Die Illustration zeigt die Zuschauerränge am WM-Eröffnungsspiel zwischen Katar und Ecuador. Die Sitzreihen in der Katar-Fanzone sind halbleer. Durch den Mittelgang verlassen Zuschauer:innen in traditioneller arabischer Kleidung das Stadion.
SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Kritik an Vergabe der WM ja – aber nicht während des Eröffnungsspiels

Drei Fernsehzuschauer beanstandeten Aussagen des SRF-Kommentators Sascha Ruefer an der Liveübertragung des WM-Eröffnungsspiels Ecuador – Katar vom 20. November 2022. Sie störten sich daran, dass der Kommentator während des Spiels immer wieder die negativen Seiten dieser WM betonte und über den Austragungsort Katar lästerte. Solche Aussagen seien vor oder nach dem Eröffnungsspiel in Ordnung, nicht aber während des Matches. Die Ombudsleute geben ihnen recht.

Die diesjährige Männer-Fussball-WM in Katar ist hochgradig umstritten. Entsprechend war viel Kritik rund um die Vergabe der Spiele und das Austragungsland in den Medien zu lesen, zu hören und zu sehen. Wo hat das seinen Platz und wann soll es in erster Linie um den Sport gehen? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Ombudsleute. Ein Beanstander bringt es auf den Punkt: «Ich weiss, dass es viele Fragezeichen zur Fussball-WM 2022 in Katar gibt, auch bei mir. Trotzdem finde ich es nicht in Ordnung, wenn Sascha Ruefer immer wieder während des Eröffnungsspiels auf den negativen Seiten der WM herumspringt».

Kritik als journalistische Pflicht

Dagegen wehrt sich die SRF-Sportredaktion: «Die diskutablen Begleitumstände können und dürfen nicht ausgeblendet werden». So hinterfrage SRF neben dem sportlichen Geschehen auch die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte rund um das Gastgeberland. Das habe man auch bei der letzten Fussball-WM in Russland oder den letzten Olympischen Spielen in China getan.

Selbst nachdem der Schiedsrichter ein Spiel angepfiffen habe, gehöre es zur journalistischen Pflicht des Live-Kommentators, mit kritischer Distanz auch über die Fussball-WM zu berichten, ist die Sportredaktion überzeugt. Die Livebilder aus den WM-Stadien würden von der internationalen Regie bereitgestellt und von der Fifa kontrolliert. Die Kommentatoren agierten als Augenzeugen vor Ort.

Geschehen auf Tribünen dem Publikum erklären

Die Livebilder hätten das Geschehen auf den Tribünen nicht gezeigt. So habe Sascha Ruefer versucht, dieses Geschehen für die Fernsehzuschauenden zu beschreiben und in einen Gesamtzusammenhang dieser WM zu stellen. Das gehöre zu einer unabhängigen Berichterstattung.

Eigenheiten des Sendegefässes berücksichtigen

Die Ombudsleute finden es richtig und wichtig, dass in Sendungen rund um die WM etwa über die Vergabepraxis, über Menschenrechtsverletzungen oder Homosexualität im Sport diskutiert wird. Sie sind auch einverstanden damit, wenn der Sportkommentator während eines Spiels darüber berichtet, was im Stadion läuft, das man im Fernsehen nicht sieht: Zum Beispiel, dass Kataren das Stadion verlassen, die Logen halbwegs gefüllt sind und das Interesse am Spiel bei den Gastgebern gering ist.

Nicht goutiert wird von den Ombudsleuten, wenn der Kommentator während eines Eröffnungsspiels mehrmals sagt, dass diese WM nie an Katar hätte vergeben werden dürfen. Darin sehen die Ombudsleute das Sachgerechtigkeitsgebot verletzt. Der Umfang der erforderlichen Sorgfalt hänge gemäss Bundesgerichtsentscheid von den Umständen, dem Charakter und den Eigenheiten des Sendegefässes ab. Beim WM-Eröffnungsspiel habe demzufolge das sportliche Ereignis kommentiert zu werden und dürften nicht wiederkehrend die politischen Umstände des Vergabelandes kritisiert werden. Deshalb unterstützen die Ombudsleute die Beanstandungen.

Schlussbericht Ombudsstelle Nr. 8999 ff.


Text: SRG.D/dl

Bild: SRG.D/Illustration Cleverclip

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