Nemo, der Wortkrieger aus Biel
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Nemo, der Wortkrieger aus Biel

Er stand auf der Bühne der SRF-Show «Die grössten Schweizer Talente», vor einem halben Jahr rappte der junge Bieler bei der grössten Rap- und Hiphop-Show der Schweizer Radiogeschichte die Szene aus den Socken. Und weitere Bühnen warten: Nemo ist angekommen.

Zuerst kam ein Mail von Pablo. Komm zu uns ans «Bounce Cypher», schrieb der ­Radio SRF Virus-Moderator. Nemo Mettler musste nicht lange überlegen. Bald machte sich jedoch Anspannung breit. Als 16-Jähriger am legendären und grössten Rap-Event der Schweiz teilnehmen, sich mit den besten Rappern der Schweiz messen, das ist eine neue Stufe. Manche der Teilnehmenden schreiben ihre Texte am Vorabend, Nemo begann schon Wochen davor. «Homie, du chasch mi nid ufhalte, so wieni flowe hautet mi nimau mi Schnuuf, Aute.» schrieb er. «Du findsch mi Style uf Pinterest, i mache dini Plattetoufi zum ne Chinderfest.»

Dann war er bereit. Mit Zug und Tram von Biel nach Zürich, in den lieblosen Betonklotz eintreten, aus welchem SRF Virus sendet, warten. Sechs Stunden dauert «Bounce Cypher». Nemo ist im letzten Block dran, zusammen mit anderen Bernern. Hinter der Glasscheibe ist das Studio erkennbar. Grössen wie ­Knackeboul und Leduc schmettern gerade ihre Texte ins Mikrofon.

Ein halbes Jahr später treffen wir den Bieler in seiner Heimatstadt. Ein Hauch Berlin weht noch um seine Locken. Erst vor wenigen Tagen ist er aus der deutschen Hauptstadt zurückgekehrt. Ferien sollten es werden, Zeit für Texte, Zeit für Inspiration. Am Ende landete er trotzdem wieder in einem Studio. Nemo spricht ruhig, den Rap-Modus hat er ausgeschaltet. Seine Worte kommen überlegt, freundlich, er strahlt jugendliches Selbstvertrauen aus. Die Zahnspange glitzert, als er von seinen ersten Rap-Versuchen erzählt.

20160712-BILD-LINK416-Nemo-Quote.pngGanz viel Talent - und Humor. Nemo, hier in der Capoule seiner Heimatstadt Biel, nimmt sich gerne selbst auf die Schippe.

«Als ich 13 Jahre alt war, ­waren Battlerap-Turniere aus Deutschland gerade ziemlich in der Mode.» Mit ­Videos duellieren sich Rapper bis aufs Blut – zumindest mit Worten. Ein lyrischer ­Boxkampf, dessen Verlierer ausscheidet. «Ich dachte mir, ich probiere das mal aus.» Zuerst musste seine Familie dranglauben. Durch die Wände drangen Zeilen wie «Ha meh Flow-Variatione aus ds Alpamare, lug du chasch abfahre, wöu i cha Karate.»

Oft nimmt er sich dabei selbst auf die Schippe, spielt immer wieder auf sein Alter an. «I chum mitem Mic ine, crash dini ­Party, doch mues vorem zähni dehei si, süsch stresst z Mami.» Bis ins Halbfinale rappte er sich an einem Schweizer Turnier. «Es ist dieser spezielle Humor, der mich am Anfang reizte», sagt er, «aber auch der Rhythmus, etwas ohne Melodie schaffen, das sich trotzdem angenehm anhört.»

