«Medien müssen ein ausgewogeneres Bild der Welt vermitteln»
Krisen, Konflikte und Katastrophen dominieren die Schlagzeilen. Der Medienpädagoge Thomas Merz warnt davor, dass dadurch ein verzerrtes Bild der Realität entstehen kann. Im Interview erklärt er, warum Medien langfristige Entwicklungen stärker sichtbar machen sollten und wie sie das Vertrauen junger Menschen zurückgewinnen können.
Zur Person
Zur Person
Thomas Merz ist Medienpädagoge und Prorektor für Forschung und Wissensmanagement an der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Medienbildung, Mediennutzung und den gesellschaftlichen Folgen des digitalen Wandels. Er ist Mitglied im Regionalausschuss des Publikumsrats der SRG Deutschschweiz.
Viele junge Menschen blicken pessimistisch in die Zukunft. Inwiefern tragen die Medien dazu bei?
Thomas Merz: Die Medien spielen dabei eine wesentliche Rolle. Sie sind zwar nicht die Ursache für alle Sorgen junger Menschen, doch sie beeinflussen massgeblich, auf welchen Informationen wir unser Weltbild aufbauen.
Medien berichten naturgemäss häufig über Krisen, Konflikte und Probleme. Sind unsere Nachrichten zu negativ?
Aus meiner Sicht liegt vielen Medien tatsächlich ein zu enges Verständnis von Nachrichten zugrunde. Die zentrale Frage sollte lauten: Was müssen Menschen über die Welt wissen, um sich darin orientieren zu können? Dazu gehören Probleme ebenso wie positive Entwicklungen. Negative Ereignisse sind oft punktuell, aussergewöhnlich und spektakulär. Positive Veränderungen entstehen hingegen meist langfristig durch das Engagement vieler Menschen und verlaufen häufig unspektakulär. Genau deshalb sind sie in den Nachrichten deutlich weniger sichtbar.
Zum Beispiel?
Nehmen wir die katholische Kirche: Wenn Zehntausende Menschen Freiwilligenarbeit leisten, Jugendliche begleiten oder soziale Projekte organisieren, hat das kaum Nachrichtenwert. Kommt hingegen ein Missbrauchsfall ans Licht, wird er breit thematisiert. Es ist natürlich Aufgabe der Medien, solche Verbrechen aufzudecken und darüber zu berichten. Wenn jedoch fast ausschliesslich Missstände dargestellt werden, entsteht ein Bild, das die Realität nur unvollständig widerspiegelt.
«Was in den Medien nicht vorkommt, wird oft auch in der Gesellschaft nicht diskutiert»
Welche Verantwortung tragen die Medien, wenn es um Hoffnung und Vertrauen geht?
Eine sehr grosse. Medien prägen nicht nur Meinungen, sondern auch die Frage, worüber wir überhaupt nachdenken. Was in den Medien nicht vorkommt, wird oft auch in der Gesellschaft nicht diskutiert. Darum müssten sich Redaktionen stärker fragen, ob sie ein ausreichend ausgewogenes Bild der Welt vermitteln. Dazu gehört auch, Einzelfälle besser einzuordnen und langfristige Entwicklungen sichtbar zu machen, die im täglichen Nachrichtenfluss oft untergehen.
Ist das angesichts des steigenden Klickdrucks nicht etwas optimistisch?
Natürlich ist es schwierig, sich dieser Dynamik zu entziehen. Kurzfristig funktionieren Emotionen und Zuspitzung, sie erzeugen Aufmerksamkeit. Langfristig kann diese Strategie allerdings das Vertrauen kosten. Ich erinnere mich an eine Diskussion zur «Arena». Die Zuschauerinnen und Zuschauer sehen meist nur die hitzigen Auseinandersetzungen vor laufender Kamera. Was oft nicht gezeigt wird: Sobald die Kameras ausgeschaltet sind, trinken viele Politikerinnen und Politiker gemeinsam ein Bier und führen normale Diskussionen. Warum wird das nicht ebenfalls gezeigt? Wenn Medien fast ausschliesslich die Konfrontation darstellen, entsteht der Eindruck, Politik bestehe nur aus Streit und persönlicher Diffamierung. Dabei gehört Zusammenarbeit ebenso zur politischen Realität. Werden fast nur Konfrontationen sichtbar, entsteht zudem ein Anreiz, Politik genauso zu inszenieren.
Viele junge Menschen informieren sich heute vor allem über soziale Medien. Wie können klassische Medien ihr Vertrauen gewinnen?
Medien könnten viel stärker zeigen, wie Beiträge entstanden sind, welche Perspektiven berücksichtigt und welche Abwägungen getroffen werden. Solche Einblicke machen die journalistische Qualität bei einem Beitrag transparenter. Für viele Nutzerinnen und Nutzer ist heute kaum erkennbar, wie viel Recherche, Fachwissen und journalistische Abwägung hinter einem Beitrag steckt. Gerade das müssten Medien stärker sichtbar machen.
Reicht das aus, um junge Menschen zu erreichen?
Der Mensch ist lernfähig und auch junge Menschen können Qualität erkennen, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt. Deshalb ist Medienbildung so wichtig. Seit einigen Jahren gibt es dafür endlich auch ein eigenes Schulfach. Dort lernen Schülerinnen und Schüler, Informationen kritisch einzuordnen und die Qualität von Quellen zu beurteilen. Gleichzeitig müssen wir die Diskussion über soziale Medien weiterführen. Plattformen tragen Verantwortung für den Umgang mit Desinformation, Mobbing oder suchtfördernden Mechanismen. Die Frage ist, wie soziale Medien wieder stärker zu dem werden können, was ihr Name eigentlich verspricht: Orte eines wertvollen gesellschaftlichen Austauschs.
«Ich erlebe viele junge Erwachsene, die sich intensiv mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen»
Was macht Ihnen trotz aller Herausforderungen Hoffnung für die Zukunft?
Am meisten Hoffnung geben mir Begegnungen mit jungen Menschen. Ich erlebe viele junge Erwachsene, die sich intensiv mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen und Verantwortung übernehmen wollen. Kürzlich traf ich einen jungen Gärtner, der den Betrieb seines Vaters übernommen hat. Für ihn war völlig selbstverständlich, dass Nachhaltigkeit ein zentrales Ziel seiner Arbeit ist. Oder junge Architektinnen und Architekten, die sich fragen, wie man so bauen kann, dass Gemeinschaft und Nachbarschaft gefördert werden. Solche Begegnungen passen oft nicht zum Bild einer Generation, die angeblich nur konsumieren und möglichst wenig arbeiten möchte. Meine persönlichen Erfahrungen zeigen ein anderes Bild.