«Wichtig ist, dass wir weder die Opfer-, noch die Heldenperspektive einnehmen»

Was als befristete Radioaktion begann, ist heute eine wichtige Institution: Seit fast sechzig Jahren ermöglicht die Stiftung Denk an mich Menschen mit Behinderungen Ferien und Freizeit – und setzt sich zugleich für echte Inklusion in der Gesellschaft ein.

Ende der 1960er-Jahre starteten die Radiomoderatorin Jeannette und ihr Kollege Martin Plattner eine befristete Radioaktion mit dem Ziel, Kindern mit Behinderungen zwei Wochen Sommerferien zu ermöglichen. Was als kurzfristige Idee begann, entwickelte sich rasch zu einer Bewegung, die grosse Spendenbereitschaft auslöste. Weil mit 100 000 Franken deutlich mehr Geld zusammengekommen war als erwartet, gründete das Ehepaar 1968 kurzerhand die Stiftung Denk an mich. Seither unterstützt diese Menschen mit Behinderungen dabei, an Ferien- und Freizeitaktivitäten teilzunehmen.

Nun, fast sechzig Jahre später, ist die Stiftung noch mindestens genauso relevant wie damals, erklärt die Geschäftsführerin Sara Meyer. «Es ist traurig, doch die Situation für Menschen mit Behinderungen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten überhaupt nicht verbessert. Viele Betroffene können sich Ferien oder Freizeitangebote schlicht nicht leisten.» Dass die Stiftung nach wie vor gebraucht wird, zeigt auch ein Blick auf die Zahlen. «Jährlich bewilligen die Verantwortlichen rund 2500 Gesuche. Und das sind nur diejenigen, die den Stiftungszweck erfüllen », erklärt Meyer.

«Wir haben einen riesigen Paradigmenwechsel hinter uns»

Obwohl der Bedarf an Unterstützung ungebrochen ist, hat sich die Organisation – gerade in den letzten Jahren – neu positioniert. Dies nicht zuletzt auch aufgrund der UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK), die von der Schweiz 2014 ratifiziert wurde. Damit hat sich die Eidgenossenschaft zu einer inklusiven Gesellschaft verpflichtet. «Wir haben einen riesigen Paradigmenwechsel hinter uns», sagt Meyer und führt aus: «Früher war die allgemeine Haltung, dass Menschen mit Behinderungen arme Leute seien, denen man helfen muss. Diese Denkweise ist jedoch völlig überholt.» Heute sei die Perspektive anders: «Es ist nicht das Individuum, das mit der Welt nicht zugange kommt. Vielmehr ist es die Gesellschaft, die zu viele Barrieren geschaffen hat.»

Aus diesem grundlegenden Umdenken resultiere die verstärkte Forderung von Betroffenen, selber mitgestalten und mitentscheiden zu können. «‹Mit uns statt über uns›, lautet das Credo heute», fasst es Meyer zusammen. Auf Radio SRF 1 wird wöchentlich am Samstagmorgen eine Sendung ausgestrahlt, in der Menschen mit Behinderungen selbst davon erzählen, was sie dank der Stiftung Denk an mich unternehmen konnten. Das Format «Erlebnisberichte» ist aus mehreren Gründen wichtig, sagt Meyer. «Zum einen sensibilisiert es Menschen, die keine Berührungspunkte zum Thema haben, für die Barrieren, mit denen Betroffene tagtäglich konfrontiert sind. Zum anderen geht es auch um Repräsentation. Es wird nicht über die Beteiligten berichtet, vielmehr erzählen sie selbst direkt aus ihrer Erlebniswelt.» Weiter dienen die Erlebnisberichte der Transparenz. «Die Leute hören direkt, was mit den Spendengeldern passiert.»

