Heidi Abel
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Die SRG nach 1950 – Wachstum und Krise trotz Erfolg

Ruhige Jahre zwischen Kriegsende und «1968» oder Zeit von Konsumhektik und Kaltem Krieg – die 1950er-Jahre werden recht unterschiedlich beurteilt. Der SRG brachte das Jahrzehnt starke Ambivalenzen und auch ein neues Medium: das Fernsehen.

«1949 führte man unter dem Motto ‹25 Jahre Schweizer Radio – eine Million Hörer› eine breite Werbekampagne durch, die von der SRG, der PTT, der Vereinigung Pro Radio, der Radioindustrie und dem Radiohandel getragen wurde», schreibt die Historikerin Theres Egger im Buch «Radio und Fernsehen in der Schweiz. Geschichte der Schweizerischen Rundspruchgesellschaft SRG bis 1958». Das Radio setzte «Ende der vierziger Jahre zu seinem Höhenflug an», wie die Autorin festhält: «Am 18. November konnte in der Innerschweiz der millionste Radiokonzessionär registriert werden, den man am 9. Dezember 1949 am Standort des Kurzwellensenders Schwarzenburg unter Beisein des ersten Radiokonzessionärs aus den zwanziger Jahren gebührend feierte.» Der Erfolg konnte aber nicht über interne Probleme der SRG hinwegtäuschen, die schliesslich in eine veritable Krise mündeten.

1946 war die Innerschweizerische Rundspruchgesellschaft (IRG) gegründet worden. Zuvor hatten die drei Radiostudios Zürich, Bern und Basel die Radioregion im Zentrum des Landes unter sich aufgeteilt. Die Vorbehalte gegen das neue Selbstbewusstsein waren freilich gross: Als gleichberechtigte Mitgliedgesellschaft der SRG konnte sich die IRG erst 1954 durchsetzen, nach «achtjährigem mühevollen und erbitterten Kampf». Ebenfalls im Jahr 1946 war auch die Cuminanza Radio Rumantsch (CRR) gegründet worden, deren Zweck es war, «die rätoromanische Bevölkerung in allen das Schweizer Radio betreffenden Fragen zu vertreten, ihre Interessen zu wahren und Radiosendungen aus dem rätoromanischen Gebiet zu vermitteln». Auch im Fall der CRR waren die Gegenkräfte stark. 1951 griff deshalb der Bundesrat ein und machte der SRG klar, dass er keine neue Konzession erlasse, die «nicht die Aufnahme der CRR und der IRG enthalte».

Die neue Konzession trat 1954 in Kraft. Vorausgegangen war ihr auch ein Machtkampf in der SRG-Generaldirektion, der «die SRG in ihren Grundfesten erschütterte und eine umfassende Reorganisation auslöste», wie die Autorin Sonia Ehnimb-Bertini im Buch «Radio und Fernsehen in der Schweiz» berichtet. «In der Geschäftsstelle herrschte ein aggressives und von persönlichen Animositäten geprägtes Klima, das ein ruhiges und effizientes Arbeiten verunmöglichte.» Die Folgen waren eine interne Untersuchung, die unter anderem zum Rücktritt des Generaldirektors Alfred W. Glogg führte, heftige Pressereaktionen und eine nationale politische Kontroverse über den «Personenkrieg am Radio», wie die «Basler Nachrichten» im Februar 1950 schrieben, nur kurz nach der Feier des millionsten Hörers. Die Krise führte zu einem umfassenden Umbau der SRG-Verwaltung, ebnete den Weg zu einer «Demokratisierung des Radios», wie sie auch Politik und Parlament gefordert hatten, und führte schliesslich zur Konzession von 1954. Zwei Jahre später, 1956, wurde das Radio in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz durch die Einführung von zweiten Programmen ausgebaut.

«Schon 1931, als die SRG gegründet wurde, produzierte die BBC in England bereits ihre ersten Fernsehprogramme.»

Roger Ehret, Autor

Gut eineinhalb Jahrzehnte zuvor hatte das Publikum an der Landi, der Landesausstellung von 1939 in Zürich, erste Fernsehversuche in der Schweiz mitverfolgen können, durchgeführt von der ETH. Grundlagen für das neue Medium hatte fast 100 Jahre früher der schottische Uhrmacher Alexander Bain gelegt, der 1843 mit der Erfindung des Kopiertelegrafen die Basis für Fax und Fernsehen schuf – lange bevor es Telefone und Radiogeräte gab. Schon 1931, als die SRG gegründet wurde, produzierte die BBC in England bereits ihre ersten Fernsehprogramme. 22 Jahre später nahm die SRG im umgebauten Filmstudio Bellerive in Zürich erste Tests auf und strahlte schliesslich ab Sommer 1953 ein Versuchsprogramm mit wöchentlich fünf einstündigen Abendsendungen aus. Der reguläre Sendebetrieb begann 1958, von 1960 an wurden die definitiven Sendestudios in Zürich, Genf und Lugano eingerichtet. Basel und Lausanne gingen trotz heftiger Proteste leer aus.

Fast von Beginn an prägte eine Frau das neue Medium, die später als «Ikone des Schweizer Fernsehens» bezeichnet wurde: Heidi Abel. 1954, als noch nicht einmal tausend Fernseh-Empfangskonzessionen vergeben waren, begann die 1929 geborene Baslerin als Ansagerin, später moderierte sie auch eigene Sendungen. Dank ihrer eleganten Natürlichkeit konnte die vielseitige Fernsehpionierin eine unvergessliche Bildschirmpräsenz entwickeln. Umso erstaunlicher, was die Fernsehjournalistin Helen Issler 2019 in einem SRF-Interview über ihre Kollegin sagte: «Das Fernsehen ist mit Heidi Abel gross geworden. Aber man hat Heidi Abel nicht wie eine Grosse behandelt. Sie musste immer auch um Arbeit kämpfen. Sie hat zum Beispiel, als ich ein Kind bekam, für mich Regionalnachrichten gelesen. Das war ein schockierendes Erlebnis für mich. Dass so eine Grösse nicht mal genügend Arbeit hatte.» Tröstlich, was Helen Issler anfügte: «Sie wurde relativ wenig begleitet und unterstützt. Aber das hat sie niemandem vorgeworfen. Sie war nicht verbittert.»

90 Jahre SRG – eine historische Reise in fünf Teilen

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Die ersten beiden Teile der Jahresserie 2021 führten von den Pionierjahren des Radios und der SRG bis in die Zeit, als die Linke im Land mehr Mitsprache beim Radio forderte, und schliesslich in die Nachkriegsjahre. In der nächsten LINK-Ausgabe folgt der vierte Teil, der bis zum Ende des SRG–Monopols im Jahr 1983 und zur Einführung der Privatradios reicht.

Teil 1: Modernisierung in bewegten Jahren – die Frühzeit der SRG

Teil 2: Aufbrüche und Debatten – die SRG vor und nach dem Krieg


Text: Roger Ehret

Bild: SRF/Eric Bachmann

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