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Stuntman Oliver Keller über Cowboys, Mobbing und reale Träume

Oliver Keller ist der Mann für brenzlige Momente auf dem Filmset. Hollywood wartete nicht auf ihn, als er vor einem Vierteljahrhundert auswanderte, um seinen Kindheitstraum zu leben. Er wollte Stuntman sein – und schaffte den Sprung auf die berühmtesten Filmsets. Keller doubelte Stars wie Jim Carrey, Joe Manganiello, Ashton Kutcher, Pierce Brosnan und Kevin Costner. Nachdem er seinen «American Dream» verwirklicht hatte, kehrte er zurück in die Schweiz. Mit seinem Schaffen – unter anderem auch für SRF – möchte Keller die Schweizer Stuntszene auf ein neues Level heben und seine Erfahrungen als Mentor weitergeben. Sieben Anekdoten aus dem Leben eines Stuntmans, ein Blick hinter die Kulissen der Stuntwelt – und in das Fotoalbum von Oliver Keller.

«Mit 24 Jahren zog ich ohne Plan nach Los Angeles – mit einem bescheidenen Budget von 4000 Franken, aber grossen Träumen. Ich brauchte sieben Jahre, bis ich vom Job als Stuntman leben konnte. Einer der ersten grossen Stunts war für ‹Spider-Man›. Es folgten unter anderem ‹Der Diktator› und ‹Master and Commander – Bis ans Ende der Welt›. An Letzteren erinnere ich mich sehr gut. Wir haben mit Russell Crowe in Mexiko gedreht. Ich war einer von rund 60 Stuntmen am Set. Die meisten kannte ich nicht, und mein Englisch war noch ziemlich ungeschliffen.

Während der Dreharbeiten lernte ich Troy Gilbert kennen, dessen Familie tief in der Stuntwelt verwurzelt ist. Sein Vater Mickey Gilbert war ein bekanntes Stuntdouble und Stuntkoordinator – unter anderem für ‹Ein Colt für alle Fälle›, die Serie, die ich als Kind liebte. Dass Mickey Gilbert später für mich gearbeitet hat, hat den Kreis auf unglaubliche Weise geschlossen. Solche Momente sind selten im Leben. Ich bin unendlich dankbar für all die Chancen und die Mentoren, von denen ich so viel lernen durfte.»

«Meine Faszination für Stunts entfachte, als ich mit sieben Jahren die Serie ‹Ein Colt für alle Fälle› entdeckte. Im Mittelpunkt der Serie stehen Hollywood-Stuntleute, die nebenbei als Kopfgeldjäger Kriminalfälle lösen. In der Schweiz gab es damals kaum eine Filmindustrie. Stuntmen gab es keine. Ich träumte davon, einer Zu werden. Die anderen Kinder hänselten mich, nur meine Mutter glaubte an mich. Mit 16 Jahren fand ich Gleichgesinnte an einem Stuntprobewochenende in Deutschland – das entfachte mein Feuer noch mehr.

Nach einer Grundausbildung in einer deutschen Stuntschule hatte ich meinen ersten professionellen Stunt bei ‹Der Clown›, einem Piloten von ‹Alarm für Cobra 11›. Ich spielte einen Bauarbeiter, der Sand auf eine Autobahn schaufelte. Ein Auto, das auf Schienen gesteuert wurde, raste auf mich zu und explodierte genau dort, wo ich stand. Der Stuntkoordinator aus den USA, Monty L. Simons, warnte mich, dass ich auf jeden Fall rennen müsse. Am Tag zuvor hatte ich Höhenstürze geprobt und mich dabei verletzt. Mit schmerzenden Fersen musste ich vor dem heranrasenden Auto fliehen – ein Moment, den ich nie vergessen werde.»

Stunt mit einem Helikopter

«Rückblickend würde ich den Weg des Stuntman wieder einschlagen, auch wenn es kein einfacher ist. In unserem Beruf gibt es keine offizielle Ausbildung und keinen Titelschutz. Das Handwerk lernt man grösstenteils in den Firmen, die Stunts anbieten. Entscheidend ist die Leidenschaft, das Herzblut und gute Mentoren – ohne Unterstützung hätte ich es nicht geschafft. Man muss Chancen ergreifen und bereit sein, über sich hinauszuwachsen. Als Stuntman bist du immer wieder mit unerwarteten Situationen konfrontiert. Da zählt nicht nur Talent, sondern auch Selbstvertrauen, Verantwortungsbewusstsein und Lernbereitschaft.

In den USA war ich anfangs ungeduldig, weil ich in Europa schon Erfahrungen mit Autostunts sammeln konnte. Wenn du dich von jemandem anfahren lässt, musst du dieser Person blind vertrauen. Daher musste ich mir erst einen Namen machen. In diesem Job sind Verantwortung und Vertrauen sehr wichtig. Der Weg zu renommierten Jobs kann daher hart sein. Aber das Geheimnis ist: Gib niemals auf!»

