Barbara Rosslow: Wie Bedeutung gemacht wird

In der Rubrik «Carte blanche» haben Autor:innen die Möglichkeit, über ein Thema zu schreiben, welches ihnen persönlich am Herzen liegt. Dieses Mal kommt Barbara Rosslow, Leiterin der Geschäftsstelle der SRG Region Basel, zu Wort.

Barbara Rosslow leitet seit Oktober 2025 die Geschäftsstelle der SRG Region Basel.

Ich erinnere mich noch genau an diese eine Geschichtsstunde. Es war im Jahr 1992, ich war sechzehn und zählte die Minuten bis zum Pausengong. Stattdessen wurde das Klassenzimmer abgedunkelt und eine Videokassette in den Rekorder geschoben. Auch gut! Film gucken und dösen!, dachte ich. Doch es kam anders. Dreimal zeigte unser Geschichtslehrer denselben Film mit den gleichen Kameraeinstellungen über Puerto Rico. Dreimal im Wind schaukelnde Palmen, spielende Kinder am Strand, Männer auf Booten, bunte Häuserfassaden.

Doch jedes Mal klang alles anders. Beim ersten Mal schwärmte eine Frau mit weicher Stimme von der Insel als Paradies für Reisende – ein Ort voller Lebensfreude, Salsa und unvergesslicher Strände. Beim zweiten Mal erklärte ein Amerikaner stolz, wie sehr die USA das Land voran gebracht und unterstützt hätten und wie dankbar die einheimischen Menschen seien. Und beim dritten Mal sprach ein Puerto-Ricaner über Armut, Abhängigkeit, vom Gefühl, unterdrückt zu werden und ein besetztes Land zu sein. Die Bilder blieben dieselben – nur die gesprochene Wahrheit wechselte. Damals traf mich diese Erkenntnis wie ein Blitz. Ich verstand plötzlich, dass Wirklichkeit nicht einfach aus Bildern besteht. Dass Bedeutung gemacht wird – durch Worte, durch Perspektiven, durch Absicht. Diese Stunde hat mich nachhaltig geprägt. Da begriff ich, warum Journalismus Verantwortung ist.

Inzwischen können aber nicht nur Worte lügen. Auch Bilder, Stimmen, Gesichter sind formbar geworden. Es reicht ein Mausklick, und jemand sagt oder tut Dinge, die nie geschehen sind. Gerade deshalb braucht es heute mehr denn je Menschen, die prüfen, offenlegen und verschiedenen Meinungen eine Plattform bieten. Ausgewogener Journalismus benötigt Recherche, Zeit und gut ausgebildete Leute. Auf der anderen Seite braucht es uns Medienkonsumierende, die nicht die lauteste Version glauben, sondern die glaubwürdigste suchen.

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Text: Barbara Rosslow

Bild: Michael Fritschi

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