Braucht die Schweizer Musikszene die SRG noch?
Von der jungen Mundartsängerin bis zum erfahrenen Labelchef: Für die Schweizer Musikszene bleibt die SRG trotz zunehmend von Algorithmen geprägtem Hörverhalten eine wichtige Plattform. Sie spielt Schweizer Songs und erzählt die Geschichten dahinter.
Wer in der Schweiz Musik macht, weiss: Der Markt ist klein, die Konkurrenz global. Umso wichtiger sind Kanäle, die Schweizer Künstlerinnen und Künstler hör- und sichtbar machen. Genau hier spielt die SRG seit Jahren eine zentrale Rolle. In ihren Radioprogrammen liegt der Anteil an Schweizer Musik heute bei durchschnittlich 38 Prozent. Und es bleibt nicht bei der Ausstrahlung: Jährlich produziert die SRG Hunderte Konzertmitschnitte, begleitet Talente in redaktionellen Formaten und baut jungen Musikerinnen und Musikern Brücken, die im internationalen Streamingmarkt kaum existieren würden. «Es ist ohne Zweifel wichtig, dass es in jedem Land Medien gibt, die das Volk erreichen können», sagt Andreas Ryser. Der CEO des Labels Mouthwatering Records (unter anderem Black Sea Dahu, To Athena und Long Tall Jefferson) und Präsident von Indiesuisse hat die Entwicklung der Musikbranche über Jahrzehnte miterlebt – und er spricht mit Nachdruck. «Leider ist genau das immer weniger der Fall, weltweit.»
Die SRG prägt Karrieren
Wenn Ryser über die Branche spricht, tut er das nicht mit Nostalgie, sondern mit der Erfahrung eines Produzenten, der seit Jahren mitten in ihren Veränderungen steht. Die digitale Welt hat das Hörverhalten grundlegend verändert – und damit auch die Wege, wie Musik heute entdeckt wird. «Wir sind im Nutzungszeitalter», sagt er. «Jemand hört einen Song – und that’s it.» Heute geht ein grosser Teil der Bevölkerung seltener an Konzerte, viele kleinere Clubs kämpfen ums Überleben. Und vor allem: «Die Flut an verfügbaren Inhalten, die Geschwindigkeit sozialer Plattformen und globale Streamingmechanismen erschweren es Musikerinnen und Musikern zunehmend, überhaupt sichtbar zu werden.»
Umso wichtiger sei der Rahmen, den die SRG biete: «Es reicht nicht, einfach einen Song zu spielen», betont Ryser. «Man muss erzählen, wer die Menschen hinter der Musik sind. Das schafft Bindung.» Gerade Nachwuchsformate seien entscheidend. «Auszeichnungen wie ‹SRF 3 Best Talent› und ‹Artist Radar› von RTS können die Karriere von jungen Musikerinnen und Musikern prägen.» Dass die SRG heute deutlich mehr Schweizer Musik spielt als noch vor zwanzig Jahren, schreibt Ryser nicht zuletzt dem stetigen Dialog zwischen Branche und Service public zu. Was ihm Sorge bereitet, ist etwas anderes: «Alles, was Musikerinnen wirklich hilft, ist gleichzeitig das, was am meisten kostet: Liveproduktionen, Reportagen, Interviews, redaktionelle Beiträge. Genau diese Inhalte geraten als Erstes in Gefahr, wenn gespart wird.»
Dass die SRG Karrieren prägen kann, zeigt die Geschichte von Riana. Die Appenzellerin ist Popmusikerin, die im Appenzeller Dialekt singt. 2024 wurde sie zum «SRF 3 Best Talent» gewählt. «Die Auszeichnung war das Beste, was mir als junge Musikerin passieren konnte», sagt sie. «Ich habe so viele Leute erreicht, die meine Musik vorher gar nicht kannten.» Der Effekt war unmittelbar: mehr Streams, mehr Konzertbesucherinnen, mehr Anfragen. Und vor allem die Erkenntnis, dass ein weitverbreitetes Vorurteil nicht stimmt. «Viele denken, Radio sei tot – ich habe jedoch genau das Gegenteil erlebt. Gerade die Präsenz im Radio hat mir enorm geholfen.»
