«ABER!»: Zugang zu und Umgang mit Medien bedingen einander
In seiner Kolumne fragt sich Niggi Ullrich: «Zugang zu den Medien» ist eine derzeit viel gehörte Metapher, bei der nicht so ganz klar ist, ob es überhaupt noch genügend Medien gibt, zu denen man Zugang hat.
Zur Kolumne «ABER!»
Zur Kolumne «ABER!»
Niggi Ullrich schreibt in seiner Kolumne «ABER!» jeweils eine Replik auf den letzten Themenschwerpunkt des SRG.D-Mitgliedermagazins «LINK». Er nimmt die darin enthaltenen Stimmen und Meinungen auf und positioniert sich, beleuchtet einen Teilaspekt oder formuliert Denkanstösse in Bezug auf die SRG und ihre Rolle in der Zivilgesellschaft. Niggi Ullrich war von 1997 bis 2023 Präsident der SRG Region Basel und von 2016 bis 2023 Vizepräsident der SRG Deutschschweiz.
Dass der Austräger meiner abonnierten Tageszeitung mir unlängst zugesteht, dass er in meiner Wohnstrasse frühmorgens nur noch sechs Zeitungen in den Briefkästen deponiert, hat mich stutzig gemacht. Gleiches im Tram: Dort gibt es immer weniger Leute, die man eine Zeitung (oder ein Buch) lesen sieht … und seit der letzten Ausgabe der Pendler-Zeitung «20 Minuten» im letzten Dezember sind es noch weniger. Auch in den Kneipen und Beizen dieses Landes sieht man kaum noch Menschen, die ein Glas Wasser (gratis) bestellen und sich die an der Garderobe ausgehängte Tageszeitung zu Gemüte führen. Das Restaurant hat das Abo längst gekündigt. Bedürfnis und Bedarf sind allem Anschein nicht mehr gegeben. Gleiches gibt es in den Kiosks, in denen die Auslage von Tageszeitungen nicht mehr auf den ersten Blick auffallen, weil diese von einem ganz anderen, vielfarbig-schrillen Angebot (Süssigkeiten, Raucherwaren, Lose, Heftchen aller Art etc.) umzingelt ist. Wer dort eine Tageszeitung kauft, ist fast schon ein:e Exot:in. Schwarz auf weiss ist weniger Trumpf als auch schon.
Die Klage darüber, dass die Gesellschaft keinen Zugang zu Medien mehr hat oder braucht, ist nicht immer nur eine Frage des Bedürfnisses, sondern manchmal auch eine des Angebots, könnte man meinen.
«Publizistische Inhalte wirken immer subjektiver auf uns ein»
Natürlich ist jetzt der Einwand zu erwarten, dass sich die medialen Inhalte heute auf den Handys und im Internet befinden und dass sich (fast) alle Sendungen im Fernsehen und Radio auch «on demand» konsumieren lassen. Stimmt … aber! «In der Tagesschau haben sie berichtet», «in der Zeitung steht» oder «am Radio haben sie gemeldet» sind keine Worte mehr, die landauf landab öffentlich hörbar sind und darauf schliessen lassen, dass mediale Inhalte in der Gesellschaft Teil einer kollektiven, relevanten Rezeption sind. Publizistische Inhalte wirken immer subjektiver oder individueller auf uns ein und sind viel weniger als Teil eines gemeinsamen und grossen Ganzen erfahrbar; nicht zuletzt auch, weil sie jederzeit und auf unzähligen Kanälen im privaten Rahmen konsumierbar sind.
Nur weil es viele und immer noch mehr mediale Inhalte gibt, heisst das nicht, dass diese Teil einer gesellschaftlich-öffentlichen Reflexion sind oder werden. Den kollegialen, freundschaftlichen sowie kontroversen Austausch über die «Tagesschau», über das «Echo der Zeit» oder über einen Leitartikel in einer Zeitung, um sich mit anderen Menschen ein sich ergänzendes Bild von dieser Welt zu machen, gibt es immer weniger. Dazu kommt: Weil immer auch Fake News, KI und vordergründige Meinungsmache «in der Luft liegen», haben mediale Inhalte mehr und mehr generell etwas Zweifelhaftes an sich und fördern die subjektive Selektion im Umgang mit ihnen.
Fazit: Es geht nicht nur um den inhaltlichen Zugang zu Medien, sondern immer mehr auch um den Umgang mit Medien, denen man immer weniger zugestehen will, dass sie der Gemeinschaft dabei helfen können, eine immer komplexere Welt zu verstehen.