SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Sketch in «Giacobbo/Müller» über Transmenschen beanstandet

4252, 4253, 4258

Gegen die Sendung „Giacobbo/Müller“ vom 3. April 2016 gingen wegen der Passage über Transmenschen gleich drei Beanstandungen ein: die Ihre (vom 6. April 2016), jene von Frau Y (ebenfalls vom 6. April 2016) und jene von Herrn Z (vom 9. April 2016). Alle drei Beanstandungen erfüllen die formalen Anforderungen. Ich trete daher auf alle ein und behandle sie gemeinsam.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

„Als Dachorganisation transidenter Menschen in der Schweiz ist es Transgender Network Switzerland (GNS) ein dringendes Anliegen, Sie auf massive Verfehlungen in der Sendung Giacobbo/Müller, Late Service Public vom 3.4.2015 hinzuweisen: Die Moderatoren Victor Giacobbo und Mike Müller diskriminierten und verunglimpften Transmenschen in einer Art und Weise, wie sie im öffentlich ‐ rechtlichenFernsehen des SRF beispiellos ist.

Unzählige Transmenschen in der Schweiz, aber auch andere Personen fühlen sich durch die unangebrachten Äusserungen Moderatoren verletzt und sind erschüttert über die Geschmacklosigkeit der Wortwahl. Die Grenze der Satire wurde weit überschritten– und das zu Lasten einer Gemeinschaft von ohnehin benachteiligten Menschen.

Neben der mehrmaligen Verwendung des Begriffs «Transe»; der bekanntermassen als bewusst diskriminierendes Schimpfwort verwendet wird, wurden die in der Beilage zitierten Passagen gesendet.

Wie kann es in einem öffentlich ‐ rechtlichen Fernsehsender eine derart transphobe Diskriminierung und vorsätzliche Verunglimpfung einer Gruppe von Menschen geben,die noch immer um Gleichberechtigung in dieser Gesellschaft kämpfen muss? Äusserungen wie die in der Sendung ausgestrahlten verfestigen und fördern Zerrbilder und Vorurteile gegen über Transmenschen in der Gesellschaft und stehen diametral zu unserer jahrelangen für das Thema.

Die Arbeitslosigkeit von Transpersonen ist mit 20% sechsmal höher als in der übrigen Bevölkerung. Studien zeigen, dass die Suizidalität von Transpersonen bei 40-- ‐ 60 Prozent liegt. Transpersonen haben nach dem Coming-- ‐ out häufig grosse Probleme in der Schule und Ausbildung, im gesellschaftlichen Leben und mit Behörden und Gerichten – es geht um Beleidigung, Diskriminierung, Hass und Gewalt. Alles aber beginnt mit der richtigen oder falschen Sprache. Es ist daher nicht nur unverantwortlich, sondern sogar gefährlich, wenn solche Ausdrücke wie ‚Transe‘ leichtfertig im Fernsehen verbreitetet werden. Wir erinnern an den Fall der britischen Lehrerin Lucy Meadows, die 2013 nach einem despektierlichen Artikel der Daily Mail Suizid begangen hat.

TGNS fordert von Victor Giacobbo und Mike Müller eine Entschuldigung auf ihren verunglimpfenden Beitrag. Wir ersuchen Sie darüber hinaus um ein persönliches Gespräch, denn nicht zum ersten Mal ist die Berichterstattung über Transpersonen im Schweizer Fernsehen unsensibel, transphob und diskriminierend(Gespräch mit der Redaktion von 10 vor 10 im Jahr 2014). Wir fordern die Einhaltung von sprachlichen Mindeststandards, wenn mit und über Transpersonen gesprochen wird.

Darüber hinaus laden wir Victor Giacobbo und Mike Müller am 17. 05. 2016 zum IDAHOT (International Day Against Homophobia and Transphobia) an unseren Stand auf dem Bundesplatz in Bern ein. Wissen und Bildung lehren Anerkennung – genau darum ist uns der persönliche Austausch mit Ihnen wichtig.“

Frau Y begründete ihre Beanstandung mit folgenden Worten:

„Ich möchte hiermit eine Beschwerde über die transphobischen Bemerkungen in der am Sonntag, den 3. April 2016, ausgestrahlten Sendung von Victor Giacobbo und Mike Müller einreichen. Dabei kam es neben der Verwendung von als Hate Speech einzustufenden Begriffen und diffamierenden Äusserungen auch zu vermehrter und wohl bewusster Fehlinformation über Transmenschen.