Dabei ist die Melodie nicht sein Gegner. Mit drei Jahren klemmte er sich das erste Mal eine Geige zwischen Schulter und Kinn. Später kamen Klavier und Schlagzeug dazu; Nemo sang lange in einem Chor. Seit einem halben Jahr nimmt er ­Gesangsunterricht in Jazz. Das zeigt sich auch in seinen Tracks, immer öfters singt er jetzt auch. Doch wann wusste er selbst, dass er rappen konnte? «Das war kein ­spezifischer Moment, das kam irgendwie.» Irgendwie meldete er sich dann auch für die SRF-Sause «Die grössten Schweizer ­Talente» an und bewies es der ganzen Schweiz. Christa Rigozzi, Sven Epiney und Gilbert Gress riss er von ihren Jurystühlen, DJ Bobo stand schon vorher auf.

«Record that shit»

Es ist 20:20 Uhr, «Bounce Cypher» geht bald zu Ende. Die Berner Fraktion ist dran. Er hört den anderen Rappern zu, bis er selbst zum Mikrofon schreiten darf. Millionen von Worten haben heute diesen Raum gefüllt und den letzten Rest Sauerstoff verdrängt. Unter der Kappe ist es heiss. Nur nicht verhaspeln, denkt er sich. Er geht auf Nummer sicher, klaubt sein Handy mit dem Text hervor, hält es vor sich. Dann geht’s los. Das ist keine Samstagabend-Show für die ganze Familie, hier stehen die Besten der Besten. «Homie, i bruch ke ­Money, i won deheim und läb irgendwie gratis» rappt er, klar, präzise, aggressiv. «Füre und füre Mann, i briche düre. Gloub mer, hie louft aues drunder und drüber. Ja du gsesch mi baud uf verschidene Bühne.»

20160630 BILD LINK416 NemoCypher.jpg«Füre und füre Mann, i briche düre. Gloub mer, hie louft aues drunder und drüber. Ja du gsesch mi baud uf verschidene Bühne.» - Nemo Mettler, «Bounce Cypher 2016»

Der letzte Sauerstoff ist verbraucht, alle sind baff. Der Moderator haut auf den ­Buzzer, «Record that shit!» donnert durchs Studio. Damit gehört Nemo zu den ­Auserwählten, die ihren Track aufnehmen können. Und er hört nicht auf, fragt, ob er noch den zweiten Track rappen kann. Die Anspannung ist weg, jetzt kann ichs ­geniessen, denkt er.

Pfannen gegen Worte

Seit seinem Auftritt am «Bounce Cypher» hat sich vieles verändert, sagt er. Eine ­intensive Zusammenarbeit begann mit ­Bakara, einem Label welches unter anderem James Gruntz und SRF 3-Best-Talent-Gewinner Lo & Leduc und Steff la Cheffe vertreten. Die zweite EP – ein Kurzalbum – ist in der Pipeline. Drei bis vier Auftritte bestreitet er pro Monat. Am Royal Arena Festival, einem der bedeutendsten ­Hiphop-Festivals der Schweiz, wird er ­auftreten. Ebenso am Gurtenfestival.

Doch wie geht’s weiter mit dem Wunderkind des Schweizer Raps? Eigentlich sollte er Worte gegen Pfannen eintauschen, kurz vor Lehrbeginn als Koch machte er jedoch einen Rückzieher. «Ich merkte, dass dies nicht mein Weg ist.» Die Arbeitszeiten sind unregelmässig, viel Zeit für die Musik bleibt nicht mehr. Das letzte Jahr hat er ­genutzt, um bei einem Hiphop-Radio in Zug zu arbeiten und Musik zu machen. Nach dem Sommer geht’s los mit der Berufsmittelschule. Drei Jahre lang heisst’s Schulbank drücken, dann studieren. Was, weiss er noch nicht. «Etwas mit Musik wäre spannend.» In Zürich Sound Engineer? Oder auch in Richtung elektronische Musik würde ihn interessieren. Er wollte auch mal Schauspieler ­werden. Oder es kommt auch ganz anders. «Vielleicht möchte ich plötzlich Pilot werden?», sagt er. Dann hängt er seine Musikkarriere an den Nagel und macht sich auf ins nächste Abenteuer.

Text: Simon Huwiler

Bild: Porträts: Sven Schnyder, «Bounce Cypher»: SRF (Screenshot)

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