Die Nennung der Nationalität von Straftätern – ein heikles Terrain
Tristan Brenn, Chefredaktor TV SRF
SRG Deutschschweiz News

Die Nennung der Nationalität von Straftätern – ein heikles Terrain

«Ausländer waren's!» – In seinem Kommentar spricht SRF-TV-Chefredaktor Tristan Brenn über das journalistisch heikle Terrain der Nennung der Nationalität bei der Berichterstattung über Delikte von ausländischen Straftätern. Eine Gratwanderung zwischen journalistischer Einordnung und Informationspflicht.

Von Tristan Brenn

«Es gibt Ereignisse mit dem Potenzial, die Politik eines ganzen Landes auf den Kopf zu stellen. Ein solches Ereignis waren die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof. Schon in den Wochen zuvor war die Sympathie in der Bevölkerung für Angela Merkels emphatische Willkommenskultur am Bröckeln. Seit bekannt wurde, dass es sich bei den Tätern von Köln vorwiegend um Migranten und Asylbewerber aus arabischen Ländern handelt, wankt die deutsche Flüchtlingspolitik bedrohlich. Zu tun hat das auch mit dem teils schizophrenen Verhalten vonseiten der Behörden und der Medien. Diese kehrten die wenigen gesicherten Informationen zunächst unter den Teppich. Dann, mit mehreren Tagen Verspätung, leuchteten sie diese umso greller und ohne jedes Augenmass aus. Nach dem Motto:Jetzt sprechen wir aber darüber, und zwar richtig! Doch wie spricht man «richtig» über Köln? Was ist richtig und was ist falsch?

Doch wie spricht man «richtig» über Köln? Was ist richtig und was ist falsch? Guter Journalismus zeichnet sich unter anderem durch seine Einordnungsleistung aus. Doch um etwas einzuordnen, muss man es zuerst benennen.

Guter Journalismus zeichnet sich unter anderem durch seine Einordnungsleistung aus. Doch um etwas einzuordnen, muss man es zuerst benennen. Wer als Journalistin oder Journalist aus Gründen der politischen Korrektheit («nicht alle Ausländer sind so») darauf verzichtet, die Nationalität und den politischen Status der Täter von Köln zu nennen, kommt nicht einmal seiner banalen Informationspflicht nach. Als Kollateralschaden schafft er gefährliche Leerstellen, ein Informationsvakuum, das andere wiederum für ihre Zwecke ausnützen und mit Übertreibungen und Hetze propagandistisch ausschlachten.

So tauchten im Sog der Empörung von Köln Märchen von angeblichen Vergewaltigungen auf, die nie stattfanden. In Oberbayern musste die Polizei, argwöhnisch von den Medien begleitet, tagelang wegen eines Sexualdelikts von Asylbewerbern ermitteln. Die Tat entpuppte sich als reine Erfindung. In Russland berichtete das staatliche Fernsehen breit (hier der Link, den uns unser Korrespondent Christof Franzen geschickt hat) über die angebliche Vergewaltigung eines 13-jährigen Mädchens russischer Abstammung, die Tat soll sich in Berlin abgespielt haben. Laut der Berliner Polizei war nichts an der Story, aber gute Propaganda war es. Hierzulande bezog sich Christoph Blocher in seiner Albisgüetli-Rede auf die Kölner Übergriffe. Auch in Zürich habe sich solches zugetragen, aber bei Sexualdelikten würden junge Frauen von der Polizei abgewiesen, um die Deliktquote von Ausländern zu drücken. Die Zürcher Stadtpolizei dementierte in aller Form.

Es wurde in diesen Tagen auch viel mit Statistiken operiert, meistens solchen, die belegen sollen, dass Ausländer krimineller sind als Einheimische. Doch wenn von bestimmten Nationalitäten vor allem junge Männer einwandern, so wird die Kriminalitätsrate dieser Gruppe höher sein, wie sie auch bei jungen Schweizer Männern höher ist als im Durchschnitt der Bevölkerung. Die Aussage, wonach Ausländer krimineller sind als Einheimische, ist deshalb aller vermeintlicher Statistikevidenz zum Trotz hochproblematisch.

Darum ist es unsere Aufgabe, die Balance zu finden zwischen dem offenen Benennen von Missständen und Auffälligkeiten in der kulturellen Disposition bestimmter Gruppen und dem gleichzeitigen Relativieren und Hinterfragen von Stereotypen, die sich schnell in eine solche Debatte einschleichen.

Darum ist es unsere Aufgabe, die Balance zu finden zwischen dem offenen Benennen von Missständen und Auffälligkeiten in der kulturellen Disposition bestimmter Gruppen und dem gleichzeitigen Relativieren und Hinterfragen von Stereotypen, die sich schnell in eine solche Debatte einschleichen. Vorbildlich hat dies kürzlich der «Club» gemacht, der unter dem kurzfristig eingesprungenen Moderator Norbert Bischofberger offen, ohne Scheuklappen, aber eben auch sehr differenziert über das Thema diskutierte. Wohltuend war das auch im Gegensatz zum oftmals pauschalen Meinungsjournalismus etwa des «SonnTalk» auf TeleZüri, der in der Service-public-Debatte immer wieder als leuchtendes Beispiel für gutes Privatfernsehen beigezogen wird.

Die Frage nach der Nennung der Nationalität bei Straftaten beschäftigt uns nicht erst seit dieser Kölner Silvesternacht. Sie taucht in unserem journalistischen Alltag immer wieder auf, und wir nehmen auch in unseren Publizistischen Leitlinien Bezug darauf. Dort heisst es, ähnlich übrigens wie in den Richtlinien des Presserates: «In der Kriminalberichterstattung ist die ethnische und nationale Zuordnung von Tätern oder Verdächtigen heikel. Wir müssen darauf achten, dass wir keine Vorurteile fördern. Umgekehrt sollen und dürfen wir Tatsachen nicht einfach ignorieren: Die Nationalität oder die ethnische Zugehörigkeit von Tätern oder Opfern soll erwähnt werden, wenn sie im Zusammenhang mit dem Delikt bedeutsam sind.»

