Sichtbare Vielfalt: Welche Lebensrealitäten zeigen die Medien?
Wer wird gehört, wem wird geglaubt? Die Kolumne «Sichtbare Vielfalt» fragt, wie Medien Teilhabe ermöglichen oder begrenzen. Diesmal im Fokus: Migration als gelebte Realität – und die Frage, welche Menschen und Lebensrealitäten in den Medien sichtbar werden.
Zur Kolumne «Sichtbare Vielfalt»
Zur Kolumne «Sichtbare Vielfalt»
Die Kolumne beleuchtet, wie Medien gesellschaftliche Vielfalt spiegeln – oder unsichtbar machen. Sie fragt, welche Verantwortung ein öffentlich finanzierter medialer Service public trägt, wenn es um Sichtbarkeit, Sprache, Zugehörigkeit und demokratische Debattenkultur geht.
Unsere Kolumnistin 2026, Sarah Jost, arbeitet in der Kommunikation für die Sozialen Einrichtungen und Betriebe im Sozialdepartement der Stadt Zürich und ist freigewähltes Mitglied des Regionalvorstands SRG Deutschschweiz. Die Kolumne ist von der Handschrift der Autorin geprägt und widerspiegelt somit ihre persönliche Meinung.
Die Schweiz ist längst postmigrantisch. Das zeigt sich nicht nur in Statistiken, sondern in unserem Alltag. Menschen mit Migrationsgeschichte pflegen ältere Menschen, betreuen Kinder, reinigen Büros, arbeiten in Fabriken, in Spitälern, auf Baustellen, in Restaurants, Verwaltungen und Unternehmen. Sie tragen dazu bei, dass dieses Land funktioniert. Dennoch wird Migration in politischen Debatten und in der medialen Berichterstattung oft so behandelt, als wäre sie Verhandlungssache.
Mich beschäftigt dieser Widerspruch. Wenn die postmigrantische Schweiz eine Tatsache ist: Welche Realitäten nehmen wir wahr? Welche Geschichten sehen, hören und lesen wir? Warum diskutieren wir noch immer so häufig darüber, wer kommt, statt darüber, wer längst hier ist und wie diese Menschen leben? Wer arbeitet in Berufen mit tiefen Löhnen, unregelmässigen Arbeitszeiten und körperlich belastenden Tätigkeiten? Wer übernimmt Arbeiten, auf die unsere Gesellschaft angewiesen ist? Unter welchen Bedingungen?
In vielen dieser Bereiche sind Menschen mit Migrationsgeschichte überdurchschnittlich vertreten. Besonders Frauen. Das irritiert mich.
Dieselbe Gesellschaft, die auf diese Arbeit angewiesen ist, scheint manchmal erstaunlich wenig Interesse an den Lebensrealitäten dieser Menschen zu zeigen. Auch die Medien spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie entscheiden mit, welche Lebensrealitäten sichtbar werden, welche Fragen gestellt werden und welche Perspektiven unsere Vorstellung von Gesellschaft und Migration prägen.
Selbstverständlich müssen Medien über Probleme sprechen. Doch welche Probleme werden sichtbar? Wird ausreichend über Arbeitsbedingungen berichtet? Fragen wir, weshalb bestimmte Gruppen überdurchschnittlich oft in prekären Verhältnissen leben? Machen wir strukturelle Abhängigkeiten sichtbar? Und erzählen wir von den vielen Menschen mit Migrationsgeschichte, die diese Gesellschaft mitgestalten, Verantwortung übernehmen und Brücken bauen?
Medien tragen hier Verantwortung. Weil sie gesellschaftliche Wirklichkeit möglichst vollständig abbilden sollten. Dazu gehört es, Konflikte sichtbar zu machen. Aber auch Zusammenhänge, Ursachen, Machtverhältnisse und die Menschen hinter den Schlagzeilen.
Die postmigrantische Schweiz ist keine Zukunftsvision. Sie ist unsere Gegenwart. Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, wer dazugehört. Und mehr darüber, wie wir miteinander leben und welchen Lebensrealitäten wir mediale Aufmerksamkeit schenken. Auch dann, wenn sie unbequem sind und uns zwingen, die Systeme dahinter zu hinterfragen.
Oder vielleicht gerade deshalb?