Hornussen: Tradition in Bild und Ton
Hornussen gehört zu den Schweizer Traditionen, die meistens nur lokal wahrgenommen werden. Das Eidgenössische Hornusserfest 2024 hat gezeigt, wie wichtig öffentliche Präsenzfür die Zukunft dieses Sports ist.
Als im August 2024 das Eidgenössische Hornusserfest (EHF) in Höchstetten stattfand,verwandelte sich das Emmental für zwei Wochenenden in ein eigenes Universum. Wo wenige Wochen später wieder eingesät wurde, standen Spielfelder, Zelte und Vereinsfahnen und erstmals seit 2012 die Kameras von SRF. Die Liveübertragung eines ganzen Festtags gab einem Sport nationale Sichtbarkeit, der sonst vor allem dort existiert, wo er ausgeübt wird.
Hornussen ist tief in der Schweiz verwurzelt. Der Name geht auf das «Hornen» zurück, das dumpfe Brummen des heranfliegenden Nouss. Seine Ursprünge liegen in alten Bräuchen, später wurde daraus ein Wettkampf- und Mannschaftsspiel. Bis heute ist Hornussen ein Sport mit einfachen Regeln, geringem Materialaufwand und einer Tradition, die über Generationen weitergegeben wird – bodenständig, dynamisch und selten im Rampenlicht.
Quoten, die alle überrascht haben
Wie ungewohnt dieser plötzliche nationale Fokus für den Verband war, zeigte sich unmittelbar nach der Übertragung. «Als wir die Einschaltquoten bekommen haben, waren wir total überrascht. Sie lagen bei knapp 30 Prozent», erinnert sich Sandra Widmer, Ressortleiterin Marketing und Kommunikation beim Eidgenössischen Hornusserverband. «Das hätten wir nie erwartet.» Dass Hornussen an diesem Sonntag so viele Menschen erreicht hat, verlieh dem Anlass eine Aufmerksamkeit, wie sie der Sport seit Jahren nicht mehr bekommen hatte.
Widmer beschreibt eine Sportart mit ungewöhnlicher sozialer Breite. «Bei uns können verschiedene Generationen in derselben Mannschaft spielen.» Die Spannweite bei den Aktiven ist aussergewöhnlich: «Die Ältesten sind neunzig und älter, die Jüngsten sind zehn Jahre alt.» In den Fernsehbildern wurde sichtbar, wie selbstverständlich diese Mischung funktioniert. Hornussen ist ein kollektives Spiel: Eine Mannschaft schlägt, die andere versucht, den heranfliegenden Nouss im Ries abzufangen. Die Resonanz war entsprechend gross. «Meine Kolleginnen und Kollegen und ich wurden häufig auf die Übertragung angesprochen und bekamen sehr viele positive Rückmeldungen.» Ausserdem nahm das Interesse an Schnuppertrainings deutlich zu. Selbst eine Schulklasse aus Zürich, weit entfernt von typischen Hornusserregionen, meldete sich und wollte den Sport kennenlernen.
Ein Sport für alle Vielfalt ist im Hornussen kein programmatisches Ziel, sondern gelebter Alltag. Unterschiedliche Herkunft, altersdurchmischte Teams, Spielerinnen und Spieler mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen gehören selbstverständlich dazu. Auch die Hornusserinnen seien sichtbarer geworden. «Jedes siebte Kind auf dem Spielfeld ist ein Mädchen. Dies führt dazu, dass bei den Aktiven immer mehr Frauen dabei sind», erklärt Widmer weiter.
Was die Fernsehpräsenz für Einzelne bedeutet, zeigte sich besonders bei Stefan Studer, Sieger der Einzel- und Teamwertungam EHF 2024. «Man ist nervös, weil man sich von der besten Seite im TV zeigen will», sagt er über die Momente vor dem Wettkampf. Nach seinem Triumph änderte sich sein Alltag für einige Wochen abrupt. «Ich habe so viele Mitteilungen und Gratulationen erhalten. Von Leuten, die ich kenne, von Menschen, die ich schon ewig nicht mehr gesehen hatte, und auch von Fremden.» Viele hätten den Sport zuvor kaum gekannt. «Ich habe immer wieder gehört, dass Leute dank der Liveübertragung zum ersten Mal Hornussen gesehen haben und es richtig cool fanden», erzählt Studer.
«Der heutige Nachwuchs ist viel mehr auf den Sport fokussiert»
Für die junge Generation hat die SRF- Übertragung eine andere Wirkung. «Für mich geht es vor allem um Familie, um eine Schweizer Tradition und natürlich um den Sport an sich», sagt die 18-jährige Jenni Burkhalter, die seit 15 Jahren hornusst. Sie sieht einen Wandel. «Der heutige Nachwuchs ist viel mehr auf den Sport fokussiert als vielleicht vor fünf bis zehn Jahren.» Und die Zusammensetzung sei breiter geworden: «Es sind viel mehr Kulturen dabei. Es sind nicht mehr nur Schweizerinnen und Schweizer. Und es ist viel toleranter geworden.» Die nationale Übertragung habe geholfen, gängige Vorurteile zu relativieren. «Viele, die Hornussen nicht kennen, glauben, es sei eine gute Ausrede, um zu trinken. Ich denke, so eine schweizweite Übertragung zeigt, dass Hornussen sehr modern geworden und wirklich ein Sport ist.»
Ohne Nachwuchs geht es nicht
Social Media haben den Sport ebenfalls verändert. «Es ist mega gewachsen mit Instagram. Das spricht natürlich auch viel mehr die Jungen an», sagt Burkhalter. Ob das langfristig neuen Nachwuchs bringt, bleibt offen. Gleichzeitig bleiben die Rituale und die Feste tief im Sport verwurzelt: Trinkhörner als Mannschaftspreise, Eichenlaubkränze, Naturalpreise, Lotterien. Traditionen, jahrhundertealt. Damit dieses Stück Schweizer Kultur nicht verloren gehe, sei die mediale Vermittlung essenziell, erklärt Sandra Widmer vom Eidgenössischen Hornusserverband: «Wenn wir die Präsenz nicht mehr haben, dann straft es die Randregionen noch mehr.» Der Verband streame zwar mittlerweile selbst Spiele, «aber ohne Kommentar». Damit erreiche man nur Menschen, die den Sport bereits kennen. SRF hingegen bringe Hornussen in Haushalte, die sonst nie damit in Berührung kämen.
Hornussen ist ein Sport, der meist abseits der grossen Bühnen stattfindet und gerade deshalb von jenen Momenten lebt, in denen die Kameras auf ihn gerichtet sind. Die Übertragung 2024 zeigte nicht nur einen Wettkampf, sondern eine soziale Realität, die im nationalen Bild oft fehlt: gemeinschaftlich, altersdurchmischt, in Bewegung. Wie viel davon sichtbar bleibt, hängt nicht nur von den Vereinen ab, sondern auch davon, ob solche Bilder weiter ihren Weg ins Fernsehen finden.
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