«Podcasts werden viel bewusster ausgewählt als klassische Radiosendungen»

News-Podcasts erreichen zunehmend auch Menschen, die klassische Nachrichtenangebote kaum nutzen. Daniela Püntener, Leiterin Radio SRF 4 News, erklärt, warum Podcasts boomen, wie sie das journalistische Storytelling verändern und welche Bedeutung sie für den medialen Service public haben.

News-Podcasts erleben gerade auch bei jüngeren Menschen einen Boom. Weshalb trifft Audio heute einen Nerv, den klassische Nachrichtenformate teilweise nicht mehr erreichen?

Unsere Mediennutzung hat sich grundlegend verändert. Die wenigsten Menschen richten ihren Alltag heute noch nach festen Sendezeiten aus. Medien werden mobil und flexibel konsumiert und meistens über das Smartphone. Audio passt perfekt zu diesem Verhalten. Podcasts kann man beim Pendeln, Kochen oder Joggen hören. Anders als bei Videos muss man nicht auf einen Bildschirm schauen und hat die Hände frei. Genau das macht Audio so attraktiv.

Wie verändert diese neue Nutzungssituation die Art, wie journalistische Geschichten erzählt werden müssen?

Podcasts werden viel bewusster ausgewählt als klassische Radiosendungen. Wer einen Podcast startet, entscheidet sich aktiv für ein Thema und hört deshalb aufmerksamer zu. Dadurch können wir Geschichten ausführlicher und komplexer erzählen. Wir dürfen Wendungen einbauen, über mehrere Episoden hinweg erzählen oder auch zeigen, wie eine Recherche entstanden ist. Das Publikum möchte nicht nur erfahren, was passiert ist, sondern oft auch verstehen, wie wir zu unseren Erkenntnissen gekommen sind.

Formate wie «News Plus Hintergründe» setzen stark auf Narrative, persönliche Geschichten und Nähe zu den Protagonist:innen. Wo liegen die Chancen dieses Storytellings und wo die Grenzen?

Podcasts werden oft über Kopfhörer gehört. Dadurch entsteht eine sehr direkte Verbindung zwischen Publikum und Erzählenden. Gleichzeitig bietet das Medium enorme kreative Möglichkeiten. Die Grenze liegt weniger im Format selbst als in den verfügbaren Ressourcen. Man könnte Geschichten nahezu beliebig aufwendig produzieren. Irgendwann muss man aber entscheiden, wann ein Format den Punkt erreicht hat, an dem die ganze Geschichte erzählt werden kann.

«Erfolgreich sind Podcasts dann, wenn sie genau jene Fragen beantworten, die die Menschen aktuell beschäftigen»

Sie waren am Aufbau von News-Podcasts beteiligt. Was haben Sie in diesem Kontext über die Erwartungen des Publikums gelernt?

Unsere ersten Podcast-Erfahrungen haben wir mit «Corona Kompakt» gemacht. Rückblickend lagen diese Folgen journalistisch und technisch noch weit hinter dem Niveau unserer heutigen Produktionen. Trotzdem waren sie erfolgreich, weil sie ein Bedürfnis trafen. Die Menschen hatten Fragen und suchten Orientierung. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Erfolgreich sind Podcasts dann, wenn sie genau jene Fragen beantworten, die die Menschen aktuell beschäftigen. Oft geht es dabei weniger um die reine Nachricht als um die Frage dahinter. Nach dem Postauto-Brand in Kerzers beispielsweise interessierten sich viele Menschen nicht nur dafür, was passiert war, sondern auch: Was würde ich in einer solchen Situation eigentlich tun? Gleichzeitig spielt Vertrauen eine grosse Rolle. Podcasts leben stark von ihren Hosts. Die Hörer:innen verbringen oft viele Stunden mit einer Stimme und erwarten, dass auf Augenhöhe mit ihnen gesprochen wird.

Podcasts erreichen oft Menschen, die klassische Nachrichtenangebote kaum nutzen. Erleben Sie Podcasts eher als Ergänzung zu Radio und Fernsehen oder als deren Ersatz?

Beides. Wir erhalten Rückmeldungen von Menschen, die sagen: «News Plus sind meine täglichen 15 Minuten Nachrichtenkonsum». Für andere sind Podcasts eine Ergänzung zu News-Apps, Radio oder Fernsehen. Gerade bei jüngeren Menschen beobachten wir häufig eine gewisse Nachrichtenmüdigkeit. Viele wollen informiert bleiben, möchten aber nicht den ganzen Tag mit Meldungen konfrontiert werden. Podcasts bieten die Möglichkeit, sich bewusst und konzentriert mit einem Thema auseinanderzusetzen.

Der mediale Service public hat den Auftrag, möglichst viele Menschen zu erreichen. Welche Rolle spielen News-Podcasts dabei insbesondere jüngere Zielgruppen für journalistische Inhalte zu gewinnen?

Eine wichtige. Gerade bei den 15- bis 45-Jährigen erreichen wir mit Podcasts Zielgruppen, die wir über klassische Kanäle teilweise schwieriger erreichen. Gleichzeitig sehen wir, dass die Nutzung weiterhin wächst. Für uns ist das ein wichtiges Signal. Service public bedeutet nicht nur, relevante Inhalte zu produzieren, sondern die Menschen auch dort zu erreichen, wo sie Medien nutzen. Die Serie «Alpha Boys» ist dafür ein gutes Beispiel. Sie ist die erfolgreichste Podcast-Serie, die wir bisher produziert haben. Das zeigt uns, dass wir mit solchen Formaten ein Bedürfnis treffen.

«Menschen erwarten zunehmend Angebote, die genau zu ihrer Situation passen»

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Wie werden wir in zehn Jahren Nachrichten konsumieren?

Die Mediennutzung wird noch individueller werden. Menschen erwarten zunehmend Angebote, die genau zu ihrer Situation passen. Deshalb werden wir Geschichten künftig noch stärker in verschiedenen Formen erzählen müssen. Künstliche Intelligenz kann uns dabei helfen, Inhalte effizient für unterschiedliche Plattformen anzupassen. Gleichzeitig sehe ich grosses Potenzial in der Zusammenarbeit innerhalb der SRG. Gute Recherchen aus einer Sprachregion könnten künftig häufiger für andere Regionen adaptiert werden. Wir haben in allen Sprachregionen hervorragende Inhalte, die sich für unterschiedliche Zielgruppen neu erzählen lassen.

Sind Sie also zuversichtlich, was die Zukunft von Audio angeht?

Ja, sehr. Audio wurde schon oft totgesagt. Gleichzeitig sehen wir, wie stark Podcasts wachsen und wie vielfältig das Angebot geworden ist. Radio und Audio werden sich weiter verändern, aber ich bin überzeugt, dass sie auch künftig einen festen Platz im Alltag vieler Menschen haben werden.

«Wir wollten verstehen, warum die Manosphere für junge Männer attraktiv ist»

Für die Podcastserie «Alpha Boys» haben die Teams von SRF Data, SRF Investigativ und «News Plus Hintergründe» mehr als 100'000 TikTok-Videos analysiert und mit jungen Männern, Fachleuten sowie Betroffenen gesprochen. Im Interview erklären die Journalist:innen das Ziel von «Alpha Boys»: sichtbar zu machen, wie solche digitalen Gemeinschaften funktionieren und weshalb sie für manche junge Männer attraktiv sind.

Text: Nicole Krättli

Bild: SRF/Oscar Alessio

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