Mehr als nur das «Wort zum Sonntag»
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Mehr als nur das «Wort zum Sonntag»

Was wissen wir wirklich über Religionen, speziell über fremde Religionen wie den Islam? Eigentlich wäre es die Aufgabe der Medien, uns ein reales Bild der Religionen zu vermitteln. Doch scheitert dies oft einerseits am Konflikt zwischen qualitativem Journalismus und kommerziellem Interesse des Medienhauses und andererseits schlicht am Nichtwissen der Medienschaffenden.

Jede dritte Erwähnung einer Religion in den Schweizer Medien ist über den Islam. Katholizismus folgt mit rund 30 Prozent. Dies zeigt eine aktuelle Nationalfonds-­Studie über die Befunde zur Religionsberichterstattung in der Schweiz. Ein auf­fallender Befund. «Meist handeln die Inhalte aber gar nicht über die Religion als solche, es treten vielmehr die religiösen Akteure im Zusammenhang mit Politik oder anderen Themen auf», erklärt Medienwissenschaftlerin Carmen Koch. So erfolge die Berichterstattung auch selten aus der ­Religionsperspektive als vielmehr aus der Moral- und Konfliktperspektive. Carmen Koch ist Dozentin am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW und hat sich länger mit dem Thema Religion und Medien auseinandergesetzt – jüngst an einem Seminar der SRG Zürich Schaffhausen (siehe Kasten). «Religion an sich wird in der Berichterstattung kaum thematisiert», gibt sie zu bedenken. Die besten Chancen einer Religion, direkt thematisiert zu werden, sei dann gegeben, wenn es sich um ein Ereignis handle, von dem viele betroffen seien, oder wenn eine prominente Person vorkomme. Ein anschauliches Beispiel sei der Buddhismus, der nur dank des Dalai Lama überhaupt in den Medien existiere.

Feindbild Islam

Wenn aber Medien über Religionsgruppen berichten, dann meist negativ – insbesondere der Islam kommt nicht gut weg, zeigt die Nationalfonds-Studie. Eine weitere ­Studie belegt, dass heute jede/r Zweite in der Schweiz Angst vor dem Islam hat. Das Image des Islams hat seit 9/11 und dem Arabischen Frühling stark gelitten; die Religion wird auffallend oft in einem negativen Kontext erwähnt.

Gut-Böse-Schema entgegenwirken

Bereits 2014 malte das Jahrbuch «Qualität der Medien» ganz generell ein düsteres Bild von der Schweizer Medienlandschaft: Infotainment statt Qualität, People-Storys statt sachliche Berichte und überall in den Redaktionen Sparrunden. «Wer Show will, wer Action will, der ist heute gut ­bedient», bemerkte SRG-Direktor Roger de Weck an einem Podiumsgespräch der Uni Basel und stellte fest, dass gerade die Religionsfragen zur simplen Darstellung von Gut und Böse verkommen.

Was tun, um von diesem Populismus, dem vereinfachten Gut-Böse-Schema wegzukommen? De Weck fordert eine ­bessere Ausbildung für Journalisten, mehr journalistische Recherchen und appelliert gar zu mehr Respekt vor dem Medienkonsumenten. Der Trend zur Boulevardisierung wird dem allerdings weiter entgegentreten. So auch das Fazit des Jahrbuchs: Unterhaltung und Infotainment bringen eben nicht nur Werbegelder, sondern auch Publikum.

«Nicht reden über, sondern mit»

«Sendungen mit religiösen und spirituellen Inhalten fallen ganzheitlich in den Defini­tionsbereich eines Service public, der seine Verantwortung wahrnimmt», stellt Avenir Suisse in einem Bericht vom vergangenen Dezember fest und kritisiert gleichzeitig den Entscheid der SRG, im Rahmen ihrer Sparmassnahmen das Budget 2017 für ­Sendungen mit religiösen Inhalten im französischsprachigen Radio und Fernsehen zu kürzen. Nicht so in der Deutschschweiz. Hier betreibt Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) nach wie vor eine ­eigene SRF-Fachredaktion Religion. Ein Team von vier Mitarbeiterinnen, alle mit journalis­tischer Ausbildung und zusätz­lichen ­Studien in Religionswissenschaften oder Geschichte, produziert jährlich rund 400 Beiträge. Diese fliessen mitunter in verschiedene Formate, die sich im ­engeren bis ­weiteren Sinn der Religion widmen. Teamleiterin ­Judith Wipfler unterscheidet zwischen Verkündigung, z. B. dem «Wort zum Sonntag», und ­redaktionellen Bei­trägen wie der «Tagesschau» und ­anderen News­sendungen. Sie möchte mit ihrem ­Motto «Nicht reden über, sondern ­reden mit» den Blickwinkel wechseln und so mehr Verständnis schaffen ­sowie Hintergründe und Zusammenhänge darstellen. Der Zuschauer oder die Zuhörerin kann ­somit besser urteilen und nicht nur einfach pauschal verurteilen.   

Text: Oliver Schaffner

Bild: Colourbox.de


Seminar über den Islam in den Medien

Seminar über den Islam in den Medien Die SRG Zürich Schaffhausen organisiert regelmässig Seminare für Mitglieder und die interessierte Öffentlichkeit zu relevanten Medienthemen. Anfang Februar sprach Carmen Koch, Dozentin am Institut für Ange­wandte Linguistik der ZHAW, am Seminar über den Islam in den Medien und die Befunde zur Religionsberichterstattung in der Schweiz. Beleuchtet wurde unter anderem die Tatsache, dass die Art und Weise, wie wir Religionsgemeinschaften wahrnehmen, stark von der medialen Berichterstattung abhängt. Weitere Referenten waren Nadja Saeed, Master-Absolventin Angewandte Linguistik, ZHAW, und Judith Wipfler, Teamleiterin der Fachredaktion Religion bei Radio SRF. Moderiert wurde der Anlass vom Leiter der Bildungskommission, Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik, ZHAW.


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  1. Bühler Josef 09.04.2016 11:43

    Ich bin mir bewusst, dass die Religion ein umstrittenes Thema ist. Gerade deshalb ist es meiner Ansicht nach unumstritten, sich mit diesem wichtigen Teil unseres Lebens auseinanderzusetzen. Unsere westliche Hemisphäre ist christlich geprägt. Auch bei einer Gesinnung und Glaubensfreiheit sind bei anders Gläubigen gewisse Grenzen gesetzt, welche dieser nicht überschreiten darf. Er kann in fremden Landen seinen Glauben ausüben, aber sicher nicht eine Glaubensgemeinschaft gründen und missionieren. Ich war für eine Schweizer Firma fünf Jahre in den arabischen Emiraten tätig und weiss zu was der Islam fähig ist.