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Von stummen Opfern und vergessenen Kämpfern gegen den IS – SRF unterwegs im Nordirak

Am Morgen des 12. November 2015 – einen Tag vor den Attentaten in Paris – attackierten 7'500 kurdische Kämpfer den IS in Sindschar im Nordirak. Unterstützt von der US-Luftwaffe kämpfen sie um die Stadt – und auch um die nahe Bergregion. SRF-Nahostkorrespondent Pascal Weber und tpc Kameramann Diego Wettstein hatten sich bereits Anfang Februar 2015 in die Region gewagt. Die Reise in den Nordirak war nicht ohne Risiko, wie Diego Wettstein gegenüber der Plattform «take» der tpc ag schildert. «take»: Diego Wettstein, im Februar dieses Jahres wurden Sie und Pascal Weber von einem IS-Scharfschützen beschossen. Sie beide haben unerträgliche Szenen gesehen und bedrückende Situationen ausgehalten. Was hat euch angetrieben, in diese Krisenregion zu reisen?
Diego Wettstein: Uns ging es darum, von den vergessenen Menschen und Schicksalen in dieser Region zu berichten. Aus erster Hand, unverfälscht, und nahe dran. Von stummen Opfern und vergessenen Kämpfern gegen den IS. Da bewachen zum Beispiel 70 Jesiden eine Geisterstadt. Die Männer scheinen es fast als Lebensaufgabe anzusehen, diese Stadt als Territorium für ihre Glaubensgemeinschaft zu sichern. Die Milizionäre haben ihr bisheriges Leben aufgegeben: Aus Händlern, Kaufmännern und Ingenieuren wurden Kämpfer. Nur Berichterstatter wie wir ermöglichen es ihnen, auf ihre fast ausweglose Situation aufmerksam zu machen. Deshalb kann ich die teils nur schwer erträglichen Bilder dieser Reportage auch ethisch vertreten. Welche Risiken seid ihr dabei eingegangen?
Wir haben die Risiken im Vorfeld ausführlich diskutiert. Dazu hatten wir einen gut vernetzten Kontaktmann (Stringer), einen lokalen Peschmerga-Fahrer und Miliz-Kämpfer als Begleiter, auch hatten wir Schutzbekleidung, und es gab eine klare Absprache. Sicherheit hatte Priorität. Wäre einem von uns die Situation nicht mehr als sicher genug erschienen, hätten wir den Dreh abgebrochen. Ist es denn schon einmal vorgekommen, dass ihr Dreharbeiten aufgrund einer drohenden Gefahr unterbrechen musstet?
Es ist einmal beinahe soweit gekommen, als wir auf dem Weg zu den Massengräbern der Jesiden waren. Wir fuhren auf einer unbefestigten und ungeschützten Strasse. Lange gab es weit und breit keinen Peschmerga-Kontrollpunkt, nur arbeitende Bauern links und rechts auf ihren Feldern. Plötzlich trafen wir wieder auf Peschmerga-Milizen, doch es herrschte eine ganz eigentümliche Stimmung. Das Ganze spielte sich in der Nähe der Frontlinie zu der IS Hochburg Tal Afar ab, von der man ohnehin nie weiss, wo sie exakt verläuft. In meinem Hinterkopf schrillten die Alarmglocken. Kidnapping ist ja – zumindest beim IS – ein äusserst lukratives Geschäft. Doch dann sahen wir, warum auf den Gesichtern eine Mischung aus Wut, Hass und tiefer Trauer lag. Die Peschmerga führten uns zu Massengräbern. Dies war ein aufgeschüttetes Gelände von 300 m2 voller zersplitterter Schädel, Knochen und übersät mit Kinderkleidung. 450 jesidische Kinder, Frauen und Männer hat der IS dort hingerichtet. Der beissende Geruch der Verwesung prägt sich einem unglaublich stark ein. In solchen Momenten professionell an Cadrage und Bildsprache zu denken, fordert enorm. Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?
Eine solche Brutalität ist unvorstellbar, selbst wenn man die menschlichen Überreste mit eigenen Augen sieht. Man folgt den Peschmerga, denkt erst, man käme an eine Feuerstelle und dann kniet dort ein Mann mit einem Kinderkleid in den Händen, schaut in die Kamera und fährt sich mit der Hand über die Kehle. Und die Erde ist nach all den Monaten, nach Winter, Schnee und Regen, noch immer blutgetränkt. Dieser Schauplatz war für mich eigentlich nur durch den Sucher der Kamera zu ertragen. Der ermöglicht eine halbwegs professionelle Distanz zwischen dem Geschehen und den eigenen Emotionen. Auf dem Rückweg war es im Auto totenstill. Die Kamera habe ich einfach weiterlaufen lassen. Wobei klar war, dass wir diese Bilder nicht brauchen. Haben Sie die Gräuelbilder in Kopf und Kamera danach wieder eingeholt?
Am Schnittplatz, als die Bilder ungefiltert auf mich einprasselten und ich die Statements der Kämpfer wieder hörte. Das Ganze im Schutz eines sicheren und komfortablen Raums – während die Peschmerga weiter kämpfen. Doch das muss man durchziehen und professionell bleiben. Während der Dreharbeiten und der Postproduction liess die Reportage keinen Raum für anderes. Zeit zum Runterkommen hat man danach genug, sagt man sich. Wie gehen Sie mit solchen Gräuelbildern in Kopf und Kamera persönlich um? Wie war dieses «danach» für Sie?
Ich bin mit dem Gefühl abgefahren, die Menschen dort wieder ihrem Schicksal zu überlassen. Ob unsere Reportage daran etwas ändert? Die Bilder lösen sicher Emotionen aus. Doch danach geht man schlafen und am nächsten Tag bestimmt wieder anderes die Agenda. Doch wenn wir damit manche Leute kurz zum Nachdenken anregen, vielleicht auch darüber, dass diese Flüchtlinge unsere Hilfe – und auch unsere Akzeptanz – bitter nötig haben, wäre schon etwas gewonnen. Unser Anspruch war, mit unserer Reportage öffentlich fast vergessene Menschen und Schicksale zu zeigen. Den haben wir erfüllt, denke ich. Hier geht es zur zweiteiligen «10vor10»-Reportage vom 23./24. Februar 2015: Hier das Interview mit SRF-Nahostkorrespondent Pascal Weber auf srf.ch Interview: Ann-Katrin Frick, Mitarbeitenden-Plattform «take», tpc ag
Bilder: SRF

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