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Was ist Sache?

An die Ombudsstelle gelangen sehr oft Zuschauerinnen und Hörer, die meinen, objektive Berichterstattung sei mit Arbeit von meinungsfreien Medienschaffenden gleichzusetzen. Ein Bericht der Schlichtungsstelle.

«SRF hat extrem einseitig über das Ende des Rahmenabkommens berichtet. Es wurde geradezu versucht, Angst zu verbreiten – mit einem roten Stempel am Ende jedes Berichts, als ob hier nur Fehler gemacht worden wären. Das Sachgerechtigkeits- und das Transparenzgebot wurden auf krasse Art und Weise verletzt. Von objektivem Journalismus keine Spur.»

Wir führen diese Beanstandung nicht wegen des Themas «gescheitertes Rahmenabkommen» an, sondern exemplarisch dafür, dass Beanstander:innen sehr oft Sachgerechtigkeit mit objektivem Journalismus gleichsetzen.

Sachgerechtigkeit gemäss Radio- und Fernsehgesetz schreibt vor: Tatsachen und Ereignisse müssen so dargestellt werden, dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann. Das heisst nicht, dass die Medienschaffenden keine eigene Meinung haben dürfen – zeigen allerdings dürfen sie sie nur, wenn der Bericht auch als Meinungsbeitrag bezeichnet wird.

Wie alle Menschen nehmen auch Medienschaffende die Welt vor dem Hintergrund ihrer eigenen Weltsicht, ihrer Erfahrungen und Einstellungen wahr. So gesehen ist es eine Illusion, auf der Objektivität als höchstem Gebot des Journalismus beharren zu wollen. Journalismus kann nicht ganz objektiv sein, weil er von unzähligen subjektiven Entscheidungen abhängt. Zum Beispiel von der getroffenen Auswahl der Themen, der Perspektive(n), der Gesprächspartner:innen oder der gewählten Sprachausdrücke und Bilder. Entscheidend ist also nicht die Objektivität, sondern die Nachvollziehbarkeit der Berichterstattung.

Wenn die öffentliche SRG tagelang über das gescheiterte Rahmenabkommen berichtet, so entspricht das der Bedeutung, die dem gegenwärtigen und zukünftigen Verhältnis zwischen der Schweiz und ihrem (noch) wichtigsten Handelspartner zukommt. Wenn bei den gewählten Gesprächspartner:innen diejenigen Stimmen, die den Abschluss eines Rahmenabkommens befürwortet hätten, in der Überzahl sind, so hat das nicht mit verstecktem Meinungsjournalismus zu tun, sondern mit der Tatsache, dass mit Ausnahme der gewichtigen SVP praktisch niemand kein Rahmenabkommen wünschte, sondern einfach nicht dieses.

Das, was SRF sendet, ist nicht tendenziös, sondern – aus oben erwähnten Gründen – legitimerweise mehr in diese (oder die andere) Richtung gewichtend. Es ist die subjektive Wahrnehmung der Beanstander:innen, die das «Tagesgespräch» mit SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher ausblenden und nur das «Tagesgespräch» mit SP-Nationalrat Eric Nussbaumer, einem deklarierten EU-Beitrittsbefürworter, zur Kenntnis nehmen. Ebenfalls hat es nichts mit mangelnder objektiver Berichterstattung zu tun, wenn in einer kontrovers gestalteten Informationssendung zur Trinkwasser-Initiative die die Initiative ablehnenden Politiker ihre Argumente eloquenter und verständlicher vorbringen als die Befürworter. Gerade in Sendungen zu Abstimmungsvorlagen sind es in erster Linie nicht die Medienschaffenden, welche die Gesprächspartner:innen auswählen, sondern die Parteien. So zum Beispiel bei der «Abstimmungs-Arena». Noch weniger hat es mit Gesinnungsjournalismus zu tun, wenn die Moderator:innen den Gesprächspartner:innen ins Wort fallen. Sondern damit, dass die Politiker:innen ohne Punkt und Komma sprechen oder vom Thema abschweifen, weil sie auf eine kritische Frage keine einleuchtende Antwort parat haben.

Der im Jahr 1970 verstorbene amerikanische Journalist und Autor John Gunther schrieb einmal: «Die erste Priorität des Journalismus ist zu wissen, was man wissen will. Die zweite ist herauszufinden, wer es einem sagt.» Was von Seiten der Rezipient:innen Unvoreingenommenheit voraussetzt und die Fähigkeit, zu unterscheiden zwischen dem, was sie sehen/hören, und dem, was sie sehen/hören wollen.


Text: Esther Girsberger

Bild: Stephan Lütolf (Illustration)

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