Carte Blanche: Eine eigene digitale Logik entwickeln
In der Rubrik «Carte blanche» haben Autor:innen die Möglichkeit, über ein Thema zu schreiben, welches ihnen persönlich am Herzen liegt. Dieses Mal kommt Moritz Büchi, Mitglied der Bildungskommission SRG Zürich Schaffhausen, zu Wort.
Moritz Büchi ist Professor für Digital Media an der ZHAW und Mitglied der Bildungskommission SRG Zürich Schaffhausen.
Wir diskutieren die Zukunft der digitalen Medienwelt meist defensiv: Wie schützen wir uns vor den negativen Aspekten von Social Media? Wie bekämpfen wir Desinformation? Diese Fragen reichen nicht aus. Ein Zusammenspiel von globaler Plattformisierung, (fehlender) Regulierung und einem bequemen Glauben an die Unausweichlichkeit technologischer Entwicklungen hat dazu geführt, dass private Unternehmen heute die Bedingungen menschlicher Kommunikation weitgehend bestimmen. Eine offensive Vorstellung der Zukunft kann Leute mobilisieren, demokratisch, transparent und kreativ die gewünschte Leistung des medialen Service public zu definieren: Welcher Wert soll durch öffentliche Finanzierung von Medienorganisationen und -inhalten geschaffen werden? Aus diesem zukünftigen Idealszenario muss quasi zurückblickend ausgearbeitet werden, wie man dahin kommt.
Die Wünsche werden oft schnell heruntergebrochen: Service public soll hochwertige Information, vielfältige Einblicke in die Kultur, bereichernde Unterhaltung für alle – oder «das, was der Markt nicht kann» –liefern. Dass es hier Spannungen gibt, ist klar: Wann ist Information hochwertig? Was zählt zu Unterhaltung? Diese Fragen sind laufend zu verhandeln, aber sie sind nur Ableitungen aus allgemeineren Werten wie der Förderung demokratischer Prozesse oder des Wohlergehens der Bevölkerung.
Charakteristika digitaler Medien, an die wir uns gewöhnt haben – Datenüberwachung, Hyperpersonalisierung oder endlose Feeds –, sind keine zwangsläufigen, inhärent digitalen Eigenschaften. Es sind Designentscheidungen, die einen bestimmten Zweck erfüllen. Service public hat im öffentlichen Wert einen eigenen Zweck; daher sollte sich seine digitale Zukunft weder unkritisch der dominanten Plattformlogik anpassen noch umgekehrt versuchen, ein romantisiertes Rundfunkmodell wiederzubeleben. Service public hat die Legitimität und den Auftrag, eine eigene digitale Logik zu entwickeln.