«Meist stinkt der Fisch vom Kopf her»
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«Meist stinkt der Fisch vom Kopf her»

Den Redaktionen fehle heute die Zeit, das Geschehen zu reflektieren, sagt Christof Moser, Bundeshausredaktor der Zeitung «Schweiz am Sonntag» (SaS). LINK sprach mit ihm über seine Erfahrungen im Wahlkampf 2015, über das Jahrbuch «Qualität der Medien» und über die Gründe, weshalb er das Schweizer Mediensystem als «kaputt» bezeichnet.

SRG.D: «Die Schweizer Medien sind in einem maroden intellektuellen Zustand», schrieben Sie kürzlich in einem Artikel. Ein Beweis dafür sei der Wahlkampf 2015 gewesen: Die Medien hätten «die Pro­pa­ganda der Parteien verstärkt, anstatt sie mit unangenehmen Wahrheiten heraus­zufordern. Das war PR statt Journalismus.» Steht es wirklich so schlecht?
Christof Moser: Ich machte diese Aussage in Bezug auf den Text des Schriftstellers ­Lukas Bärfuss in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», in dem er der Schweiz den Spiegel vorhielt. Die meisten Medien ­gingen inhaltlich nicht auf die Kritik ein, ­sondern griffen auf unredliche Weise den Autor an oder meckerten an Textdetails herum. Das kritisierte ich und wies daraufhin, dass Bärfuss wichtige aktuelle Fragen aufge­worfen hatte, die von den Parteien nicht thematisiert wurden, weil sie damit nicht sofort punkten konnten. Im Wahlkampf kaum thematisiert wurde etwa unser Verhältnis zur EU. Die Medien hätten der Agenda der Parteien eigene Themen entgegensetzen sollen. Das ist nicht passiert.

Warum gaben Sie denn in Ihrer Redaktion kein Gegensteuer? Als Bundeshaus­redaktor wären Sie ja dazu prädestiniert.
Ja, ich habe das auch nicht geschafft. ­Eigene Themen gegen die Agenda der ­Parteien aufzubringen, ist ressourcen­intensiv. Diese Ressourcen fehlen heute den Medien weitgehend. Zudem ­setzen Sonntagszeitungen stark auf Wort­meldun­gen aus den Parteien und weniger auf eigene Analysen.

Eigene Themen gegen die Agenda der ­Parteien aufzubringen, ist ressourcen­intensiv. Diese Ressourcen fehlen heute den Medien weitgehend.

Dennoch: Wurde in der SaS-Redaktion nie über eine eigene Agenda nachgedacht?
Eines vorweg: Ich arbeitete schon bei ­Ringier und Tamedia, und jetzt bei den AZ Medien. Und ich kann klar sagen: In den Redaktionen wird überall zu wenig nachgedacht – das ist allgemein ein Problem. Oft ist man einfach froh, wenn das Blatt voll wird. Das hat mit Ressourcenmangel zu tun, aber vielerorts auch mit dem ­Redaktions-Management: Content-Manager haben bloss das Ziel, möglichst viel Inhalt zu produzieren – auf Kosten der inhalt­lichen Tiefe. Ein weiteres Problem sind die PR-Strategien der Parteien, der Bundes­­ver­waltung, der Konzerne und Verbände, die es zu durchschauen gilt. In dieser Situation noch etwas zu entwickeln, das ihnen entgegengehalten werden kann, ist fast nicht mehr möglich.

In den Redaktionen wird überall zu wenig nachgedacht – das ist allgemein ein Problem. Oft ist man einfach froh, wenn das Blatt voll wird.

Gibt es denn keine Rubriken oder Sendegefässe in Schweizer Medien, wo noch ­regelmässig aufklärerischer Journalismus betrieben wird?
Doch. Es gibt einzelne Personen, die aus­gezeichnete Arbeit machen. Etwa Markus Häfliger von der NZZ und «Journalist des Jahres 2015», der aufzeigte, wie das Lobbying direkt ins Bundeshaus eingreift. Dann ist natürlich das «Echo der Zeit» von Radio SRF zu erwähnen – im gesamten deutschsprachigen Raum eine ziemlich einmalige Sendung. Auch Fernsehen SRF hat gute Sendungen, allerdings weniger, als man dort glaubt. Klar ist aber: Guter Journalismus wird rarer.

