Ein altes Bild, indem ein Leher vor einer Klasse steht.
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Aufbrüche und Debatten – die SRG vor und nach dem Krieg

Die ersten Jahrzehnte der Rundspruch-Gesellschaft waren von Einschränkungen und politischen Auseinandersetzungen geprägt. Kritik kam damals besonders von linker Seite. Ausserdem entzog der Bundesrat der SRG 1939 für sechs Jahre die Konzession.

Der Schulfunk bewährt sich im­mer mehr als anregendes und in hohem Masse belehrendes Un­terrichts­ und Erziehungsmittel», steht im Jahresbericht des Bündnerischen Lehrervereins von 1937. Das «wertvolle, moderne Hülfsmittel» dürfe «niemals den Lehrer ersetzen, wohl aber Lehrer und Schüler (...) zu gemeinsamer, anregender Arbeit anspornen und auch dem einsams­ten Bergdörfchen den (gesunden!) Puls­ schlag der weiten Welt vermitteln.» Im Herbst 1937 standen auf dem Schulfunk­-Programm des Landessenders Beromüns­ter unter anderem Sendungen wie «In den Strassen von New York», «Begegnungen mit seltsamem Meeresgetier», «Humor in der Musik», «Kaufs­- und Verkaufssitten einst und jetzt» oder ««Hörbilder von der Weltausstellung in Paris». Die halbstündi­gen Beiträge kamen abwechselnd aus den Studios Basel, Bern und Zürich. Den pä­dagogischen Fachkräften bescherte der Schulfunk in seiner Pionierzeit, die zusam­menfiel mit jener der SRG, neue Heraus­forderungen – und entsprechende Empfeh­lungen: «Soll das Empfangsgerät die Sendung möglichst wenig trüben und die kristallklare Übermittlung gelingen, so wird der Lehrer der Einstellung des Appa­rates (Lautstärke und Tonreinheit) seine wertvolle Aufmerksamkeit schenken.»

Ausbruch des Schulfunkfiebers

Den Aufbruch in das Zeitalter des Schulfunks hatte Radio Bern noch vor der Gründung der SRG gewagt. Auf Initiative des Direktors der lokalen Station, Kurt Schenker, wurden 1930 insgesamt 19 Versuchssendungen in 125 bernische und so­lothurnische Schulen übertragen. An diese Innovationsleistung knüpfte die SRG in ih­rem zweiten Jahr an und lancierte eine sprachregionale Versuchsreihe, an der die Studios Basel, Bern und Zürich beteiligt waren. Acht Jahre nach den europäischen Pioniersendungen in Deutschland und England wurde der Schulfunk in der Deutschschweiz noch im Herbst 1932 zur festen Radio-Institution; 1933 auch in den anderen Sprachregionen. In der Folge brach im ganzen Land «ein wahres Schul­funkfieber» aus, so die Schweizerische Nationalphonothek auf ihrer Website. Wobei das neue Unterrichtsmittel, das sich be­wusst auch an «zukünftige Radiohörer» richtete, alles andere als unumstritten war. Aber Debatten musste sich die SRG damals schon fast gewöhnt sein – sie geriet jeden­ falls oft in die Kritik und unter Druck.

Primär Bildung und Unterhaltung

Die regionalen Radiogenossenschaften konnten zwar auch nach der Gründung der nationalen Gesellschaft, die ja kein staatli­ches Medium war, eine föderalistische Teil­autonomie bewahren. Was jedoch der SRG, die von ihren regionalen Ursprüngen her stark bürgerlich geprägt war, als öffentli­cher Institution fehlte, waren direktdemo­kratische Elemente. Und die Möglichkeit, selber zur Information und zum politischen Diskurs im Land beizutragen. «Die SRG wollte Nachrichten verbreiten, durfte das aber nicht, weil die Verleger – wie auch die damalige Aufsichtsbehörde – der Meinung waren, das Radio sei primär ein Bildungs­- und Unterhaltungsmedium», schrieb die Wochenzeitung WOZ im Jahr 2017. Der Schweizerische Zeitungsverlegerverein (SZV) setzte durch, dass die SRG sämtliche Radionachrichten von der durch die Presse kontrollierten Schweizerischen Depeschen­agentur (SDA) beziehen musste. Solche Entwicklungen missfielen nicht nur der SRG selber, sondern auch dem ARBUS, dem Arbeiter­-Radio­-Bund der Schweiz, der sich für eine demokratischere SRG und für den Miteinbezug der Linken am neuen Mas­ senmedium einsetzte. «Konkret wollte zum Beispiel Ernst Nobs aus der ‹Frühzeit der Arbeiterbewegung› berichten oder Max Weber über das Thema ‹Was wäre von Kor­ porationen zu erwarten?›», so die WOZ. «Die SRG­-Studios lehnten kategorisch ab. Beide Männer wurden später für die SP in den Bundesrat gewählt. Doch vor dem Zweiten Weltkrieg konnten die Bürgerli­chen die Linke noch ignorieren.»

Konzession suspendiert

Trotz der publizistischen Einschränkun­gen und der Debatten entwickelte sich die SRG damals erfolgreich: 1938 waren in der Schweiz 550 000 Empfangskonzessionen registriert, 400 000 mehr als im Grün­dungsjahr 1931. Bei Kriegsausbruch än­derte sich die Situation für die SRG jedoch entscheidend: Der Bundesrat suspendierte die Konzession und unterstellte das Radio, das nun noch stärker der «geistigen Landes­verteidigung» zu dienen hatte, dem Post­ und Eisenbahndepartement, einzelne Be­reiche sogar der Armee. Erst am 20. Juli 1945 erhielt die SRG die Konzession wie­der zurück. Kurz danach strahlte Radio Beromünster erstmals die weltpolitische Sendung «Echo der Zeit» aus, Radio Laus­anne mit «Le micro dans la vie» ein ähnli­ches Angebot. Damit entsprach die SRG dem Bedürfnis des Publikums nach vermehrter Tagesaktualität. Mindestens teil­weise konnte sie sich in der Nachkriegszeit dem Druck der Zeitungsverleger entziehen. Und schon bald brach auch in der Schweiz das Fernsehzeitalter an. Fernsehdarbietun­gen hatte zwar bereits die Landesaustellung von 1939 geboten, eigentliche Versuchspro­gramme sendete die SRG aber erst 1953.

90 Jahre SRG – eine historische Reise in fünf Teilen

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Den Auftakt zur Jahresserie 2021 machte im Februar der Beitrag über die Pionierzeit des Radios in der Schweiz und die Einrichtung des Landessenders Beromünster nach der Gründung der SRG im Jahr 1931. In der nächsten LINK-Ausgabe folgt der dritte Teil, der bis zur Einführung der zweiten Radioprogramme und des Farbfernsehens in den späten 1960er-Jahren reicht.


Text: LINK/Roger Ehret

Bild: LINK/SRG Archiv

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