Der Unterschied ist dabei nicht nur spürbar, sondern auch messbar: «Über Airplays verdiene ich deutlich mehr als über Spotify. Das macht für uns Musikerinnen einen riesigen Unterschied.» Gleichzeitig spürt Riana, wie anspruchsvoll es geworden ist, im Radio stattzufinden. «Als Mundartsängerin mit Appenzeller Dialekt bin ich eine Nische.»
«Kultur hält das Land zusammen»
Wie stark die Wirkung öffentlicher Medien sein kann, zeigt auch die Erfahrung von Dabu Fantastic. Zur jüngsten Platte erschien mit «Ciao Baby, Ciao» 2024 ein Dokumentarfilm auf SRF – und der Effekt überraschte selbst den erfahrenen Musiker. «Von den Streamingzahlen bis zur Nachfrage nach Konzerten: Die Doku hat einen extremen Schub ausgelöst.» Dass solche Aufmerksamkeit heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist, beobachtet Dabu schon lange. «Vor 20 Jahren konnte eine gute Rezension in einer Zeitung einen ähnlichen Effekt haben. Das ist heute schwieriger geworden.» Gerade deshalb sieht Dabu die Entwicklung mit Sorge, dass im Kulturbereich zunehmend gespart wird. «Kultur – und dazu gehört die Musik – ist etwas, was die Menschen in unserem Land zusammenhält», sagt er. «Auf ‹Venus von Bümpliz› kann sich mehr oder weniger die ganze Deutschschweiz einigen.» Solche gemeinsamen Referenzen würden seltener.
Mit der SRG verbindet Dabu Fantastic eine lange Geschichte. Bereits 2012 gewannen er und seine Band den Titel «Best Talent ». Seither habe sich die SRG immer wieder als verlässliche Partnerin erwiesen. «SRF 3 zum Beispiel zeigt mit rund 40 Prozent Schweizer Musik, dass heimische Musik auch beim breiten Publikum funktioniert.» Was für Dabu am Ende zählt, geht jedoch über Reichweite hinaus. «Solange es Formate gibt, die viele Menschen gleichzeitig hören oder sehen, erleben wir etwas gemeinsam.» In diesem Sinn sei die SRG für ihn nicht nur Medienpartnerin für Tourneen, sondern auch ein Gegenpol zu einer möglichen «Vereinzelung» der Gesellschaft.
Ähnlich tönt es bei Riana. Die Musikerin, die noch am Beginn ihrer Karriere steht, wünscht sich von der Bevölkerung mehr Bewusstsein für die Arbeit der Kulturschaffenden. «Ich habe das Gefühl, Kultur kommt in den Medien oft zu kurz. Über ein Skirennen wird schneller berichtet als über ein Konzert. Dabei konsumieren wir alle jeden Tag Kultur.» Viele hätten zudem kaum eine Vorstellung davon, wie viel Arbeit hinter einer Albumproduktion oder einer Tour stecke. «Und weil Privatradios vor allem Mainstream spielen und überall sparen, ist die SRG mit ihren Kanälen umso wichtiger. Ohne sie wäre meine Musik wohl nicht hörbar.»
Dem pflichtet auch Andreas Ryser bei. Der langjährige Branchenkenner bringt es mit einem Gedanken auf den Punkt: «Wir müssen uns überlegen, wie wir in 10 oder 15 Jahren die Leute noch erreichen. Wollen wir alles den grossen Techkonzernen überlassen – oder die Publizität in unseren eigenen Händen behalten?» Für ihn ist die Antwort klar: «Eine offene Gesellschaft lebt davon, dass ihre Stimmen gehört werden. Für die Schweizer Musikerinnen und Musiker gilt dies ganz besonders.»
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