Anlass zu dem Segment war die Umbenennung der Gruppe SP-Frauen, die fortan von einem Sternchen begleitet SP-Frauen* heissen soll. Vorgeblich geschah diese Änderung, um auch Transfrauen und nonbinäre Menschen einzuschliessen. Der Beitrag beginnt etwa ab Minute 21 der Aufzeichnung. Hier die einzelnen Punkte des Anstosses:

  1. Der Beitrag wurde illustriert durch ein Bild der Kunstfigur Conchita Wurst, die von Sänger und Travestiekünstler Thomas Neuwirth verkörpert wird. Gemäss wiederholten eigenen Angaben, identifiziert sich Herr Neuwirth nicht als trans, sondern bezeichnet die Auftritte als Conchita dezidiert als Travestie. Durch die Engführung von Transidentität und Travestie entsteht der falsche Eindruck, Transmenschen spielten lediglich eine temporäre Rolle, die sie nach Bedarf ablegen können und wären mit Travestiekünstlern gleichzusetzen. Übernommen wurde das Bild aus der Berichterstattung der Zeitung 20min, allerdings ohne den falschen Eindruck zu korrigieren. Zudem wird die von trans Aktivistin Mia Willener (Transgender Network Schweiz) geäusserte Kritik an der Namensänderung, die im Artikel von 20Minuten klar ausgedrückt wird, in keinster Weise erwähnt.
  2. Die Idee von Herrn Giacobbo, es müsse fortan „das SP“ heissen, damit sich alle angesprochen fühlen, ist ebenfalls herablassend und unpassend. Viel zu oft wurden und werden Transmenschen als ‚das‘ nicht menschlich, ‚weder noch‘ oder ähnliches bezeichnet, als dass eine solche Verdinglichung harmlos gemeint sein könnte.
  3. Der Kommentar von Herrn Giacobbo, die SP müsse ihr Logo von ‚ja‘ zu ‚jein‘ ändern, da man ja nicht wisse, ob ‚Transen‘ eindeutig Männer oder Frauen seien, ist beleidigend und irreführend. Zunächst ist es irrelevant, ob ‚man‘ die Genderidentität eines Menschen kennt, da es sich hierbei um eine private Angelegenheit handelt. Ausserdem ist es den allermeisten Transmenschen sehr wohl klar, wie sie sich identifizieren, weshalb sie grade das Label ‚trans‘ wählen. Die Ablehnung einer Identifizierung als Mann oder Frau (ob trans oder cis) ist eher mit Begriffen wie ‚non-binär‘, ‚nicht-binär‘ oder ‚gender-queer‘ zu bezeichnen. Dass etwa Transfrauen Frauen und Transmänner Männer sind und sich auch so bezeichnen, wird hier vom Tisch gewischt und unterschlagen und als Unentschlossenheit diffamiert.
  4. Die Spekulation von Herrn Giacobbo darüber, was unter diesen Umständen ‚bei einem Parteitag so abgehe‘, ist ebenfalls diffamierend, da sie impliziert, dass mit der Anerkennung von Transidentitäten eine Form von Sittenverfall oder Dekadenz einhergeht. Zudem impliziert er wiederholt, es ginge um sexuelle Orientierung, was schlicht nicht der Fall ist.
  5. In seinem Kommentar über den ‚einfachen SP-Arbeiter‘ von früher implizierte Herr Müller zunächst, Transmenschen seien ein neues, mitunter frivoles Phänomen und mockiert sich über diese neumodischen Probleme. Dies ist als historische Behauptung grundsätzlich abzulehnen. Zudem impliziert dies, Transmenschen wären keine ‚einfachen Arbeiter‘. Hier wäre es zumindest nötig gewesen, auf die Diskriminierung von Transmenschen hinzuweisen, die in der astronomischen Arbeitslosenquote von um die 20% resultiert.
  6. Die Verwendung des Begriffes ‚SP-Transe‘ ist abscheulich und unhaltbar für einen öffentlichen Fernsehsender. Zunächst ist trans ein Adjektiv, kein Nomen, und mittlerweile dürfte absolut jedem bewusst sein, dass es sich bei ‚Transe‘ um ein Schimpfwort ranggleich mit Ausdrücken wie „Schwuchtel“ handelt, weshalb es mir unbegreiflich ist, dass so etwas kommentarlos gesendet werden durfte.
  7. Unhaltbar ist zudem der ebenfalls von Herrn Müller formulierte Gedanke, die ‚SP-Transe‘, aka Transfrauen, müsste sich überlegen, ob sie bereits ‚operiert genug‘ seien, um zum Urinieren zu sitzen.
    1. Der Status der Transfrau hat nichts mit dem Aussehen ihrer Genitalien zu tun.
    2. Auch cis Männer sind sehr wohl in der Lage, im Sitzen zu urinieren und tun dies häufig.
    3. Operationen, ob im Intimbereich oder anderswo, sind nicht zwingend mit der Transidentität verbunden, sondern eine persönliche Entscheidung.
    4. Die häufig qualvolle Körperdisphorie, die mit einer Transidentität einhergehen und mitunter durch operative Eingriffe gelindert werden kann, ist kein Anlass für Scherze. Die unvorstellbar hohe Suizidrate von 40-60% unter Transmenschen, gerade Jugendlichen, sollte das wohl mehr als deutlich machen.

