Apropos: Wie Nähe und Distanz die Berichterstattung prägen

Als neue SRF-Korrespondentin in Südasien berichtet Sofika Yogarasa über eine Region, mit der sie persönlich verbunden ist. In diesem persönlichen Einblick erklärt die Schweiz-Tamilin, wie ihre Herkunft ihre journalistische Arbeit beeinflusst und welche Chancen und Herausforderungen damit verbunden sind.

«Als Kind habe ich viel vom Bürgerkrieg in Sri Lanka mitbekommen. Mein Vater schaute damals CNN und BBC und erklärte mir, dass unabhängige Berichterstattung nicht selbstverständ­lich ist. Mir wurde deshalb früh klar, wie wichtig Journalismus ist. Und ich wusste: Das möchte ich später einmal machen.

Ich bin Schweiz-Tamilin. Meine Eltern stammen von der Insel Pungudutivu im Norden Sri Lankas. Noch heute leben viele Verwandte von mir in Sri Lanka. Gleichzeitig bin ich in der Schweiz aufgewachsen und sehe mich sehr als Schweizerin. Als Kind von geflüchteten Eltern habe ich eine transkulturelle Identität: Ich kenne die europäische Sichtweise, aber auch die Kultur Südasiens.

Diese Verbindung zur Region hat bei meiner Entscheidung, aus Südasien zu berichten, eine grosse Rolle gespielt. Meine Herkunft kann mir bei der Arbeit helfen. Ich spreche Tamil, kenne kulturelle Codes und habe Kontakte vor Ort. Dadurch erhalte ich hoffentlich Zugang zu Menschen und Geschichten, die sonst schwieriger zu erreichen wären. Diese Nähe möchte ich, dort, wo sie journalistisch sinnvoll ist, bewusst einsetzen.

«Meine Aufgabe bleibt es, unterschiedliche Seiten kritisch zu beleuchten»

Gleichzeitig kann diese Nähe natürlich auch Erwartungen wecken. Menschen könnten davon ausgehen, dass ich eine bestimmte Sichtweise vertrete. Diesen Druck kenne ich allerdings bereits aus meiner Arbeit in der Schweiz. Damit umzugehen, gehört für mich dazu. Meine Aufgabe bleibt es, unterschiedliche Seiten kritisch zu beleuchten. Eines meiner grossen Anliegen ist es, ein vielfältigeres Bild der Region zu zeigen. Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt, und trotzdem wird diese Weltregion in Europa oft übersehen. Wenn berichtet wird, dann geht es häufig um Armut, Krieg oder Konflikte.

Diese Themen gehören natürlich dazu, sind aber nicht die ganze Realität. Südasien ist unglaublich vielfältig. Ich möchte Menschen und ihre Geschichten zeigen, aber auch die Systeme dahinter und das grosse Ganze verständlicher machen. Mich interessiert nicht nur, was Menschen widerfährt, sondern auch, wie sie damit umgehen, wie sie danach wieder aufstehen und was wir daraus lernen.

Meine Herkunft entscheidet nicht, wie ich berichte. Aber sie gibt mir eine zusätzliche Perspektive und die Verantwortung, bewusst mit Nähe und Distanz umzugehen.»

Wie wichtig ist die Herkunft der Korrespondentinnen und Korrespondenten für SRF?

SRF erfasst nicht systematisch, wie viele Korrespondentinnen und Korrespondenten eine biografische, familiäre oder sprachliche Verbindung zu ihrem Berichtsgebiet haben. Viele brächten jedoch eine besondere Beziehung zur Region mit, sagt Stefan Reinhart, Leiter der Auslandkorrespondentinnen und -korrespondenten bei SRF. Manche hätten dort studiert, verfügten über familiäre Verbindungen oder beschäftigten sich bereits seit Langem mit dem Gebiet.

Bei der Besetzung zählt das Gesamtprofil. «Die am besten qualifizierte Person bekommt den Job.» Neben journalistischer Erfahrung und der Kompetenz für Fernsehen, Radio und Online spielen auch Sprachkenntnisse sowie die Bereitschaft eine Rolle, vier bis sechs Jahre im Ausland zu leben. Kenntnisse der Geschichte, der lokalen Sitten und Gebräuche sowie praktische Erfahrungen vor Ort können den Einstieg erleichtern. Eine besondere Nähe zum Berichtsgebiet darf die journalistische Distanz jedoch nicht beeinträchtigen. «Die journalistische Professionalität muss das kompensieren. Wir berichten neutral und sachgerecht und hatten noch nie Probleme mit Nähe und Distanz.»

Text: Nicole Krättli

Bild: SRF/Select Photography GmbH, Zürich/Colourbox

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