«Ich vertraue grundsätzlich eher etwas, das ich verstehe»

Medienkritik, Polarisierung, Politikverdrossenheit: Demokratische Institutionen scheinen zunehmend unter Druck zu stehen. Isabel Schuler von Pro Futuris, dem Thinktank der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, erklärt, wie gross das Vertrauen in Demokratie, Öffentlichkeit und Information noch ist – und wie es sich zurückgewinnen lässt.

Zur Person

Isabel Schuler ist bei Pro Futuris Co-Leiterin eines Projekts zur demokratischen Unternehmensverantwortung und Co-Autorin der Studienreihe zu Polarisierung und Zusammenhalt. Davor arbeitete sie einige Jahre in der Bundesverwaltung im Bereich der internationalen Handelsbeziehungen. Sie engagiert sich seit über zehn Jahren ehrenamtlich für politische Bildung, interkulturelles Lernen und nachhaltige Entwicklung. Isabel Schuler hat in Genf, Linz und Bern Internationale Beziehungen, Politische Bildung und Politikwissenschaften studiert.

Frau Schuler, das Vertrauen der Bevölkerung gegenüber den Medien schwindet – ebenso gegenüber anderen Institutionen und teilweise auch gegenüber der Demokratie insgesamt. Wie hängt das zusammen?

Grundsätzlich ist das Vertrauen in die demokratischen Institutionen in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern relativ hoch, wenn auch polarisiert. Während beispielsweise die Wirtschaft und die Armee bei Personen, die sich politisch rechts verorten, ein höheres Vertrauen geniessen, finden wir bei Wählerinnen und Wähler aus dem linken politischen Spektrum ein höheres Vertrauen in die Wissenschaft, die Justiz und den Bundesrat. Auch das Vertrauen in die Medien ist polarisiert, politisch links orientierte Personen vertrauen den Medien mehr als Personen aus der politischen Mitte und aus dem rechten Lager.

Gemäss der neuesten SRG-Studie finden zwar gut 80 Prozent der Bevölkerung, dass die Medien einen wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung der Bevölkerung leisten. Gleichzeitig haben wir aber in unserer eigenen Erhebung gesehen, dass fast die Hälfte der Befragten sagt, sie habe ein tiefes oder gar kein Vertrauen in die Medien. Hinzu kommt, dass gemäss dem Jahrbuch «Qualität der Medien» des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) fast die Hälfte der Bevölkerung fast keine oder gar keine Nachrichten mehr konsumiert. Das hängt wiederum zusammen mit geringerer politischer Partizipation, geringerem Vertrauen in die Institutionen und geringerem demokratische Gemeinsinn. Es droht ein Teufelskreis: Tiefer Medienkonsum führt zu tieferem Interesse, tieferer Partizipation und tieferem Vertrauen in die Politik und das System selbst.

Worin sehen Sie die Gründe?

Weil es heute viel mehr Möglichkeiten gibt als früher, Informationen zu erhalten, ist es auch einfacher geworden, einen populistischen Diskurs aufzubauen. Soziale Medien und Messenger-Dienste bieten viel Raum für alternative Erzählungen und Darstellungen. Das hat auch Vorteile, weil sich der Diskurs gerade über Politik demokratisiert hat und es damit weniger sogenannte Meinungs-Gatekeeper gibt. Ein populistischer Diskurs, der die Institutionen ständig verunglimpft oder ihnen generell ihre Kompetenz abspricht, ist für das Vertrauen aber wenig förderlich. Wenn Institutionen, Ämter oder auch Medien öffentlich immer wieder gebrandmarkt werden, ist es schwierig, das Vertrauen wieder zurückzugewinnen. In der Schweiz spielt zusätzlich eine Rolle, dass ein solcher Anti-Institutionen- oder Anti-Eliten-Diskurs von der wählerstärksten Partei kommt.

Hinzu kommt, dass die Bevölkerung daran zweifelt, dass die politischen Institutionen fähig sind, Lösungen für die grossen Herausforderungen der Zukunft zu finden. Das Vertrauen der Bevölkerung leidet, wenn der Bundesrat – zusammen mit dem Parlament und der Verwaltung – mit seinem Leistungsausweis nicht als lösungs- und zukunftsorientiert wahrgenommen wird.

«Es ist eine der Aufgaben der Medien, kritisch über die Institutionen zu berichten»

Tragen Medien eine Mitschuld am Verlust des Vertrauens in die Institutionen? Sie berichten meist kritisch über die Regierung, das Parlament und die Verwaltung.