Es kann unmöglich behauptet werden, es handle sich bei diesem Beitrag um Satire. Zunächst ist es unverantwortlich, ein Thema, über das die allgemeine Bevölkerung bisher ungenügend aufgeklärt ist, mit so viel Missinformation in Verbindung zu bringen. Zweitens richtet sich Satire stets gegen die vorherrschenden Zustände und kritisiert die Mächtigen. Dies ist hier eindeutig nicht der Fall. Nicht nur, dass alte Vorurteile und mehr als negativ besetztes und veraltetes Vokabular verwendet wird, es wird auch noch eine benachteiligte Randgruppe ohne Chance auf Gegenwehr aufs Korn genommen und öffentlich entmenschlicht.

Eine der grössten Sendung des öffentlichen Schweizer Fernsehens hat sich hier in Ton-, Wort- und Themenwahl völlig vergriffen und sich durch Gehässigkeit gegenüber benachteiligten und schutzbedürftigen Menschen zu profilieren versucht.

Ich erwarte daher eine Entschuldigung an die Betroffenen und eine Rüge der Verantwortlichen durch den Ombudsmann.“

Herr Z schliesslich begründete seine Beanstandung so:

„In der Sendung ‚Giacobbo/Müller‘ vom 3. April wurde auf verletzende Weise die Namensänderung der SP-Frauen* thematisiert:

  • Transfrauen wurden als ‚SP-Transen‘ bezeichnet.
  • Die Formulierung ‚das SP-Frauen*‘ wirkt entmenschlichend.
  • Durch den Klo-Witz wird impliziert, dass Transmenschen einer Geschlechtsoperation bedürfen.
  • Ebenfalls impliziert wird, dass die Inklusion von Transfrauen zu nicht weiter ausgeführten Eskapaden am Parteitag führt.
  • Auch die Darstellung von Conchita Wurst, die keine Transfrau, sondern eine Kunstfigur eines Travestiekünstlers ist, war unglücklich gewählt.

Satire nutzt gängige Stereotypen, oftmals auf Kosten bestimmter Gesellschaftsgruppen. Dass dies auf Kosten einer nach wie vor diskriminierten und gesellschaftlich geächteten Minderheit geht, die stark unter den in der Sendung gezeichneten Stereotypen leidet, ist jedoch unnötig und gefährlich. Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die sich mit ihrer Geschlechtsidentität auseinandersetzen müssen, kann die undifferenzierte Darstellung solcher Stereotypen schwerwiegende Folgen haben. Ich erwarte daher von ‚Giacobbo/Müller‘ und vom SRF als staatlich finanzierten Sender einen geschickteren Umgang mit solch heiklen Themen. Hinsichtlich der beanstandeten Sendung erwarte ich eine Entschuldigung durch ‚Giacobbo/Müller‘ und die Programmverantwortlichen.“

B. Wie üblich, wurden die Verantwortlichen im Fernsehen zur Stellungnahme eingeladen. Herr Rolf Tschäppät, Bereichsleiter Comedy und Quiz, äußerte sich wie folgt:

„ Gerne nehme ich zu den Beanstandungen von X, Transgender Network Switzerland, Y, Zürich und Z, Bern, Stellung.

