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Journalismus unter Druck – und was wir dagegen tun

Über Doppelspurigkeiten, «open content» und die Wichtigkeit des «Vor-Ort-Journalismus». Ein Kommentar von Tristan Brenn, Chefredaktor TV SRF.

In der aktuellen Service-Public-Debatte ist «open content» das Wort der Stunde. Die SRG soll privaten Medienunternehmen ihre Eigenproduktionen frei zur Verfügung stellen, um «Marktverzerrungen» aufgrund ihrer dominanten Stellung zu entschärfen. Nun gehen wir mit unseren Inhalten bereits ein Stück weit in diese Richtung. SRF News liefert vorerst in einem Testbetrieb «Blick», der «Handelszeitung» von «Axel Springer» sowie der «Neuen Zürcher Zeitung» täglich «Instant Videos» und ganze Beiträge ins Haus, allerdings mit der Auflage, dass diese Videos nicht verändert werden dürfen und der Absender klar ersichtlich ist.

Die nationalrätliche Kommission stellt sich eine «Frei-Haus»-Lösung jedoch umfassender vor: nicht nur Beiträge, sondern «die im Beitrag verwendeten Einzelsequenzen mit Originalton, jedoch ohne gesprochene Zusatztexte, Begleitmusik und Einblender» sollen für Dritte frei verfügbar sein. Journalismus als Bausetzkasten, mit dem jedes Quote und jede Filmsequenz nach Belieben neu montiert werden kann? Abgesehen von der mangelnden Praktikabilität im Alltag zeigt die Forderung, welch eigenartige Vorstellungen von Journalismus gewisse Politiker hierzulande haben. Dasselbe gilt für die angeblichen «Doppelspurigkeiten», die sich zwischen den SRG-Regionaljournalen und den privaten Radiosendern ergeben und die laut SRG-Kritikern beseitigt gehören. Tatsächlich sind die «Regis» nicht doppelspurig, sondern oft sind sie es erst, die angesichts der fortschreitenden Medienkonzentration für ein Minimum an journalistischer Vielfalt sorgen. Korrespondenten und Regionaljournalisten sind näher am Geschehen, kennen ihre Quellen, können besser differenzieren: Alles Grundlagen für die journalistische Qualität, die zunehmend verloren zu gehen droht. Dass der Vor-Ort-Journalismus in der Schweiz unter Druck ist, zeigte auf drastische Weise der Entscheid der «Neuen Zürcher Zeitung» vom vergangenen November, ihr inländisches Korrespondentennetz abzubauen und ihre Journalisten in Basel, St. Gallen und Luzern zurück in die Zentralredaktion nach Zürich zu beordern. Das war ein Schock für viele Medienbeobachter.

Angesichts dieser Situation versuchen wir erst recht, in den Regionen noch mehr Schlagkraft zu entwickeln. Unsere TV-Inlandkorrespondenten sollen in Zukunft eng mit den Regionalredaktionen des Radios zusammenarbeiten, damit wir gegenseitig von unseren Kompetenzen profitieren können. Ein Pilotversuch wird am 1. Mai in der Regionalredaktion «Aargau Solothurn» starten und dauert bis Ende des Jahres. Dann entscheiden wir, ob das Modell auch für andere Regionen etwas taugt. Meine Prognose: es wird etwas taugen. Denn gemeinsam ist man immer stärker.

Keine «Doppelspurigkeiten» ortet der Nationalrat bei der Auslandberichterstattung. Wie sollte er auch? Tatsache ist, dass sich SRF als eines der wenigen Medienhäuser überhaupt noch Korrespondentinnen und Korrespondenten im Ausland leistet. Leisten kann, muss man fairerweise sagen. Bei einem kürzlichen Besuch in Brüssel erzählte uns unser Mann vor Ort, Sebastian Ramspeck, dass die Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» eben erst ihre Korrespondentenstelle in der EU-Hauptstadt aufgeben musste. Die Korrespondentin der SDA in Brüssel, der wir zufällig begegneten, beklagte, dass der französischsprachige Dienst der SDA in Brüssel ebenfalls eingestellt wurde. Es ist nicht anzunehmen, dass private Schweizer Medien, wenn sie nicht «von der SRG an die Wand gedrückt würden» und «mehr Schnauf hätten», in ausländische Korrespondentenstellen investieren würden. Umso wichtiger ist unser Korrespondentennetz in den wichtigsten Regionen der Welt. Wer die Brüsseler Politik mit ihren komplizierten Mechanismen und divergierenden Interessen verstehen will, kann nicht nur fernab von Bern aus seine Diagnosen stellen, sondern muss auch vor Ort sein, Hintergrundgespräche führen und verschiedenste Quellen anzapfen können.

Text: SRF/Tristan Brenn

Bild: SRF/Oscar Alessio

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