In der Kriminalberichterstattung ist die ethnische und nationale Zuordnung von Tätern oder Verdächtigen heikel. Wir müssen darauf achten, dass wir keine Vorurteile fördern. Umgekehrt sollen und dürfen wir Tatsachen nicht einfach ignorieren: Die Nationalität oder die ethnische Zugehörigkeit von Tätern oder Opfern soll erwähnt werden, wenn sie im Zusammenhang mit dem Delikt bedeutsam sind.

Trotz Leitlinien ist die «richtige» Entscheidung nicht immer einfach. Wenn hierzulande ein sogenannter Ehrenmord geschieht, ist die ethnische Zugehörigkeit von Tätern und Opfern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit relevant und gehört genannt. Was aber tun mit der Nachricht wenige Tage nach der Kölner Silvesternacht, wonach eine junge Joggerin in einem Waldstück bei Uster Opfer eines sexuellen Übergriffs wurde? Bei dem Verhafteten handelte es sich laut Polizei um einen abgewiesenen marokkanischen Asylbewerber. Der Mann hatte gestanden, am selben Tag auch noch eine andere Frau sexuell angegangen zu haben. Gehören sein Status als Asylbewerber und seine Nationalität genannt, wie es alle Schweizer Medien inklusive SRF getan haben? Eine Frage, die wir in der Chefredaktion kontrovers diskutiert haben und die einmal mehr die Grauzone kratzt, die wir jeden Tag von Neuem definieren und abstecken müssen.

Zum Nachhören: «Medientalk» – Der Informationsjournalismus nach Köln (30.1.16, Radio SRF 4 News)

Text: Tristan Brenn, SRF-TV-Chefredaktor (aus: CR-TV-Newsletter 01/16)

Bild: SRF/Oscar Alessio

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  1. Irène Achermann 03.02.2016 12:41

    Nennung der Nationalität
    Wieso soll man in der Berichterstattung nicht die Nationaltäten erwähnen. Wer nichts zu verbergen hat, muss auch nichts befürchten. Ich glaube, genau dieses "Nichterwähnen" und Schönreden, treibt den Populismus an. Das finde ich sehr gefährlich.

  2. Michael Grob 03.02.2016 21:15

    Es gibt meines Erachtens nur eine Lösung: Schonungslose Nennung aller Fakten. Immer. Egal ob Schweizer oder Ausländer. Denn nur so kann man sich ein Bild von der Sache machen, und die eigenen Schlüsse daraus ziehen.

    Denn die Nichtnennung von Fakten mit dem Ziel, Vorurteile zu verhindern, ist nicht nur Meinungsmache, sondern grenzt an Manipulation - vor allem, wenn man es in anderen Fällen dann tut.

    Ich erwarte von einem öffentlich-rechtlichen Medienunternehmen, das ich mit meinen Steuern mitfinanziere, dass es immer die Fakten berichtet, und keine Meinung macht - ausser bei klar gekennzeichneten Kommentaren, natürlich.

  3. Angela Kissling 04.02.2016 08:54

    Sehr geehrter Herr Brenn, mit grossem Interesse habe ich soeben Ihren Artikel zur Nennung der Nationalität der Täter bei Strafberichterstattungen gelesen. Ich habe oft selbst Kontakt mit Asylbewerbern, Ausländern und Menschen in Problemsituationen. Durch die Mitarbeit im Caritasladen bekommt man viele Einblicke ins Leben der Menschen. Meine Haltung gegenüber Ausländern ist offen und trotzdem denke ich, eine Nennung der Nationalität von Tätern wäre besser. Durch Mutmassungen und Spekulationen der Leser, oder beim TV Seher, wird es nur schlimmer. Die Menschen denken, die Journalisten verschweigen absichtlich die Wahrheit. Sicher haben Sie eine grosse Verantwortung, aber diese müssen Sie auch der einheimischen Bevölkerung gegenüber wahren und nicht nur, aus "Gutmenschlichkeit", den Ausländern gegenüber. Mit freundlichen Grüssen, Angela Kissling

  4. H. Lenzi 04.02.2016 16:55

    Kommentar:
    Ich bin mit diesen Zeilen nicht einverstanden, und zwar deshalb:
    . Hier spielt sich eine Berufssparte dahingehend auf, dass sie sich erdreistet, quasi das Gewissen der Nation zu spielen. Woher nehmen die Damen und Herren bloss diese Legimitation?
    . Es wird argumentiert, dass man keine Vorurteile befördern will. Ich sage: Es geht doch bloss um die richtigerweise bekanntzugebende Tatsache, was wer wo wann und wie getan hat. Das sind doch Fakten und haben mit Vorurteilen nichts zu tun.
    . Es stört mich und offenbar auch andere, wenn die öffentliche Meinung durch Unterdrückung, Weglassung und eigenmächtige Gewichtung von Passiertem manipuliert wird.
    Kurz: Besagte Berufsgruppe will - bestenfalls mit guten Absichten - im weitesten Sinn den sozialen Frieden im Lande im Gleichgewicht halten. Ich glaube, dahinter steckt irgendwie der sich selbst gegebene Auftrag, das so genannte Volk zu belehren. Das ist falsch, das so genannte Volk merkt schon lange, dass der Fisch vom Kopf her stinkt - und stimmt dementsprechend (immer wieder gegen den gewünschten politischen Mainstream) ab. Recht so!