Kultur im Service public: Zwischen Vielfalt und Sichtbarkeit
Die SRG berichtet breit über Kultur, aber nicht über alle Kulturformen gleich häufig. Eine neue Studie zeigt, welche kulturellen Themen besonders sichtbar sind und wo Lücken bestehen. Für Alex Meszmer, Geschäftsführer des Dachverbands Suisseculture, liefert sie erstmals eine gemeinsame Grundlage, um über die Kulturleistungen des Service public zu diskutieren.
Wie sichtbar ist Kultur im Service public? Dieser Frage ist die SRG gemeinsam mit dem Mileva Institut nachgegangen. Für die Studie wurden knapp 4900 redaktionelle Beiträge aus Fernsehen, Radio, Podcasts, Online-Angeboten und sozialen Medien von SRF, RTS, RSI und RTR analysiert.
Das Resultat: Kultur ist fest im Angebot der SRG verankert. Über alle Medien hinweg weisen rund 28 Prozent der untersuchten Beiträge einen Kulturbezug auf. Besonders stark vertreten ist Kultur im Fernsehen sowie im Audio- und Podcastbereich, wo kulturelle Inhalte teilweise mehr als die Hälfte der Sendezeit ausmachen. In den digitalen Angeboten fällt ihr Anteil hingegen deutlich geringer aus.
Inhaltlich konzentriert sich die Kulturberichterstattung vor allem auf Brauchtum, populäre Musik, Film und klassische Musik. Diese vier Bereiche machen zusammen knapp die Hälfte aller kulturbezogenen Beiträge aus. Deutlich seltener stehen Literatur, Theater, bildende Kunst, Games oder Tanz im Mittelpunkt. Gleichzeitig bescheinigt die Studie der SRG insgesamt ein breites kulturelles Themenspektrum. Auch weniger prominente Kulturformen finden ihren Platz im Programm, wenn auch oft mit deutlich geringerer Sichtbarkeit.
Auffällig sind zudem Unterschiede zwischen den Medien und Sprachregionen. Während das Fernsehen besonders häufig über Brauchtum berichtet, spielt im Audio- und Podcastbereich die klassische Musik eine zentrale Rolle. Die Berichterstattung konzentriert sich zudem stark auf die jeweilige Sprachregion, greift aber auch internationale Kulturthemen auf. Die Studie versteht sich als erste umfassende Bestandsaufnahme der Kulturleistungen der SRG.
Die SRG hat kürzlich erstmals umfassend untersuchen lassen, welche Kulturformen in ihren Angeboten vorkommen. Suisseculture hat diese Studie ausdrücklich begrüsst. Weshalb ist eine solche Analyse aus Sicht der Kulturschaffenden wichtig?
Alex Meszmer: Weil wir damit erstmals eine gemeinsame und möglichst neutrale Grundlage für die Diskussion haben. In den vergangenen Jahren wurde oft darüber gesprochen, wie sichtbar Schweizer Kulturschaffen im SRG-Angebot ist oder welche Folgen die Streichung einzelner Kulturgefässe hat. Dabei wurden häufig Einzelbeobachtungen oder persönliche Eindrücke ausgetauscht. Mit dieser Studie können wir nun auf Daten statt auf Anekdoten zurückgreifen. Das hilft sowohl der SRG als auch den Kulturschaffenden, sachlicher über die Kulturleistungen des Service public zu sprechen.
Die Untersuchung zeigt, dass Brauchtum, Popmusik, Film und klassische Musik einen grossen Teil der Kulturberichterstattung ausmachen. Was sagen diese Schwerpunkte Ihrer Meinung nach über die heutige Kulturvermittlung im Service public aus?
Zunächst einmal ist es wichtig, den Unterschied zwischen Kulturberichterstattung und Kulturvermittlung festzuhalten. Berichterstattung bedeutet beispielsweise, über ein Konzert, ein Festival oder eine Ausstellung zu informieren. Vermittlung geht einen Schritt weiter. Sie macht kulturelle Werke, Strömungen oder Ausdrucksformen verständlich und ordnet ein.
«Kulturvermittlung hilft dem Publikum, Kultur nicht nur zu konsumieren, sondern besser zu verstehen»
Können Sie das genauer erklären?
Wenn beispielsweise ein Musikstück analysiert oder ein kultureller Kontext erklärt wird, dann ist das Kulturvermittlung. Sie hilft dem Publikum, Kultur nicht nur zu konsumieren, sondern besser zu verstehen. Formate wie «Kulturplatz» oder spezialisierte Sendungen auf SRF 2 Kultur leisten solche Vermittlungsarbeit. Die Studie zeigt durchaus, dass vertiefende Formate vorhanden sind, aber auch, dass anspruchsvollere Inhalte häufiger auf Randzeiten verschoben werden. Darüber sollte man diskutieren.