Bei der Sendung ‚Giacobbo/Müller‘ handelt es sich um eine Satiresendung. Inhalt sind die aktuellen Themen der Woche, welche Viktor Giacobbo und Mike Müller verbal, mit Bildern oder Einspielfilmen sowie mit ihren Gästen satirisch behandeln. Dies ist auch in der Sendung vom 3. April 2016 geschehen.

Ausgangspunkt der von den Beschwerdeführern kritisierten Passagen war die neue Bezeichnung der SP-Frauen*, die in der betreffenden Woche für Schlagzeilen gesorgt hatte.

Viktor Giacobbo und Mike Müller thematisierten diese Neubenennung der SP-Frauen und landeten bei ihrem kurzen satirischen Diskurs auch bei der Transidentität und spekulierten über denk- und undenkbare Formen von Bezeichnungen, Anlässen und Begebenheiten in diesem Umfeld.

Es gehört zu den Privilegien der Satire, dass ein solches Thema aufgegriffen wird und durch Übertreibungen, Verfremdungen, Banalisierungen oder Verknüpfungen ad absurdum geführt wird.

Der eingeblendete Zeitungsartikel mit dem Bild von Conchita Wurst wurde aufgrund der Schlagzeile SP Frauen nennen sich jetzt ‚SP Frauen*‘ gewählt und nicht aufgrund der Travestie-Figur Conchita Wurst. Diese wurde auch nicht namentlich erwähnt.

Die Wortkreation das SP anstatt die SP sollte lediglich die sprachliche Schwierigkeit im Deutschen aufzeigen. Es ist eine Eigenheit der deutschen Sprache, dass Sexus und Genus nicht dasselbe sind. In eine ähnliche Richtung zielte die Wortspielerei Jein. Sie zeigt die Möglichkeit verschiedener Antworten, so wie es auch verschiedene Geschlechteridentitäten gibt.

Transgender hat nicht zwingend mit operativen Eingriffen an Geschlechtsteilen zu tun, aber es gibt Transmenschen, die sich operativ behandeln lassen. Insofern ist ein Zusammenhang gegeben.

Die Verknüpfung mit dem Vorfall in Therwil BL, wo zwei muslimische Jugendliche den Händedruck mit ihrer Lehrerin verweigerten, zeigte schlussendlich noch eine weitere, wenn auch absurde, Sichtweise auf diese Diskussion auf.

Entscheidend ist, worauf die Satire zielt. Im vorliegenden Fall war es nicht die Transidentität, sondern eine Gruppe einer politischen Partei, die mit ihrer Neubenennung Aufmerksamkeit generiert und eine Gender-Diskussion ausgelöst hatte. Dieser Fokus hat sich offenbar leider nicht für alle gleich gut erschlossen.

Ich habe Verständnis dafür, dass die in der Sendung gewählte Wortwahl bei einigen Zuschauern zu Irritationen geführt hat. Viktor Giacobbo und Mike Müller sind dafür bekannt, dass Sie bei allen Themen die Dinge beim Namen nennen. Das schätzen viele Zuschauer, während es andere stört. Der Ausdruck Transen fiel, weil Begriffe wie Transidentität oder Transperson (noch) nicht allgemein geläufig sind. Er wurde nicht gewählt, um Transmenschen zu diffamieren.

Auch wenn nicht alle Menschen die gleichen Wertvorstellungen haben und Begrifflichkeiten unterschiedlich interpretiert werden, bin ich der Meinung, dass zukünftig auch in der Satire bei diesem Thema die richtigen Bezeichnungen verwendet werden sollten.

Dass die Wortwahl bei den Beschwerdeführern als Verunglimpfung und Diskriminierung verstanden wurde, bedaure ich sehr, weil das nicht unsere Absicht war.“

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Einschätzung. Viktor Giacobbo und Mike Müller sind hochbegabte Künstler. Sie zeigen Mal für Mal, was für originelle Einfälle sie haben und wie gekonnt sie verschiedene Figuren zu spielen imstande sind. Ihre Sendung „Giacobbo/Müller“ ist eine Satiresendung. Damit ist eine Anforderung an die Satire, die unabdingbar ist, zum vorneherein erfüllt: Satire in den Medien muss als solche erkennbar sein.

