«Der Druck ist bei unserer Arbeit immer da»

Mit ihrer Recherche «Likes mit Leid – Wie ein Kanal von Gewalt und Erniedrigung profitiert» haben Fabian Kohler und Kilian Küttel den ersten Platz in der Kategorie Video beim Swiss Press Award 2026 gewonnen. Ihr Videobeitrag zeigt auf, wie ein bekanntes Social-Media-Netzwerk Persönlichkeitsverletzungen systematisch monetarisiert und welche realen Konsequenzen dies für die Betroffenen hat. Im Gespräch mit SRG.D erzählen die beiden, wie sie die Verflechtungen hinter dem Kanal sichtbar gemacht haben und weshalb diese Geschichte weit über das Internet hinausreicht.

Wann habt ihr während der Recherche erkannt, dass es sich nicht nur um ein virales Social-Media-Phänomen, sondern um eine Geschichte mit gesellschaftlicher Relevanz handelt?

Fabian Kohler: Sobald man «Szene isch Züri» in Datenbanken eingibt, wird deutlich, dass es sich nicht um ein Nischenphänomen handelt. Es existierten bereits etliche Medienberichte über angebliche Selbstjustiz, Fake News und problematische Inhalte. Diese Fälle wurden zwar immer wieder einzeln behandelt, aber nie umfassend untersucht. Gleichzeitig verfügt der Kanal über eine enorme Reichweite. Diese Kombination aus grosser Aufmerksamkeit und vielen offenen Fragen zeigte mir, dass mehr dahintersteckt.

«Diese Fälle wurden zwar immer wieder einzeln behandelt, aber nie umfassend untersucht.»

– Fabian Kohler

Kilian Küttel: Vor dieser Recherche hatte ich mich kaum vertieft mit dem Thema beschäftigt. Erst beim Betrachten der Kanäle wurde mir die Dimension klar: Hunderttausende Follower und Inhalte, bei denen man davon ausgehen muss, dass sie ohne Einwilligung veröffentlicht wurden.

Über «Likes mit Leid – Wie ein Kanal von Gewalt und Erniedrigung profitiert» von «SRF Impact Investigativ»

Schlägereien, Polizeieinsätze und Sex: Das Schweizer Social-Media-Netzwerk «szene_isch_zueri» erreicht mit teils verstörenden Inhalten ein Millionenpublikum. Die Recherchen von SRF Investigativ zeigt: Einer der Betreiber nutzt die Reichweite kommerziell. Voyeurismus als Geschäftsmodell. Das Netzwerk bewirbt nicht nur Süssigkeiten und Streatwear, die Spur führt auch zu illegalen Luxusfälschungen.

Die Recherchen von Kilian Küttel und Fabian Kohler vom SRF‐Investigativ‐Team wurden am 24. April 2026 bei den Swiss Press Awards in der Kategorie «Video» mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

Der Swiss Press Award stand dieses Jahr unter dem Motto «Journalismus hat seine Preise». Welchen Preis hatte diese Recherche für euch persönlich?

Kilian Küttel: Der Druck ist bei unserer Arbeit stets präsent, insbesondere im Medium Video. Sobald die Kamera läuft, wird alles noch sensibler. Die Produktionen sind aufwendig und dauern oft mehrere Wochen, woraufhin der Druck mit der Zeit zunimmt. Gerade wenn man gegen Widerstand recherchiert, spürt man das deutlich. Zugleich ist es sehr hilfreich, erfahrene Investigativjournalistinnen und -journalisten im Team zu haben, die uns unterstützt haben.

«Sobald die Kamera läuft, wird alles noch sensibler. Die Produktionen sind aufwendig und dauern oft mehrere Wochen, woraufhin der Druck mit der Zeit zunimmt.»

– Kilian Küttel

Fabian Kohler: Neben dem juristischen Druck ist es vor allem ein mentaler Druck. Man investiert viel Zeit in eine Geschichte, möchte sie gründlich recherchieren und spürt gleichzeitig Erwartungen von aussen. Man fragt sich: Reicht das? Haben wir genug? Ich merke bei mir, dass es nicht immer einfach ist, diesen Druck abzulegen. Solche Recherchen begleiten einen auch über den Arbeitstag hinaus.

Euer Beitrag zeigt sehr konkret, wie dieses Netzwerk funktioniert – von einzelnen Videos bis zu kommerziellen Verflechtungen. Was war der entscheidende Fund, der die Geschichte wirklich ins Rollen gebracht hat?