Das Jahrbuch «Qualität der Medien» 2015 sieht es ähnlich. Es stellte fest, dass die Einordnungsleistung der Medien weiter abnimmt, was letztlich die Demo­kratie gefährde. Können Sie das unterschreiben?
Ich finde das Jahrbuch ganz wichtig. Aber man muss differenzieren: Auch die Ein­ordung ist schwieriger geworden. So war etwa die politische Situation im ­Nahen ­Osten oder in Europa vor 25 Jahren noch einfacher, weil die Blöcke klar waren. Aber dass die Einordnung abnimmt, weil die Ressourcen fehlen, scheint mir offensichtlich.

In einem Text sprachen Sie von einem «kaputten System».Was meinten Sie damit?
Dort ging es um die Arbeitsbedingungen in den Onlineredaktionen: Diese müssen bereits um 11 Uhr ihre Hauptstory raus­lassen, weil mittags die Zugriffszahlen hoch sind. Doch in so kurzer Zeit lässt sich kein Thema vertieft angehen. Oft nimmt man dann einfach den erstbesten «Experten» und lässt die Zwei-Quellen-Regel ­systembedingt fallen. Dabei ist es doch die zweite Quelle, die den Unterschied macht zwischen einer Information und einem blossen Gerücht. Wenn also Reichweiten bolzen wichtiger wird als das Einhalten journalistischer Standards, rede ich von ­einem kaputten System. Bei Medienproblemen sind es nach meiner Erfahrung selten die Journalisten, die ihren Job nicht gut machen wollen. Meist stinkt der Fisch vom Kopf her.

Wenn Reichweiten bolzen wichtiger wird als das Einhalten journalistischer Standards, rede ich von ­einem kaputten System.

Von den Journalisten wünschen Sie aber, dass sie sich «entschieden und öffentlich gegen das kaputte System stellen, in dem sie arbeiten». Wie soll das konkret geschehen?
Ich weiss, das ist ein hoher Anspruch. Und ich sage dies als einer, der bewusst auf eine Familie verzichtet, seine Fixkosten klein halten und sich somit das Ausüben eines gewissen Gegendrucks leisten kann. Das ist eine privilegierte Position. Daraus leite ich aber auch die Verantwortung an mich ab, auf Fehlentwicklungen hinzuweisen. Die Alternative wäre ja, dass der Journalismus oberflächlicher wird, dass darum Parteien und Wirtschaft noch ­leichter ihre eigenen Agenden verfolgen und dass der Populismus sich noch ­einfacher etabliert.

Sie haben schon mehrfach das Onlineportal Watson angegriffen, weil dieses ­systematisch Werbung, PR und Redaktionelles vermische. Einen konkreten Fall wollen Sie gar vor den Presserat bringen. Obwohl Watson wie Sie zu den AZ Medien gehört. Ist das ein Beispiel ­dafür, wie man sich als Journalist gegen das System oder gar gegen das eigene Medienhaus stellen soll?
Wenn Medienkonsumenten nicht mehr ­unterscheiden können, ob ein Beitrag nun PR- oder journalistisch getrieben ist, dann ist der Journalismus erledigt. Das möchte ich verhindern.

Wenn Medienkonsumenten nicht mehr ­unterscheiden können, ob ein Beitrag nun PR- oder journalistisch getrieben ist, dann ist der Journalismus erledigt.

Umgekehrt wurden Sie schon als ­«ideologischer Romantiker» bezeichnet. Wie reagieren Sie?
Manchmal nehme ich es locker, manchmal macht es mich aber auch traurig. Denn im Grunde mache ich ja nichts anderes, als die Grundlagen meines Berufes zu ­verteidigen.

Interview: Markus Knöpfli
Bild: Thomas Züger
 

 

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