Rolf Perrollaz gebärdet in drei Szenen auf der Bühne
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«Als gehörloser Musiker gebe ich mehr Preis von mir»

Die Melodie und den Songtext hört er nicht. Rolf Perrollaz ist ­gehörlos. Doch er rappt in ­Gebärdensprache – und das nicht nur für Gehörlose. Ein Gespräch über Töne aus der Kindheit, die laute Fernsehwelt und den Mut, stimmlos zu singen.

Rolf Perrollaz, Sie sind Gebärdensprach-Rapper und rocken seit über 13 Jahren mit Mundart-Rapper Gaston Perroud die Bühne. Was fasziniert Sie am Rap?
Ich liebe diesen Musikstil, weil ich ihn sehr gut spüre und ihn schon als Jugendlicher entdeckt habe. Gebärdensprache durfte ich damals nicht lernen, weil sie unerwünscht war. 1995 kam ich erstmals in der Gehörlosengemeinschaft mit Gebärdensprache in Berührung. Beim Rap geht es auch um soziale Themen, um Identifikation, beispielsweise um Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Das bewegt mich sehr.

Sie erlitten als Kleinkind eine Gehirnhautentzündung und verloren dadurch Ihr akustisches Gehör. Erinnern Sie sich noch an Töne von damals?
Ja. Als erstes Kind in der Schweiz erhielt ich ein Cochlea-­Implantat. Ich bin nicht mit Gebärdensprache auf­gewachsen, sondern mit der gesprochenen Sprache. Als junger Erwachsener geriet ich in eine Identitätskrise zwischen den zwei Kulturen. Mein Bedürfnis, hören zu wollen, wurde schwächer. Die Töne kann ich mir oft vorstellen, vermisse es aber nicht, dass ich sie nicht höre.

Wie prägen diese Hörerinnerungen Sie heute?
Das hat eigentlich kaum einen Zusammenhang. An die Musik, die ich damals gehört habe, erinnere ich mich zwar, ich kann aber nicht singen und verstehe den Inhalt oftmals nicht. Das hat mich inspiriert, in Gebärdensprache zu musizieren.

«Seit ich mit Gaston arbeite, verstehe ich die Kultur der ­gesprochenen Sprache immer besser», sagten Sie in einem Interview. Wo unterscheiden sich die beiden Welten am ­meisten?
Im Austausch mit Gaston habe ich viele Redewendungen der ­gesprochenen Sprache besser verstehen gelernt. Es gibt noch einen weiteren Unterschied: Hörende Personen sind schnell auditiv abgelenkt. Sie schauen mitten im Gespräch weg, wenn sie ­angesprochen werden. Ich bin es gewohnt, aber für mich ist das mühsam. Ich fühle mich nicht wichtig genommen, wenn sich das Gegenüber abwendet.

Als Gebärdensprachpoet haben Sie erfolgreich performt. Auch beim Humor dürfte es Unterschiede geben. Lacht das gehörlose Publikum an anderen Stellen?
Mir sagt vieles nichts, das für Hörende lustig ist, weil es vielleicht ein Wortspiel oder ein Spiel mit der Stimme ist. Wir haben in der Gebärdensprache andere Redewendungen, andere Situationskomik durch die Mimik und den Inhalt, ja sogar ­gebärdensprachliche Witze, deshalb ist der Humor ein anderer. Die Mimik ist unsere Stimme.

Bühne und Fernsehen sind sehr audiovisuelle Medien. Wie ist es für Sie, sich in diesen Welten zu bewegen?
Für viele Gehörlose ist Musik einfach jemand mit ­einem Mikrofon vor dem Gesicht. Auf der Bühne stehe ich auch für den visuellen Teil, den gesprochenen Teil übernimmt ­Gaston, der sich damit an das hörende Publikum wendet. Wir erarbeiten die Texte gemeinsam, so dass sie in beiden Sprachen funktionieren. Das gehörlose Publikum erreiche ich über die Gesten, die Emotionen und das Dabeiseinkönnen.

Wie haben Sie Ihre Leidenschaft für Musik entdeckt?
Ich habe mich intensiv mit Gaston ausgetauscht. Ihn immer wieder gefragt: Was ist Musik? Was macht sie aus? Für gehörlose Personen ist Geige spielen einfach eine Bewegung. Ich wusste lange nicht, dass Musik auch Stimmungen wie düster oder fröhlich transportiert.