Fabian Kohler: Einerseits konnten wir nachweisen, dass es Verbindungen zwischen den Luxusfälschungen und einer in der Schweiz eingetragenen Firma gibt, also eine konkrete Verbindung in die reale Wirtschaft. Andererseits konnten wir aufzeigen, dass enge Verbindungen zwischen den Shops und dem Kanal bestehen. Erst dadurch wurde klar: Das ist nicht einfach ein Kanal, das ist ein Geschäftsmodell.

Viele kennen solche Videos, viele schauen hin, viele lachen darüber. Wie schwierig war es, einen Beitrag zu erstellen, der diesen voyeuristischen Moment zeigt, ohne ihn selbst zu reproduzieren?

Fabian Kohler: Das ist ambivalent. Ich selbst bin ja überhaupt erst auf das Thema aufmerksam geworden, weil ich mir diese Videos ebenfalls angesehen habe. Viele Inhalte sind tatsächlich unterhaltsam. Man möchte nicht einfach mit dem moralischen Zeigefinger auftreten, muss aber benennen, was problematisch ist. Dieser Spagat war schwierig und hat mich während der gesamten Recherche beschäftigt.

«Man möchte nicht einfach mit dem moralischen Zeigefinger auftreten, muss aber benennen, was problematisch ist.»

– Fabian Kohler

Ihr habt im Beitrag Personen geschützt, verpixelt, anonymisiert und gleichzeitig kommerzielle Strukturen offengelegt. Wie habt ihr abgewogen, was öffentlich relevant ist und wo der Schutz von Personen Vorrang hat?

Kilian Küttel: Für mich war das die schwierigste Frage. Wie gehen wir mit den Personen um, die dahinterstehen? Besonders bei der zentralen Figur stellt sich die Frage, ob man sie schützt oder öffentlich macht. Tatsache ist, dass jemand, der systematisch Persönlichkeitsrechte verletzt, selbst denselben Schutz geniesst. Diese Abwägung war sowohl handwerklich als auch ethisch anspruchsvoll.

«Jemand, der systematisch Persönlichkeitsrechte verletzt, geniesst selbst denselben Schutz. Diese Abwägung war sowohl handwerklich als auch ethisch anspruchsvoll.»

– Kilian Küttel

Fabian Kohler: Wir haben uns hierzu intensiv ausgetauscht. Letztlich kamen wir zum Schluss, dass die konkrete Nennung der Person für die Geschichte nicht entscheidend ist. Wichtig war, dass wir klar aufzeigen konnten, dass eine Verbindung zwischen dem Kanal und kommerziellen Interessen besteht. Der Mechanismus ist relevant, nicht die Identität.

Die Recherche führt von viralen Gewaltvideos über Persönlichkeitsverletzungen bis zu Firmenverbindungen und Luxusfälschungen. Was war journalistisch der schwierigste Teil?

Fabian Kohler: Die Betroffenen zu finden, war am schwierigsten. Wir versuchten, über Anwälte und verschiedene Kanäle Kontakt aufzunehmen, jedoch lange ohne Erfolg. Es gab kaum offiziell dokumentierte Fälle.

Kilian Küttel: Für mich war auch die Fülle an Spuren eine Herausforderung. Besonders im Bereich der Luxusfälschungen hätten wir noch tiefer recherchieren können, doch irgendwann musste ein Schnitt erfolgen, um nicht in einem endlosen Rechercheloch zu versinken.

Wenn ihr heute auf die Recherche zurückblickt: Was habt ihr über den Umgang mit Plattformen gelernt, die Aufmerksamkeit monetarisieren?

Kilian Küttel: Mich überraschte, wie stark sich die Wahrnehmung verschoben hat. Viele vertreten die Haltung, dass Menschen, die sich öffentlich auffällig verhalten, damit rechnen müssen, gefilmt zu werden. Diese Einstellung – dass das einfach dazugehört – zeigt für mich eine gewisse Verrohung im Umgang mit solchen Inhalten.

«Es hat mir erneut gezeigt, dass virtuelle Inhalte sehr konkrete Auswirkungen auf das analoge Leben von Menschen haben.»

– Fabian Kohler

Fabian Kohler: Gleichzeitig wird deutlich, wie real die Folgen sind. Nach der Veröffentlichung meldeten sich Menschen, die selbst betroffen waren. Personen in Ausnahmesituationen, die plötzlich im Internet landeten und jahrelang versuchten, ihre Videos löschen zu lassen. Das hat mir erneut gezeigt, dass virtuelle Inhalte sehr konkrete Auswirkungen auf das analoge Leben von Menschen haben.

Kilian Küttel ist seit März 2024 Teil des SRF-Investigativ-Teams.

Fabian Kohler arbeitete von April 2024 bis März 2026 im SRF-Investigativ-Team.

Text: Nicole Krättli

Bild: zVg

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