Was ist Satire? Satire ist die scharfe, sarkastische, bissige, witzige Übertreibung und Überspitzung der Wirklichkeit, die Sachverhalte und menschliches Handeln zur Kenntlichkeit entstellt. Der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky schrieb 1919, Satire dürfe alles. Auch der Komiker Oliver Polak sagt heute: „Man kann Witze über alles machen.“[1] Dieser Meinung bin ich nicht. Der Spielraum der Satire ist zwar weit, aber es sind ihr auch Grenzen gesetzt. So ist es beispielsweise allzu billig, wenn sich Humoristen und Witzbolde über menschliche Eigenschaften wie Kleinwüchsigkeit oder Dickleibigkeit oder über die Hautfarbe lustig machen. Die Satire kann nicht scharf genug sein, wenn deplatziertes menschliches Handeln zur Debatte steht, sie kann nicht bissig genug sein, wenn Fehlleistungen oder Größenwahn-Entwicklungen von Politikern oder Wirtschaftsbossen aufs Korn genommen werden, aber sie sollte über angeborene menschliche Merkmale nicht spotten. Die Satire stützt sich auf die Kunstfreiheit und auf die Meinungsäusserungsfreiheit, und wenn sie über Medien vermittelt wird, auch auf die Medienfreiheit. Aber diese Freiheiten stehen nicht absolut. Sie müssen abgewogen werden gegenüber anderen Grundrechten wie: Recht auf Menschenwürde, Religionsfreiheit, Diskriminierungsverbot.

Mir geht zwar die übertriebene political correctness auch auf die Nerven, und gerade Satiriker sollten sich just auch über solche Sprachregelungen lustig machen können, aber es gibt ein paar Heiligtümer, die die Satiriker nicht betreten sollten: Jenes der religiösen Gefühle und jenes von benachteiligten Minderheiten. Wenn der Kerngehalt einer Religion berührt wird und wenn ethnische, nationale, sprachliche und gesellschaftliche Minderheiten herabgesetzt werden, kann Satire heikel werden.

Dabei kommt es immer auf den Kontext an. Wenn Juden Witze über Juden machen, ist es etwas anderes, als wenn das Nichtjuden tun. Wenn sich Kleinwüchsige über Kleinwüchsige lustig machen, wird das eher toleriert als wenn der Spott von außen kommt. So ist es auch mit Transmenschen. In der Satiresendung „Giacobbo/Müller“ galt der Spott in erster Linie den „SP-Frauen“, die sich in ihrem Namen ein Sternchen zulegten (SP-Frauen*), um ihre Offenheit für Transfrauen zu dokumentieren. Aber die Witze, die eigentlich gegen die politische Organisation „SP-Frauen“ gerichtet waren, gingen in Wirklichkeit auf Kosten der Transmenschen. Die drei Beanstandungen, deren Verfasser und Verfasserinnen sich durch präzise Sachkenntnis auszeichnen, machen deutlich, wie kränkend Begriffe wie „Transe“ wirken. Dabei waren nicht konkrete Personen im Visier, die sich etwas zu Schulden haben kommen lassen, sondern lächerlich gemacht wurden Transmenschen an und für sich, also die ganze Gruppe.

Ich habe mich über die abgewogene Stellungnahme von Herrn Rolf Tschäppät, dem Bereichsleiter Comedy und Quiz von SRF, sehr gefreut. Er betont den großen Spielraum der Satire, aber er sagt auch, dass zukünftig die richtigen Bezeichnungen gewählt werden sollten, wenn von Transmenschen die Rede ist. Und er spricht sein Bedauern dafür aus, dass die Wortwahl von den Betroffenen als Verunglimpfung und Diskriminierung empfunden worden war. Das ist ein wichtiges Statement. Und wenn ich alles abwäge, so komme ich eher zum Schluss, dass das Diskriminierungsverbot geritzt und Artikel 4 Absatz 1 des Radio- und Fernsehgesetzes verletzt wurde.

Gerne moderiere ich eine Aussprache zwischen den drei Beanstandern und den Verantwortlichen des Bereichs Comedy und Quiz von Schweizer Radio und Fernsehen, bei der es vor allem darum geht, über den Umgang mit Transmenschen in der Zukunft zu reden. Ich werde mit Terminvorschlägen auf die Beteiligten zukommen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] „Der Spiegel“ Nr. 16, 16.4.2016, S. 18.

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