Kritisch oder empathisch? Wie unterschiedlich die Schweiz sich selbst erzählt

Die SRF-Korrespondentin Myriam Reinhard berichtet seit vier Jahren aus der Romandie und erklärt im Interview mit SRG.D, warum sich nicht nur der Ton, sondern auch die journalistische Perspektive diesseits und jenseits des Röstigrabens deutlich unterscheidet.

Über die Reihe «Schweizer Blickwinkel: Korrespondent:innen zwischen den Regionen»

Wie wirkt die Deutschschweiz auf Journalist:innen aus der Romandie oder dem Tessin, die hier als Korrespondent:innen arbeiten? Und wie verändert sich der Blick auf die Westschweiz und das Tessin, wenn Deutschschweizer Journalist:innen von dort aus berichten? In unserer neuen Serie sprechen wir mit Korrespondent:innen von SRF, RSI, RTS und RTR über politische Tonlagen, mediale Reflexe, regionale Empfindlichkeiten und hartnäckige Missverständnisse zwischen den Sprachregionen.

Was hat Sie überrascht, als Sie begonnen haben, aus der Westschweiz zu berichten?

Einen eigentlichen Kulturschock hatte ich nicht, da ich bilingual aufgewachsen bin und Familie in der Westschweiz habe. Dennoch fällt im Alltag schnell auf, dass hier vieles anders läuft. Der Umgangston ist selbst in hektischen Situationen kollegialer, hilfsbereiter und oft gelassener. Hinzu kommt ein anderes Verhältnis zum Thema Zeit: Die Arbeit wird während der Arbeitszeit sehr ernst genommen, doch es bleibt bewusst Zeit fürs Leben daneben. Selbst bei grossem Stress sind Kaffee und ein Gespräch möglich.

Welche politischen oder gesellschaftlichen Themen werden in der Romandie anders diskutiert als in der Deutschschweiz?

In der Westschweiz steht der Mensch stärker im Mittelpunkt. Man interessiert sich mehr für die Person hinter dem Thema. Das zeigt sich im Alltag sowie in politischen und gesellschaftlichen Debatten. Themen wie Gerechtigkeit, soziale Fragestellungen oder persönliche Betroffenheit haben hier oft ein grösseres Gewicht. Wird etwas als ungerecht empfunden, engagiert man sich auch eher öffentlich, etwa in Form von Demonstrationen und Streiks. Zugleich wird nicht alles sofort problematisiert oder zergliedert, sondern häufiger aus einer sozialen und solidarischen Perspektive betrachtet.

Wie unterscheidet sich der öffentliche Ton in der Westschweiz von dem hier?

In der Deutschschweiz ist der Ton direkter, schärfer und konfrontativer. In der Westschweiz wird zwar ebenfalls emotional und kontrovers diskutiert, jedoch vielfach weniger frontal. Man ist harmoniebedürftiger, freundlicher und umgänglicher. Daher wirkt auch das journalistische Nachhaken anders: Was in der Deutschschweiz als professionell und notwendig gilt, kann in der Romandie schnell als schroff oder zu hart empfunden werden. Wenn man insistiert, zeigt das Gegenüber meist schneller eine gewisse Irritation.

Nehmen Sie entsprechend auch Unterschiede in der medialen Berichterstattung wahr?

Ja, deutlich. In der Westschweiz erhalten emotionale Aspekte oft mehr Raum. Es wird etwa stärker darauf eingegangen, wie Betroffene, Opfer oder Angehörige eine Situation erleben. In der Deutschschweiz ist die Schwelle für solche Fragen höher: Man überlegt eher, ob man bei jemandem zu stark in die Privatsphäre eindringt. Besonders deutlich wurde das beim Unglück in Crans-Montana Anfang des Jahres. In der Westschweiz waren viele Leute erstaunt, dass Deutschschweizer Medien sehr kritisch auf das Geschehen und die Rolle der Behörden geblickt haben.

In der Westschweiz erhalten emotionale Aspekte oft mehr Raum. Es wird etwa stärker darauf eingegangen, wie Betroffene, Opfer oder Angehörige eine Situation erleben. In der Deutschschweiz ist die Schwelle für solche Fragen höher.

In der Deutschschweiz hingegen hielt man sich sehr viel stärker zurück, wenn es darum ging, die Opfer und ihre Angehörigen mit Namen und Gesicht in den Mittelpunkt zu stellen. Dieses Beispiel verdeutlichte die unterschiedlichen journalistischen Schwerpunkte: In der Deutschschweiz liegt der Fokus eher auf System, Verantwortung und kritischer Distanz, in der Westschweiz stärker auf Anteilnahme, Nähe und menschlichen Aspekten. Was die eine Seite als notwendige Härte versteht, empfindet die andere als Kälte. Und was die eine als Mitgefühl sieht, wirkt auf die andere rasch zu intim.

Welche Klischees über die Westschweiz begegnen Ihnen häufig, und was davon trifft wirklich zu?

Ein Klischee mit wahrem Kern betrifft die Pünktlichkeit. In der Deutschschweiz gilt Zuspätkommen schnell als unprofessionell, in der Romandie wird das oft lockerer gesehen. In der Waadt gilt oft der «quart d'heure vaudois». Eine Verspätung von 15 Minuten wird toleriert. Auch das Bild einer geselligeren, auf Austausch orientierten Westschweiz stimmt. Apéros, Gespräche und soziale Nähe haben dort einen anderen Stellenwert. Gleichzeitig trifft das Klischee über die Deutschschweiz ebenfalls zu: Man hinterfragt stärker, hakt intensiver nach und argumentiert oft nüchterner. Das ist nicht nur berufsbedingt, sondern auch kulturell geprägt.

Was versteht die Deutschschweiz zu wenig über die Westschweiz?

In der Romandie kommuniziert man anders. Man kann beispielsweise nicht einfach jemanden anschreiben oder anrufen und sofort eine Information einfordern. Häufig braucht es zunächst ein kurzes Gespräch, ein gewisses Aufwärmen, ein Herantasten. Was in der Deutschschweiz manchmal als unnötiger Smalltalk empfunden wird, gehört in der Westschweiz zum respektvollen Umgang. Genau das wird östlich des Röstigrabens oft unterschätzt.

Text: Nicole Krättli

Bild: SRF/Gian Vaitl/DMYTRII MINISHEV

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