«Wirtschaft zu erklären ist nicht kompliziert»
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«Wirtschaft zu erklären ist nicht kompliziert»

Wirtschaftsberichterstattung neigt zu Personenkult. Um den Zuschauer auch nach zehn Uhr abends wach zu halten, brauche es Storys und Köpfe. Dass dies nicht unbedingt zur medialen Qualitätssteigerung beiträgt, bestätigen Wirtschaftsführer wie auch Medienschaffende. Doch die SRG scheint die Weichen richtig gestellt zu haben.

Schlagzeile in einem Onlinemedium Mitte November: «Wirtschaftszeitung in finan­ziellen Schwierigkeiten». Ein etabliertes Westschweizer Wirtschaftsblatt kämpft ums ­Überleben, die Auflage fällt auf gerade noch 5000 Exemplare. Sinkt das Interesse an ­Wirtschaftsthemen? Oder ist dies die ­Antwort auf das veränderte Leseverhalten? Oder beides?

Die Gratiskultur in den Onlinemedien prägt zunehmend unser Informationsver­halten. So informieren sich von den 16- bis 29-Jährigen immer weniger durch die traditionellen Informationskanäle, 56 Prozent ­geben gar an, nie eine abonnierte Zeitung zu lesen. Die finanziellen und personellen Ressourcen brechen weg, der Aktualitätsdruck aber steigt. Dass sich dies negativ auf die ­Berichterstattungsqualität durchschlägt, zeigt das Forschungsinstitut für Öffentlichkeit und Gesellschaft der ­Universität Zürich (fög) in seinem gerade ver­öffentlichten Jahrbuch 2015 zur Qualität der Medien. Erfreulich gegen diesen Trend stemmt sich aber die SRG. Der Bericht spricht gar von einem signifikanten Qualitätszuwachs.

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Reto Lipp, Moderator «Eco» und «SRF Börse»: «Die Zeit zum Einarbeiten ist, nicht zuletzt dank der Gebührenfinanzierung, zum Glück noch möglich.»

Stärkung der Wirtschaftsberichterstattung

Mehr Schwerpunkte, mehr Einordnung und mehr fachliches Know-how sind denn auch das generelle Ziel, welches Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) mit tages­aktuellen Sen­dungen verfolgt. Mit der Einführung der neuen Fachredaktion Wirtschaft zu Beginn dieses Jahres will man gar noch einen Schritt weiter gehen. Die Planung aus einer Hand, ein enger Austausch mit dem Magazin «ECO» und nicht zuletzt eine Stärkung der Wirtschaftsberichterstattung im Online-­bereich seien wichtige Ziele der neuen ­Redaktion. Tristan Brenn, Chefredaktor TV: «Wir wollen unser Know-how in dieser komplexen Thematik noch stärker zum ­Tragen bringen.» In den Verantwortungsbereich der neuen Fachredaktion fallen «ECO», «SRF Börse», Spezialsendungen zum World Eco­nomic Forum oder zum Swiss Economic ­Forum ­sowie die gesamte Wirtschafts­bericht­erstattung von «Tagesschau» und «10vor10».

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Peter Spuhler, CEO Stadler Rail: «Es wird zu viel ‹Stuss› geschrieben; es braucht eine bessere Bildung zu Wirtschaftsthemen.»

Über Wirtschaftsthemen zu berichten, ist ­anspruchsvoll. Viele scheuen sich vor dem ­Lesen von Wirtschaftsthemen, und Jour­nalisten tun sich schwer, sie zu verfassen, weil die Zusammenhänge oft komplex und kompliziert sind. Dabei sei das Rezept ganz einfach, wie Jens Korte, Börsenkorrespondent in New York, meint: «Wirtschaft zu ­erklären ist nicht kompliziert, man muss sie einfach selber verstehen.» Er muss es wissen, denn ihm gelingt, wie keinem anderen, Wirtschafts­zusammen­hänge verständlich darzustellen. Die Voraussetzung
ist ­allerdings, genügend Zeit zu ­haben. Das bestätigt Reto Lipp, der ­wöchentlich in «ECO» über wirtschaftliche Themen berichtet: «Zum Beispiel die ­Eigenkapitalquote zu erklären, ist extrem kompliziert. Die Einarbeitung braucht zwei bis drei Tage. ­Diese Zeit ist, nicht zuletzt dank der Gebühren­finanzierung von SRF, zum Glück noch möglich».