Ich höre Musik, wenn mich die Emotionen packen. Wie ist das bei Ihnen?
Wie bei Ihnen – bin ich emotional schlecht drauf, ­widme ich mich der Musik, oder wenn ich Entspannung suche. Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Black Music, RnB, Soul, Hiphop sowie Genres, die ich gern entdecke. Klassische Musik beispielsweise, wobei ich immer noch herausfinden will, was Opernmusik ausmacht.

Warum ist es für Sie schwieriger, klassische Musik zu ­spüren?
Ich höre mit einem Gerät, das Töne in Vibrationen überträgt. Dabei muss ich die Vibrationen voneinander trennen können. Eine Geige unterscheidet sich von einem Saxofon. Sind Instrumente überlagert, spüre ich nur eine Vibration und erkenne die Tonhöhe nicht.

Wenn Sie die Stille suchen, wie finden Sie diese?
Ich habe keine akustischen Reize, die mich stören. Manchmal ist es visuell laut für mich. In solchen Momenten brauche ich eine Art Augenentspannung. Ich ziehe mich in mein WG-Zimmer zurück oder suche die Ruhe im Garten. Wenn ein Flugzeug vorbeifliegt, stört es mich ja nicht.

Seit Anfang Jahr arbeiten Sie für die SRF-Kindernews als Übersetzer. Wie erleben Sie die Fernsehwelt?
Ganz ehrlich, ich empfinde sie als stressreich. Die Zeit drängt, die Texte der gesprochenen Beiträge sind oft sehr komprimiert. Möchte ich sie simultan in Gebärdensprache über­setzen, muss ich sie auseinandernehmen, damit es aufgeht. Für die erste Sendung brauchte ich schätzungsweise 15 Stunden ­Vorbereitung, inzwischen ist es halb so viel.

Erzählen Sie mir von Ihrer allerersten Sendung.
Mein allererster Auftrag ist leider, trotz Vorbereitung, wegen eines positiven Coronatests kurzfristig ausgefallen. Ich bin gewohnt, mit Druck umzugehen, beim ersten Einsatz allerdings war ich so nervös, dass ich fast ein Blackout hatte. Zum Glück kam doch noch alles gut.

Barrierefreiheit hat bei vielen Medienhäusern inzwischen­ ­einen festen Platz. Was hat sich aus Ihrer Sicht am meisten verändert?
Beim Fernsehen sehe ich die grössten Veränderungen: von Untertiteln, Gebärdendolmetscherinnen und -dolmetschern bis hin zu Sendungen in Gebärdensprache. Auf Bundesebene ist es ein klein bisschen besser geworden. Doch viele Ange­bote sind noch nicht barrierefrei, etwa bei Regionalsendern, bei Live-­Streams oder beim Radio.

Welche Entwicklungen beobachten Sie in der digitalen Welt?
Wir sind auf dem Weg, aber noch nicht dort, wo wir es uns wünschen. Es wird mit Gebärdensprach-Avatars expe­rimentiert, allerdings ist die Gebärdensprache komplex und ­dreidimensional. Stimmt nicht alles haargenau, wirkt es, als ob der Avatar einen Sprachfehler hätte.

Was kann eine lautlose Kunstform auf der Bühne besser?
Ein Vorteil ist sicher, dass wir in der Gebärdensprache Blickkontakt haben. Ausser ich werde mit meiner Performance auf Grossleinwand übertragen. Das bedeutet aber, dass ich als Musiker mehr von mir preisgebe.

Sie zeigen sich sehr authentisch. Wie viel Mut kostet Sie das?
Das braucht schon Mut und Fingerspitzengefühl. Gebe ich mich nicht echt, spürt es das Publikum sofort. Der
Rap passt zu mir. Ich denke, ich bin in diese Kunstform rein­gewachsen.

Welchen Wunsch möchten Sie sich noch auf der Bühne ­erfüllen?
Ich habe viele Ziele, die ich erreichen möchte. Ein Wunsch wäre, mal auszuprobieren, wie ich als Popmusiker ­rüberkomme. Aber auch bei einer Oper wäre ich mit Herzblut dabei.


Text: Sulamith Ehrensperger

Bild: SRF / Robert Crevatin

Video: SRG.D / Sulamith Ehrensperger

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