Rasche Hilfe von der Glückskette für die Bedürftigen in der Schweiz während der Coronakrise.
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Wenn Solidarität ausbezahlt wird

Übersetzungen, Lebensmittelhilfe oder Nothilfe für Sexarbeitende – all das klingt nicht nach dem Betätigungsfeld der Glückskette. Die Stiftung der SRG hat in der Corona-Krise unkompliziert geholfen und ist über sich hinausgewachsen.

Die Mitarbeitenden der Glückskette waren in einem Probe-Homeoffice-Tag, als der Bundesrat den Gang der Dinge anhielt. Priska Spörri, Mitglied der Geschäftsleitung, verfolgte die Pressekonferenz Mitte März im Livestream und ahnte bereits, dass auf die Stiftung der SRG etwas zukommen würde, das mit Stillstand gar nichts zu tun hat. Wenn die Glückskette mit Sammelaktionen für Opfer von Naturkatastrophen in der Schweiz aktiv wird, handelt es sich dabei normalerweise um lokale Ereignisse, von denen die meisten Menschen nicht persönlich betroffen sind. Der grösste Teil der gesammelten Mittel wird dabei jeweils erst nach Klärung von Zuständigkeits- und Versicherungsfragen lange nach dem Vorfall ausbezahlt. Das virale Naturereignis «Corona» überrollte diesmal das ganze Land und stellte die gesamte Gesellschaft vor nie da gewesene Probleme. Hilfe, die auch im Kleinen einen grossen Unterschied ausmacht, war sofort nötig. Die Glückskette handelte schnell und startete am 23. März 2020 einen Spendenaufruf. Bereits vier Tage später, am Tag 11 des Lockdowns, konnte den Partnerorganisationen der Glückskette eine Million Franken für Soforthilfe ausbezahlt werden.

Als der Bundesrat die «ausserordentliche Lage» ausrief, war es den vier Frauen der Geschäftsleitung des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks Schaffhausen SAH klar, dass es bei der fremdsprachigen Bevölkerung Erklärungsbedarf gibt – zu den Massnahmen genauso wie zum Beispiel zum Fernunterricht oder zu medizinischen Fragen. Wie wichtig Information in einer Krisensituation ist, haben wir alle erlebt. In einem solchen Moment nicht zu verstehen, was vor sich geht, muss sehr beängstigend sein. Meaza Gebrhiwet hatte schon länger ein ungutes Gefühl, dass hier etwas auf uns zukommen würde. Als es dann so weit war und der Bundesrat die Schweiz anhielt, erschrak sie dennoch über die Wucht, mit der die unsichtbare Gefahr ihren Alltag auf den Kopf stellte. Plötzlich ging es auch um die Existenz der interkulturellen Dolmetscherin des SAH Schaffhausen. «Mit allen Schwierigkeiten kommt eine Veränderung. Mir brachte sie auch die Motivation, mich weiterzubilden», zieht die quirlige Frau aus Eritrea Bilanz.

Innert kurzer Zeit entstand ein Konzept für ein kostenloses Telefon-Dolmetsch-Angebot, das bei Verständnisproblemen unter die Arme greift. Das SAH Schaffhausen setzte alle Hebel in Bewegung und konnte bereits ab April Übersetzungsunterstützung anbieten, mitfinanziert von der Glückskette. Für Meaza Gebrhiwet bedeutete dies neben einem Einkommen auch die Möglichkeit, für fremdsprachige Familien behördliche Informationen zu übersetzen, zu erklären, wie die Aufträge der Schulen im Fernunterricht umgesetzt werden sollten oder wie bei Krankheitssymptomen richtig reagiert werden kann.

Gleichzeitig belegte der Lockdown Sexarbeitende mit einem Berufsverbot. Zwei Tage nach der Pressekonferenz zur ausserordentlichen Lage reichte PROstitution COllectif REflexion (PROCORE) beim Bundesamt für Gesundheit BAG einen Projektantrag ein. Daraus entstand ungewöhnlich unbürokratisch das Projekt «Bekämpfung negativer Auswirkung der Corona-Krise auf Sexworkerinnen».

Nathalie Schmidhauser hat Erfahrung mit Krisenintervention und übernahm die Co-Projektleitung. Als Mitarbeiterin der Fachstelle Frauenhandel und Frauenintegration in Zürich weiss sie aus der Praxis, dass Krisen alle Winkel der Gesellschaft erfassen und oft besonders hart diejenigen treffen, die ausserhalb des durchschnittlichen Gesichtsfelds von Herrn und Frau Schweizer liegen. Als die Projektleiterinnen vom Spendenaufruf der Glückskette erfuhren, nahmen sie umgehend Kontakt auf, um über eine mögliche Unterstützung zu verhandeln. Der Austausch mit der Glückskette sei sehr verständnisvoll und unkompliziert verlaufen, auch wenn die Evaluation des eingereichten Antrags einige Wochen in Anspruch nahm, so Schmidhauser. Von der Zusage bis zur Auszahlung von Spendengeldern ging es wiederum sehr schnell. So können seit Anfang Mai 21 Fach- und Anlaufstellen für Sexarbeiterinnen in der ganzen Schweiz nach niederschwelligen Beratungsgesprächen die Gelder dort auszahlen, wo sie nötig sind. Mehrere hundert Personen kommen dank der Spenden jetzt über die Runden, erhalten Geld für Essen, Hygieneartikel, Notunterkunft und medizinische Versorgung.

«Wir konnten unsere Verantwortung nur durch unbürokratische und dennoch sorgfältige Zusammenarbeit wahrnehmen.»

Priska Spörri, Mitglied der Geschäftsleitung Glückskette

«Die Not hat geholfen, dass wir uns schnell weiterentwickelten – auf allen Ebenen», fasst Priska Spörri die vergangenen Monate zusammen. Inzwischen unterstützt die Glückskette nach der Soforthilfe weit über 100 Organisationen in der Überbrückungshilfe, Lebensmittelhilfe und Nothilfe. Wichtig ist Priska Spörri auch zu betonen, dass die Hilfe der Glückskette bei den Bedürftigen ankam – bei Menschen inmitten unserer Gesellschaft. Während einkaufen gehen, wohnen, Hygiene, Gesundheit oder Verständigung einem Teil von uns selbstverständlich erscheinen, ist es das für viele Menschen in der Schweiz auch ohne Krise nicht. Das virale Naturereignis Corona hat uns aufgezeigt, wie wichtig Solidarität ist und wie mutig es von der Glückskette war, nicht wegzuschauen.


Text: Annina Keller

Bild: Eric Roset

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