Es ist eine der Aufgaben der Medien, kritisch über die Institutionen zu berichten. Als vierte Gewalt in einer Demokratie müssen sie der Verwaltung und der Politik auf die Finger schauen – weil Medien an Informationen kommen und darüber berichten können, was man als Einzelperson nicht kann. Es ist zentral für die Demokratie, dass Medien das auch weiterhin tun. Gleichzeitig finde ich wichtig, dass Politikerinnen und Politiker die Medien nicht diskreditieren, wenn sie selbst einmal kritisiert werden. Da sind sie in der Pflicht, den Wert und die Rolle der Medien zu anerkennen.

Dennoch gibt es Stimmen, die sagen, Medien trügen zu einer Polarisierung bei.

Dafür gibt es Argumente, aber dies ist vor allem dem Clickbait-System geschuldet. Der Klick-Journalismus zielt auf reisserische und emotional polarisierende Schlagzeilen ab. Emotionalisierung und Personalisierung lassen sich gut verkaufen, weil sie uns berühren. Da können wir berechtigterweise die Frage stellen, ob die Medien die Polarisierung der Gesellschaft widerspiegeln oder ob es vielmehr der öffentliche Diskurs ist, der polarisierende Themen bewirtschaftet, und wir deswegen denken, alle seien so polarisiert.

Wir brauchen in unserer Demokratie Medien, die uns die Vorgänge in der Welt erklären, die uns helfen, einzuordnen, was gerade alles passiert. Was ist relevant? Was ist wichtig? Worauf sollten wir unsere Aufmerksamkeit lenken? Aus Sicht der Demokratie ist daher unabdingbar, dass wir eine möglichst vielfältige Berichterstattung haben. Ich würde mir wünschen, dass die Medien bei der Auswahl ihrer Nachrichten nicht bloss an kurzfristige Klicks denken. Aber mir ist auch bewusst, dass es nicht so einfach ist, wenn die Ressourcen fehlen. Die Medien befinden sich in einer Negativspirale, in der fortlaufender Umsatzrückgang fortlaufenden Substanzabbau mit sich bringt.

Was müssten die Medien anders machen?

Auf Ebene eines einzelnen Medienhauses besteht wohl nicht allzu viel Handlungsspielraum. Dass der Business Case der Medienhäuser nicht mehr funktioniert, ist ein kollektives Problem, und dafür braucht es politische Lösungen. Wofür es wiederum einen politischen Willen braucht – insbesondere wenn es um die Allokation von finanziellen Ressourcen für eine breite, zukunftsfähige Medienförderung geht.

«Die Bevölkerung muss spüren: Mit denen können wir uns austauschen»

Wie kann man versuchen, das Vertrauen in die Medien und die Institutionen wieder aufzubauen?

Für Vertrauen hilft einerseits grundsätzlich, wenn Institutionen als nahbar wahrgenommen werden. Die Bevölkerung muss spüren: Mit denen können wir uns austauschen. Wenn ich mich aber nur noch über alternative Kanäle informiere, bin ich nicht mehr direkt im Kontakt mit den Institutionen. Das erschwert den Vertrauensaufbau. Andererseits kann man das Vertrauen auch als etwas betrachten, das sich die Institutionen verdienen müssen; sie müssen Lösungen finden für die grossen Probleme unserer Zeit und müssen zeigen, dass sie lernfähig sind und sich verändern können, wenn es die Umstände erfordern. Schliesslich spielt auch Bildung eine zentrale Rolle, insbesondere im Bereich der Medienkompetenz – und zwar nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen. Ich vertraue grundsätzlich eher etwas, das ich verstehe.

Eine Förderung der Medienkompetenz auch bei Erwachsenen?

Ja. Oft denkt man bei Medienkompetenzbildung an Kinder und Jugendliche. Es gibt viele Angebote für Schulen und Lehrpersonen, aber es gibt wenig für die Zielgruppe der jungen Erwachsenen und noch weniger für Erwachsene selbst. Gerade Menschen in der postobligatorischen Schulzeit gehen oft vergessen. Eine Sensibilisierung ist aber auch bei älteren Menschen wichtig. Nur weil ich früher klassische Medien konsumiert habe oder das immer noch tue, kann ich beispielsweise nicht zwingend Desinformation im Netz erkennen. Daran, dass die Medienkompetenz möglichst breit gebildet wird, müssten auch die Medien ein Interesse haben. Aus Studien wissen wir nämlich, dass mit zunehmender Medienkompetenz auch die Bereitschaft steigt, für Journalismus zu bezahlen.

Inwiefern hat Medienkompetenz auch mit der Digitalkompetenz zu tun – gerade im Hinblick auf künstliche Intelligenz?