Neben den Betroffenen kommen in den «Spendengeschichten» auf SRF Musikwelle auch die Spenderinnen und Spender zu Wort. «Diese Sendung ist ebenfalls wichtig. Wir bleiben in Erinnerung. Viele unterstützen uns, weil sie die Spendengeschichten im Radio hören. Und einige nehmen uns sogar in ihr Testament auf», sagt Meyer. «Nicht selten passiert das, ohne dass sie vorher je bei uns gespendet haben.»

Wenn Sara Meyer spricht, benutzt sie stets den Begriff «Menschen mit Behinderungen». Sie erklärt: «Unsere Stiftung orientiert sich diesbezüglich an den Begrifflichkeiten der UN-BRK. Bewusst verzichten wir auf Formulierungen wie ‹Menschen mit Beeinträchtigungen›, denn diese implizieren, dass das eine ‹normal› ist und das andere ‹beschädigt›.» Beim Begriff «Menschen mit Behinderungen» werde hingegen vielmehr von der Umgebung ausgegangen. Sie ist es, was die Menschen in ihrem Zugang zu Angeboten behindert.

«Und es ist wichtig, dass wir gegenüber Menschen mit Behinderungen weder die Opfer- noch die Heldenperspektive einnehmen.»

Auch die SRG sieht Meyer diesbezüglich in der Pflicht. «Indem Journalistinnen und Journalisten bewusst mit dem Thema Behinderung umgehen und eine klischeefreie Sprache verwenden, kann schon viel erreicht werden. Doch wir alle und selbst die abgeklärtesten, offensten Medienschaffenden tendieren dazu, in Schubladen zu denken.» Beispielsweise werde immer wieder davon gesprochen, dass es eine «Bereicherung» sei, wenn Menschen mit Behinderungen irgendwo partizipieren. «Das stimmt so nicht. Jeder Mensch, der teilnimmt, ist eine Bereicherung. Es sollte selbstverständlich sein, dass Teilhabe für alle möglich ist», erklärt Meyer. Sie ergänzt: «Und es ist wichtig, dass wir gegenüber Menschen mit Behinderungen weder die Opfer- noch die Heldenperspektive einnehmen.»

Grundsätzlich mache die SRG jedoch bereits vieles richtig im Umgang mit Menschen mit Behinderungen, findet Meyer. «Das Thema wurde lanciert. Ausserdem, und das ist das Wichtigste, gibt es ein Diversity Board und damit Menschen, die für das Thema verantwortlich sind. So wird sichergestellt, dass es nicht in Vergessenheit gerät. Ein Pilotworkshop zum Thema klischeefreie Sprache wurde zudem gut besucht. Das ist erfreulich.» Trotzdem sei sie sich bewusst, dass es Zeit brauche, alle Mitarbeitenden an Bord zu holen. Dennoch sei dies wichtig, denn: «Wir reden hier nicht von einer Nische. Leben mit Behinderung ist keine Ausnahme.» Es ist Meyer wichtig zu betonen, dass rund 20 Prozent der Bevölkerung mit Behinderungen lebten und nur ein kleiner Teil von Geburt an betroffen sei. Bei einem Grossteil kämen die Behinderungen erst im Verlauf des Lebens hinzu. «Betroffen sind jedoch auch die Angehörigen. Sie erleben ebenfalls, was es heisst, wenn ihre Umwelt nicht barrierefrei ist», sagt Meyer.

Seit über sieben Jahren ist Sara Meyer als Geschäftsführerin bei der Stiftung Denk an mich tätig. Auf die Frage, ob es eine Geschichte gibt, die ihr besonders in Erinnerung geblieben ist, antwortet sie: «Davon gibt es viele. Es ist bewegend, was Menschen mit Behinderungen aushalten müssen.» Und sie ergänzt: «Einst wandte sich ein junger Mann an uns mit dem Wunsch, er möchte gern segeln gehen. Er war motorisch stark eingeschränkt, sass im Rollstuhl und durfte auch nicht Auto fahren. Doch in einer Spezialjolle allein über den See fetzen, das ging. Für ihn bedeutete das die Welt.»

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Text: Valerie Wieser

Bild: Stiftung Denk an mich/zVg

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