Auto fährt über eine Rampe und hebt ab

«Eine besondere Vorliebe habe ich für Autostunts: Drifts, Sprünge, Überschläge. Jede Herausforderung ist anders und hängt vom Drehort ab. Als ich Jon Hamm in ‹Keeping Up with the Joneses› gedoubelt habe, hatte ich das Vergnügen, eine Verfolgungsjagd mit einem 90 000 Franken teuren Auto zu drehen. Die Vorbereitung von Stuntautos gehört zu meinem Job, da überlasse ich nichts dem Zufall.

Moderne Autos baue ich für Stunts komplett um, weil sie zu sehr computerisiert sind. Bei der Verfolgungsjagd fuhr ich mit 70 km/h rückwärts über eine schmale Rampe, dabei sah ich nur durch den linken Aussenspiegel. Ich musste zentimetergenau durch enge Passagen fahren. Die Szene endete mit einem Autorückwärtssprung. Es hatte geregnet, der Boden war nass, das Bremsen schwierig. In solchen Situationen ist kreatives Denken gefragt. Um den Wagen auf dem engen Parkplatz sicher anzuhalten, brauchte ich ein zweites Auto als Notbremse. Ein Produzent gab einem Stuntkollegen von mir kurzerhand den Schlüssel seines Mietwagens ...»

Stuntman als brennende Person

«Schon als Kind war ich besessen davon, alles über Stunts und Stuntmen zu sammeln. Das Buch ‹Stuntman. Das Geschäft mit dem Tod› wurde zu meiner Bibel. Ich habe es so oft gelesen, dass jede Seite lose ist. Der Titel ist etwas irreführend, denn Stunts sind nicht das Geschäft mit dem Tod. Aber das Buch beschreibt die Arbeit, die hinter spektakulären Szenen steckt.

Ich bin fasziniert von der Kraft der Visualisierung. Schon als Teenager sah ich mich an einem Filmset in Los Angeles, wie ich Stunts für Film und Fernsehen ausführte. Diese Vorstellungskraft hat mich dahin gebracht, wo ich heute bin. Bei jedem Stunt, den ich mache, egal ob es ein Kampf, ein Sturz oder eine Autoszene ist, visualisiere ich jeden Schritt im Voraus. Wenn es dann losgeht, handle ich instinktiv. Ich finde, dass diese Methode sehr gut funktioniert. Ich glaube, das ist auch der Grund für meinen Erfolg.»

Stuntman mit Motorrad, qualmende Reifen

«Vor drei Jahren bin ich in die Schweiz zurückgekehrt. Seither konzentriere ich mich auf meine Heimat, mit den USA bleibe ich aber eng verbunden. Ich kreiere und koordiniere weiterhin Stunts. Und ich gebe mein Wissen und meine Erfahrung als Mentor an die jüngere Generation weiter. Im Vergleich zu den USA sehe ich in der Schweiz derzeit noch keine grosse Filmindustrie. Mit Produktionen wie ‹Tschugger›, ‹Tatort›, ‹Die Beschatter›, ‹Jakobs Ross› oder dem Schweizer Netflix-Thriller ‹Early Birds› haben sich für uns aber neue Möglichkeiten eröffnet.

Für die zukünftige Entwicklung einer Stuntszene in der Schweiz sehe ich daher grosses Potenzial – auch international. Ich bewundere, wie Italien und Spanien seit den 60er-Jahren legendäre Filme wie die Spaghetti-Western oder die Bud-Spencer-Filme weltberühmt gemacht haben. ‹Go big or go home› – diese Philosophie hat mir ein Mentor mit auf den Weg gegeben. Ich bin überzeugt, dass auch in der Schweiz Grosses möglich ist.»

Explosion vor einer Autobrücke

«Es geht mir nicht um den Nervenkitzel, sondern um die Freude, ein spektakuläres Bild, eine Illusion zu schaffen. Bei jedem Stunt überlege ich mir haargenau, wie dieser aussehen soll und wie ich mich vor der Kamera bewege. Ich versuche immer ruhig zu bleiben, dann treffe ich die besten Entscheidungen. Auch bei aufregenden Autostunts bleibt mein Puls ruhig, ich fühle mich wohl. Das Kribbeln im Bauch ist zwar da, aber es mischt sich mit Ruhe und Respekt. Nach einem gelungenen Stunt spüre ich eine gewisse Euphorie. Dann werde ich eher schüchtern und finde es unangenehm, im Mittelpunkt zu stehen. Wichtig ist, dass der Stunt gut aussieht, nicht ich. Es geht nicht um persönliche Eitelkeiten. Es geht darum, die Vision zu realisieren und das Publikum zu begeistern.»

Zur Person

Oliver Keller begann seine professionelle Filmkarriere mit 16 Jahren als Stuntman. Mit 24 Jahren folgte er seinem Traum, in Hollywood erfolgreich zu werden. Nach 21 Jahren in Los Angeles kehrte Keller in die Schweiz zurück und gründete die 1291 Productions GmbH. Mit seinem Team wirkte er an Produktionen wie «Tschugger», «Tatort» und «Die Beschatter» mit.


Text: Sulamith Ehrensperger

Bild: Oliver Keller / 1291 Productions

Video: Sulamith Ehrensperger

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