Das sind zwei Themen, die man unbedingt zusammendenken muss. Heutzutage gibt es fast keinen Nachrichtenkonsum mehr, der nicht digital stattfindet; und sobald man sich digital bewegt, kommt man mit KI-generierten Inhalten in Kontakt. Auch hier ist es wichtig, nicht nur bei jungen Menschen anzusetzen – sie identifizieren mit KI generierte Inhalte oft besser als viele erwachsene Menschen, die nicht mit Smartphones und Internet aufgewachsen sind.

«In der Schweiz debattieren wir immer wieder über öffentliche Ausgaben und Gebühren»

Wie deuten Sie den Umstand, dass innerhalb von acht Jahren zwei Mal eine Initiative gegen die SRG an die Urne kam? Widerspiegelt dies einen Vertrauensverlust?

Ich würde dies nicht als Vertrauensverlust interpretieren – gerade auch wegen der klaren Resultate. In der Schweiz debattieren wir immer wieder über öffentliche Ausgaben und Gebühren. Das ist in erster Linie einfach ein Zeichen einer funktionierenden Demokratie. Auch sind die Hürden, damit eine Volksinitiative zustande kommt, heute nicht mehr sehr gross, gemessen an der Bevölkerungszahl und in Anbetracht der digitalen Möglichkeiten für eine Kampagne. Man findet mit grosser Wahrscheinlichkeit genug Menschen, die keine oder weniger SRG-Gebühren zahlen möchten.

Die Nachwahlbefragung von gfs.bern hat gezeigt, dass bei den Personen, die die Initiative angenommen haben, finanzielle Gründe häufiger genannt wurden als Kritik an der SRG. Auch haben viele Argumente gegen die Initiative auch bei Befürworterinnen und Befürwortern Zustimmung bekommen; etwa, dass die Radio- und Fernsehgebühr ein Zeichen der Solidarität gegenüber kleineren Landesteilen sei.

Sehen Sie dennoch Punkte, die die SRG anders machen müsste, um das Vertrauen zu stärken?

Aus unserer Studie zu Polarisierung und Zusammenhalt in der Schweiz wissen wir, dass 70 Prozent der Bevölkerung finden, der gesellschaftliche Zusammenhalt habe in den letzten Jahren abgenommen. Wir nehmen wahr, dass ein Wunsch besteht nach mehr Zusammenhalt und positiven Nachrichten. Auch darüber möchte man lesen: über das Verbindende statt über das, was trennt. Das macht die SRG zwar tendenziell bereits häufiger als etwa grosse Tageszeitungen, aber da gäbe es aus meiner Sicht noch Potenzial.

Wir wissen auch, dass die direkte Demokratie als politisches Erfolgsmodell die Schweizer Bevölkerung verbindet. Man könnte also auch vermehrt darüber berichten, was in der politischen Arena gut klappt: über funktionierende demokratische Prozesse, über respektvolle Debatten, und nicht nur über Diskussionen, bei denen sich zwei wieder die Köpfe eingeschlagen haben. Bei solchen Themen kann die SRG eine Rolle einnehmen – auch, weil sie weniger von den Klickzahlen abhängig ist. Aber wie gesagt ist es ein strukturelles Problem, und solange die Ressourcen fehlen, ist es schwierig, alle Wünsche zu erfüllen.

Wie können wir in die Zukunft schauen, was das Vertrauen in die Institutionen und die Medien angeht?

Gemäss dem Generationen-Barometer von letztem Jahr blicken 25 Prozent der Befragten pessimistisch auf das Jahr 2055, 46 Prozent eher pessimistisch. Was mich aber noch mehr beunruhigt: 87 Prozent glauben, dass sie einen eher kleinen oder sehr kleinen Einfluss auf die Gestaltung der Zukunft haben. Bei dieser Desillusion geht es auch um einen Vertrauensverlust – eigentlich wäre eine Demokratie die Staatsform, die uns erlaubt, mitzureden. Wenn wir nicht mehr das Gefühl haben, dass wir mitgestalten können, wer gestaltet dann? Wenn wir uns alle zurücknehmen, funktioniert eine Demokratie nicht mehr. Nicht ausser Acht lassen dürfen wir aber trotz all der pessimistisch stimmenden Zahlen, dass immer noch drei Viertel der Bevölkerung zufrieden sind mit der Demokratie in der Schweiz und über 90 Prozent es als wichtig erachten, in einer Demokratie zu leben.

Text: Eva Hirschi

Bild: ZvG/Todd McLellan

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