Die Studie zeigt auch, dass Bereiche wie Literatur, Theater, bildende Kunst, Tanz oder Games deutlich seltener vorkommen. Ist das aus Ihrer Sicht ein Problem?
Uns ist bewusst, dass nicht jede Sparte gleich stark vertreten sein kann. Manche Kulturformen eignen sich für bestimmte Medien besser als andere Dennoch zeigt die Studie interessante Diskussionspunkte auf. Besonders wichtig erscheint uns die digitale Kulturvermittlung. Gerade online gibt es grosse Chancen, jüngere Menschen für Kultur zu begeistern. Die Studie liefert nun eine Grundlage, um genauer zu analysieren, welche Bereiche stärker berücksichtigt werden könnten.
Viele Kulturformen verfügen über ein kleineres Publikum als etwa Film oder Popmusik. Muss der Service public vor allem die Kultur abbilden, die viele Menschen interessiert, oder gerade auch jene, die sonst wenig Sichtbarkeit erhält?
Beides. Kultur muss Menschen erreichen und darf selbstverständlich auch unterhalten. Aber Kultur ist mehr als Unterhaltung. Der Kulturauftrag des Service public besteht gerade darin, auch kulturelle Ausdrucksformen sichtbar zu machen, die auf dem freien Markt weniger Aufmerksamkeit erhalten. Als Dachverband vertreten wir die gesamte Bandbreite des professionellen Kulturschaffens – von Film und Musik bis zu Literatur, Theater, Design oder Games. Deshalb ist für uns wichtig, dass diese Vielfalt grundsätzlich ihren Platz behält.
Sie schreiben in Ihrer Stellungnahme zur Studie, dass anspruchsvollere Kulturgefässe zunehmend marginalisiert würden. Woran machen Sie das fest?
Diese Diskussion begleitet uns schon länger. Ein Beispiel war die Debatte um SRF 2 Kultur. Wenn spezialisierte Formate verschwinden oder reduziert werden, bleibt Kultur zwar oft weiterhin präsent, verliert aber ihr Zuhause. Das betrifft nicht nur Kulturschaffende, sondern auch das Publikum, das gezielt nach solchen Inhalten sucht. Gleichzeitig dürfen wir den Fehler nicht machen, uns ausschliesslich auf junge Zielgruppen zu konzentrieren. Auch ältere Menschen nutzen Kulturangebote intensiv und gehören zum Service-public-Publikum.
Suisseculture hat kürzlich gefordert, Kultur müsse im Rahmen der laufenden SRG-Transformation organisatorisch stärker verankert werden. Weshalb?
Wir sehen, dass bei den aktuellen Veränderungen verständlicherweise Management-, Transformations- und Organisationskompetenzen im Vordergrund stehen. Das braucht es auch. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass kulturelle Kompetenz in den Führungsstrukturen weiterhin ausreichend vertreten ist. Kulturleistungen entstehen nicht allein durch effiziente Prozesse. Es braucht Menschen, die Kulturschaffen, Kulturvermittlung und kulturelle Produktion verstehen und innerhalb der Organisation dafür Verantwortung übernehmen können.
«Es braucht Menschen, die Kulturschaffen, Kulturvermittlung und kulturelle Produktion verstehen»
Welche Erkenntnisse der Studie haben Sie besonders überrascht?
Interessant fand ich die Ergebnisse zu den digitalen Angeboten. Dort ist Kultur insgesamt zwar weniger präsent als auf anderen Kanälen, gleichzeitig zeigen sich aber grosse Potenziale, insbesondere für die Ansprache jüngerer Zielgruppen. Zudem würden wir uns für künftige Studien weitere Differenzierungen wünschen – etwa zwischen Schweizer und ausländischen Kulturschaffenden oder zwischen lebenden und bereits verstorbenen Kulturschaffenden. Auch eine qualitative Analyse der Inhalte wäre aus unserer Sicht ein wichtiger nächster Schritt.
Was also ist aus Ihrer Sicht der nächste Schritt?
Die Studie sollte keine einmalige Bestandsaufnahme bleiben. Ein regelmässiges Monitoring würde es ermöglichen, Entwicklungen sichtbar zu machen und fundierter über die Kulturleistungen der SRG zu diskutieren. Genau dafür wurde die Studie ursprünglich angestossen: nicht um einzelne Programme zu kritisieren, sondern um eine gemeinsame Grundlage für den Dialog zwischen SRG, Kulturschaffenden und Öffentlichkeit zu schaffen.