«Im Tessin gehört das Übersetzen zwischen Sprachen und Kulturen dazu»

In der Deutschschweiz wird oft unterschätzt, was es heisst, Teil einer Minderheit zu sein. RSI-Bundeshauskorrespondent Omar Cartulano erklärt im Gespräch mit SRG.D, wie diese Erfahrung seine Arbeit prägt und inwiefern sich journalistische Zugänge, politische Debatten und Arbeitsweisen zwischen den beiden Sprachregionen unterscheiden.

Über die Reihe «Schweizer Blickwinkel: Korrespondent:innen zwischen den Regionen»

Wie wirkt die Deutschschweiz auf Journalist:innen aus der Romandie oder dem Tessin, die hier als Korrespondent:innen arbeiten? Und wie verändert sich der Blick auf die Westschweiz und das Tessin, wenn Deutschschweizer Journalist:innen von dort aus berichten? In unserer neuen Serie sprechen wir mit Korrespondent:innen von SRF, RSI, RTS und RTR über politische Tonlagen, mediale Reflexe, regionale Empfindlichkeiten und hartnäckige Missverständnisse zwischen den Sprachregionen.

Was hat Sie an der Deutschschweiz überrascht, als Sie vor einem Jahr begonnen haben, von hier aus zu berichten?

Mich hat überrascht, wie ähnlich sich unsere Realitäten in vielerlei Hinsicht sind – mehr, als man vielleicht denken würde. Unterschiede zeigen sich vor allem in der Arbeitsweise: In der Deutschschweiz wird oft sehr strukturiert und effizient gearbeitet, was eine grosse Stärke darstellt. Diese klare Orientierung an Plänen kann jedoch in unerwarteten Momenten auch hinderlich sein. In der italienischen Schweiz geht man in solchen Situationen meist spontaner vor.

Welche politischen oder gesellschaftlichen Themen werden in der italienischen Schweiz anders diskutiert als in der Deutschschweiz?

Im Tessin ist der wirtschaftliche Druck sehr präsent. Häufig wird über steigende Krankenkassenprämien und Lebensmittelpreise diskutiert beziehungsweise ganz allgemein über die hohen Lebenshaltungskosten. Hinzu kommt die Nähe zu Italien sowie die Debatte über Grenzgänger und damit verbunden auch den Verlust von Arbeitsplätzen. Diese Themen prägen die politische Diskussion, die oft stark von finanziellen Aspekten bestimmt wird und langfristige Perspektiven erschwert. In der Deutschschweiz stehen andere Themen im Vordergrund – in Zürich beispielsweise die Wohnungsnot. Die wirtschaftliche Ausgangslage variiert jedoch von Kanton zu Kanton stark, wodurch sich auch die Schwerpunkte in den Diskussionen verschieben.

Wie unterscheidet sich der öffentliche Ton zwischen den beiden Landesteilen?

In der italienischen Schweiz werden Diskussionen häufig lauter und direkter geführt; Auseinandersetzungen gehören zur politischen und gesellschaftlichen Kultur und werden meist schnell wieder vergessen. In der Deutschschweiz nehme ich hingegen mehr Distanz und Zurückhaltung wahr. Wird dort ein bestimmter Ton überschritten, gilt dies rascher als problematisch. Auch der politische Stil unterscheidet sich: In der Deutschschweiz liegt der Fokus stärker auf Inhalten und Projekten. Im Tessin hingegen sind politische Persönlichkeiten präsenter und bekannter. Das kann das Interesse an Politik steigern, rückt jedoch die einzelne Person stärker in den Vordergrund.

Nehmen Sie auch Unterschiede in der medialen Berichterstattung wahr?

Absolut. In der italienischen Schweiz stehen lokale Nachrichten, Persönlichkeiten und grenzüberschreitende Themen stärker im Mittelpunkt. In der Deutschschweiz dominieren hingegen eher internationale Themen, Finanzfragen und nationale Politik. Auch die Perspektive der Journalist:innen sowie des Publikums unterscheiden sich teilweise erheblich. Dies zeigt sich zum Beispiel in der Berichterstattung über den Konflikt im Gazastreifen, die in den verschiedenen Sprachregionen spürbar unterschiedlich ausfiel. In der italienischen Schweiz hat das Fernsehen zudem einen grösseren Einfluss auf die öffentliche Meinung, da es den Menschen dort nähersteht als nördlich der Alpen. Im Stil sehe ich ebenfalls Unterschiede: Im Tessin arbeiten wir oft freier und lassen uns stärker von Eindrücken vor Ort leiten, was kreativer wirken kann. Gleichzeitig beeindruckt mich bei meinen Deutschschweizer Kolleginnen und Kollegen die präzise Vorbereitung und die klare Struktur ihrer Beiträge.

Was versteht die Deutschschweiz Ihrer Meinung nach oft zu wenig über die italienische Schweiz?

In der Deutschschweiz wird vielfach unterschätzt, wie es sich anfühlt, Teil eines Landes zu sein, in dem die eigene Sprache nur von einer Minderheit gesprochen wird. In der italienischen Schweiz wächst man damit auf, dass viele Entscheidungen anderswo getroffen werden und dass man sich ständig in anderen Landessprachen verständigen muss. Das prägt den Blick auf die Schweiz. Für viele Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer ist diese Erfahrung im Alltag weniger präsent. In der italienischen Schweiz hingegen gehört das Übersetzen zwischen Sprachen und Kulturen selbstverständlich dazu. Umso mehr wird es geschätzt, wenn jemand aus der Deutschschweiz Italienisch lernt oder sich ernsthaft für das Tessin interessiert. Das ist nicht selbstverständlich.

Welche Herausforderungen bringt es mit sich, als Tessiner Journalist in der Deutschschweiz zu arbeiten?

Die grösste Herausforderung ist für mich aktuell die Sprache. Ich spreche noch kein Schweizerdeutsch und verstehe die Dialekte unterschiedlich gut. Im journalistischen Alltag ist das eine Hürde, weil sich Menschen in ihrer Muttersprache am natürlichsten ausdrücken. Wenn sie vor der Kamera ins Hochdeutsche wechseln, wirkt vieles sofort formeller. Hinzu kommt, dass der Zugang in der Deutschschweiz weniger direkt ist als im Tessin. Dort ist man näher an Institutionen, Politik oder Universitäten. Hier benötigen Recherchen mehr Zeit, nicht zuletzt, weil RSI verständlicherweise nicht das erste Medium ist, das für ein Interview kontaktiert wird. Umso positiver waren meine Erfahrungen im Umgang mit den Menschen: Viele reagieren sehr offen und einige freuen sich sogar, dass sich jemand aus der italienischsprachigen Schweiz für ihre Geschichte interessiert.

Die SRG geht mit einem neuen interregionalen Radioprojekt auf Schweizreise

Mit «Die Anderen. Les Autres. Gli Altri. Ils Auters – Le tour de Suisse» lanciert die SRG eine thematische Radio-Reise durch die Schweiz. An vier Sondertagen werden alle SRG-Sprachregionen gemeinsam das Jahresthema «Übergänge» aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Dabei nimmt jede Sprachregion einmal die Rolle der Gastgeberin ein.

Mehr zum interregionalen Radioprojekt

Text: Nicole Krättli

Bild: zVg/KEYSTONE/Alessandro della Valle

Weitere Neuigkeiten