Es braucht Storys und Köpfe

Doch auch trotz guter Einarbeitung bleibt es anspruchsvoll, die Zuschauer um 22.30 Uhr für «ECO» wach zu halten. Gerade im Fernsehen, das vom Bild lebt. Und ­«Bilder zu finden, wo keine sind», so Reto Lipp, «ist immer wieder eine echte Herausforderung». Wichtig sei aber auch die gute Story hinter jedem Beitrag. Und dazu gehören Köpfe, etwa wie jener von Peter Spuhler. Der CEO der Stadler Rail kann sich nicht über zu wenig Medienpräsenz beklagen. Im Gegenteil, er verdeutlicht, wohin das führen kann: ­«Spuhler-Zug entgleist» – nicht ­«Stadler-Zug entgleist», heisst es dann in den Medien. Köpfe machen es den Journalisten einfacher. So lädt man bei komplexen ­Themen einfach einen Fachmann ein und lässt ihn sprechen. Allerdings sei es in der Schweiz schwierig, führende Wirtschafts­kräfte vor die Kamera zu bekommen, ins­besondere von internationalen Konzernen, denn bei diesen spielt der Schweizer Markt und somit die hiesige Medienpräsenz oft eine untergeordnete Rolle. Ganz anders in den USA. «Hier sind alle CEOs Medien­profis, die kommen sofort vor die Kamera», meint Jens Korte. In den Schweizer Chef­etagen findet aber auch ein Umdenken statt. So hat sich das Profil der Firmen­leitung geändert, wie Heinz Karrer, ­Präsident des ­Wirtschaftsdachverbands Economie­suisse, feststellt: «Heute, im ­Gegensatz zu vor zehn Jahren, gehört auch Kommu­nikationskompetenz in die Geschäfts­leitung.»

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Heinz Karrer, Präsident Economiesuisse: «Heute, im Gegensatz zu vor zehn Jahren, gehört Kommunikationskompetenz in die Geschäftsleitung.»

Wir alle stecken in der Wirtschaft

Damit einher geht der Ausbau der PR-­Abteil-ungen. Deren vorgefertigten ­Berichte ­kommen zwar den unter Druck stehenden Journalisten entgegen. Doch die Gefahr ­besteht, dass diese Berichte zu wenig kritisch hinterfragt werden, sei es nun aus Mangel an Zeit oder Wissen oder an beidem. Peter Spuhler beklagt denn auch, dass viele Journalisten zu wenig Ahnung haben und viel zu viel «Stuss» schreiben würden. Er ­fordert eine bessere Bildung zu Wirtschafts­themen und das bereits in der Schule. Denn Wirtschaft gehe uns alle an. Wir brauchen Geld, um zu Leben, und das Geld muss von irgendwo herkommen. Voilà, schon ­stecken wir mittendrin, in der Wirtschaft.

Die höhere Gewichtung von SRF in Sachen Wirtschaftsthemen scheint also gerade rechtzeitig zu kommen. Zum einen schafft sie einen Ausgleich zum Aderlass bei den ­übrigen Medien, zum anderen kommt sie dem steigenden Interesse junger Leute an Wirtschaftsthemen entgegen.    

Text: Oliver Schaffner
Bilder: Thomas Züger. Bild oben: SRF-Börsenkorrespondent Jens Korte: «Ich gehe nirgends hin ohne meine Barbie», scherzt SRF-Börsenkorrespondent Jens Korte. Der sprechenden Kultpuppe ergeht es
wie der Börse: Sie lernt durch künstliche Intelligenz. Am Ring hat dies bereits die Hälfte aller Händler ersetzt.

 


«Promi-Talk» der SRG Zürich Schaffhausen

Am diesjährigen «Promi-Talk» der SRG Zürich Schaffhausen im Herbst ­unterhielten sich Medienprofis und ­Wirtschaftsgrössen zum Thema «Wirtschafts­berichterstattung auf SRF». Unter ihnen: Peter Spuhler, Inhaber und CEO des Schienenfahrzeugbauers Stadler Rail, Heinz Karrer, Präsident des Wirtschaftsdachverbandes ­Eco­nomiesuisse, Reto Lipp, Moderator von «SRF Börse» und «ECO» von SRF, und Jens Korte, Börsen­korrespondent aus New York, u.a. auch für SRF. Die ­Moderation: Andi Melchior, Leiter der Kommission für Öffentlichkeits­arbeit der SRG Zürich Schaffhausen.

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