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«Info3» auf Radio SRF 3 über Beznau I beanstandet

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Mit Ihrer e-Mail vom 3. Mai 2016 beanstandeten Sie den Beitrag über Beznau 1 in der Nachrichtensendung Info 3 vom 3. Mai 2016, mittags, von Radio SRF. Ihre Eingabe erfüllt alle Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher auf sie eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

„Die SRF3-Sendung info3 schätze ich sehr. Dies, weil sie knackig und meist sachlich auf die drei wichtigsten Themen des Vor- bzw. Nachmittags eingeht. Leider war der Beitrag zu Beznau I in der heute Mittag ausgestrahlten Sendung ein wenig unsachlich. So war wiederholt (und auch auf der Website zur Sendung) und ausschliesslich vom ‚AKW‘/ ‚Atomkraftwerk‘ die Rede. Als Träger wollener Unterhosen ist mir besagtes Kraftwerk natürlich ebenfalls ein Dorn im Auge. Dennoch bin ich der Meinung, dass ein bisschen neutraler vom KKW / Kernkraftwerk Beznau hätte berichtet werden können. Dies mit dem Ziel, eine möglichst sachliche und pragmatische Diskussion zum Thema anzuregen. So hoffe ich, dass das SRF in Zukunft seine Rolle als grösster Spieler der vierten Gewalt der besten Demokratie der Welt verantwortungsvoller wahrnimmt.“

B. Die zuständige Redaktion wurde eingeladen, zu Ihrer Beanstandung Stellung zu nehmen. Herr Peter Bertschi, stellvertretender Chefredaktor von Radio SRF, schrieb:

„Wir halten uns an den Duden, wonach beide Begriffe - Atomkraftwerk und Kernkraftwerk – gleichbedeutend verwendet werden. Das zeigt sich auch bei den Abkürzungen AKW und KKW und bei einem Vergleich mit anderen Medien. Entsprechend gebrauchen wir auch beide Begriffe. In diesem Beitrag haben wir den Begriff AKW verwendet.“

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Beurteilung der Sache. Zunächst möchte ich mich entschuldigen, dass Sie meinen Schlussbericht verspätet erhalten. Ihre Beanstandung ist ohne böse Absicht liegengeblieben. Zugleich möchte ich Sie beglückwünschen, dass Sie auf exakte Begriffe achten. Weder unsere Sprache noch der Journalismus sollten verludern, und wenn Sie da Hinweise geben, ist das nur zu begrüßen.

Aber Herr Bertschi hat natürlich Recht: Es werden beide Begriffe verwendet und beide sind akzeptiert. Dabei benützt im politischen Diskurs die Linke die Begriffe „Atomenergie“ und „Atomkraftwerk“, die Rechte die Begriffe „Kernenergie“ und „Kernkraftwerk“. Die Betreiber reden in der Schweiz von Kernkraftwerken: Kernkraftwerk Gösgen[1], Kernkraftwerke Beznau 1 und Beznau 2[2], Kernkraftwerk Leibstadt[3], Kernkraftwerk Mühleberg[4], aber selbst die Atomlobby ist nicht konsequent: Swissnuclear benutzt auf seiner Website auch die Abkürzung AKW[5]. Die Kritiker der Atomenergie hingegen brauchten fast immer den Begriff „Atom“, wie die neun (teilweise im Sammelstadium gescheiterten) Volksinitiativen zeigen: Die Volksinitiative „zur Wahrung der Volksrechte und der Sicherheit beim Bau und Betrieb von Atomanlagen“ (1976)[6], jene „für den Stopp des Atomenergieprogramms“ (1981)[7], die „für eine Zukunft ohne weitere Atomkraftwerke“ (1982)[8], die Initiative „Stopp dem Atomkraftwerkbau (Moratorium)“ (1987)[9], jene „für den Ausstieg aus der Atomenergie“ (1987)[10], die „für die Verlängerung des Atomkraftwerk-Baustopps und die Begrenzung des Atomrisikos (MoratoriumPlus)“ (1999)[11], jene „für eine Energiewende und die schrittweise Stilllegung der Atomkraftwerke (Strom ohne Atom)“ (1999)[12], jene „für den geordneten Ausstieg aus der Atomenergie“ (2013)[13] und (als einzige Ausnahme) die Initiative „Kernkraftwerke sind abzuschalten“ (2013)[14].

Der Bund wiederum verwendet in seiner Gesetzgebung die gleichen Begriffe wie die Betreiber und redet von „Kernanlagen“, „Kernkraftwerken“, aber in internationalen Abkommen tauchen auch die anderen Begriffe auf. So gibt es die „Internationale Atomenergie-Agentur (International Atomic Energy Agency, IAEA) in Wien[15], und es existiert die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom) zur Entwicklung der Kernenergie, die auf einem Vertrag von 1957 beruht.[16] Ferner gibt es den Atomsperrvertrag von 1968, der offiziell „Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen“ heißt.[17] Umgekehrt sind in der Umgangssprache und erst recht im Schweizer Dialekt die Begriffe mit „Atom“ gebräuchlich. Niemand redet von der „Chärnbombe“ oder vom „Chärnchrieg“, und so sagt man auch „Atomchraftwärk“.

Es ist daher richtig, wenn Radio und Fernsehen der SRG mit den Begriffen abwechseln, aber ich würde den Redaktionen empfehlen, immer dann, wenn von einem konkreten Kraftwerk die Rede ist, von „Kernkraftwerk“ zu sprechen, weil sich die Anlagen ja auch so nennen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] www.kkg.ch

[2] www.axpo.com/axpo/ch/de/about-us/production-facilities/nuclear-energy.html

[3] www.kkl.ch

[4] www.bkw.ch/ueber-bkw/unsere-infrastruktur/kernkraftwerk-muehleberg/

[5] Zum Beispiel: www.kernenergie.ch/de/akw-goesgen.html

[6] https://www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis125.html

[7] https://www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis146.html

[8] https://www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis147.html

[9] https://www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis183.html

[10] https://www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis191.html

[11] https://www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis282.html

[12] https://www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis283.html

[13] https://www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis407.html

[14] https://www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis411.html

[15] https://www.iaea.org/

[16] https://beck-online.beck.de/?vpath=bibdata%2fges%2feuratom%2fcont%2feuratom.htm

[17] https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19680142/index.html

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