politiker aus dem linken Lager am Tisch.

Wir bedanken uns bei Herrn X für die offene Kritik und das aufmerksame Schauen unserer Sendung.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Es gibt keine Bestimmung, die verbietet, dass Politikerinnen und Politiker in Unterhaltungssendungen eingeladen werden. Im Gegenteil: Das hat Tradition. So waren beispielsweise bei «Giacobbo/Müller» immer wieder Politiker zu Gast, ebenso bei «Late Update» von Michael Elsener oder im «Samschtig-Jass». Wenn aber Politikerinnen und Politiker in Unterhaltungssendungen auftreten, dann gelten für sie die gleichen Regeln wie in Informationssendungen. Das heißt: In den sechs heißen Wochen vor Wahlen müsste die Parteienlandschaft abgebildet werden, in den sechs heißen Wochen vor einer Volksabstimmung müssten die beiden Lager vertreten sein, sofern vom Abstimmungsthema die Rede ist. Anfang Januar standen keine eidgenössischen Wahlen bevor, und obwohl die Sendung in die Phase der sechs Wochen vor der Abstimmung vom 9. Februar fiel, wäre diese Frist nur relevant gewesen, wenn man in der Sendung ernsthaft über die Vorlagen (Verschärfung des Diskriminierungsartikels, Wohnungsinitiative) diskutiert hätte. Das war aber nicht der Fall. In dieser Konstellation waren übrigens die beiden Eingeladenen nur in ökologischer Hinsicht im gleichen Lager, nicht aber finanz- und wirtschaftspolitisch (wo Aebischer linke Positionen vertritt, Moser aber bürgerliche). Kommt dazu, dass die grünliberale Fraktionschefin Tiana Angelina Moser und der sozialdemokratische Nationalrat Matthias Aebischer ein Paar sind und ein gemeinsames Kind haben (zu sechs Kindern aus früheren Beziehungen). Insofern war es geradezu ideal, die beiden gemeinsam spielen zu lassen. Denn es ist nicht sicher, ob sich Politiker aus gegensätzlichen Lagern, die privat nichts miteinander zu tun haben, jeweils so leicht und so schnell hätten abstimmen können, welche Antwort aus ihrer Sicht die richtige ist.

Natürlich verschafft jede solche Sendung einer Politikerin und einem Politiker eine Bühne. Deren Bekanntheitsgrad vergrößert sich nochmals, sie können sich im Gespräch halten. Deshalb muss auch die Abteilung Unterhaltung von SRF mittelfristig Sorge tragen, dass bei Politikerauftritten keine Einseitigkeit entsteht, indem immer nur linke, immer nur bürgerliche oder immer nur grüne Persönlichkeiten zum Zug kommen. Ich gehe davon aus, dass die Abteilungsspitze solche Statistiken führt. Im Vertrauen darauf anerkenne ich die Programmautonomie und unterstütze Ihre Beanstandung nicht.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüssen,
Roger Blum, Ombudsmann


[1] https://www.srf.ch/play/tv/1-gegen-100/video/1-gegen-100---jahresrueckblick-mit-angelique-beldner?id=3959585e-7931-4c62-8440-ba07136a3bed

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