SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Berichterstattung von Radio und Fernsehen SRF über die Verfolgung der Muslime in Myanmar beanstandet

5174
Mit Ihrer E-Mail vom 13. September 2017 beanstandeten Sie die ausführliche Berichterstattung von Radio und Fernsehen SRF über die Verfolgung der muslimischen Minderheit in Myanmar und forderten eine äquivalente Berichterstattung über die Verfolgung von Christen in zahlreichen Ländern. Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

„In SF1 und im Rundfunk SR1 wird seit mehreren Tagen (Stichtag 13.09.2017) eine veritable Kampagne über die Verfolgung muslimischer Menschen (Rohingyas) in Myanmar geritten.

Dabei ist längst bekannt und erwiesen, dass weltweit vor allem Christen unter Verfolgung wegen ihrer Glaubenszugehörigkeit zu leiden haben.

Um dem Vorwurf bezüglich einseitiger oder gar tendenziöser Berichterstattung zu entgegnen, wäre es dringend angezeigt, dass die SRG sowohl in SF1 als auch beim Radio SR1 in absehbarer Zeit auch die Situation verfolgter Christen[1] eingehend beleuchten würde, und zwar in mindestens gleichem zeitlichen Umfang und mit äquivalentem redaktionellem Aufwand, wie das zurzeit betreffend muslimischer Glaubensangehöriger im Myanmar geschieht.“

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Herr Martin Durrer, Redaktionsleiter Ausland von Radio SRF, äußerte sich wie folgt:

„Wir haben die Beanstandung (Fall Nr. 5174) über unsere Berichterstattung über die Rohingya-Flüchtlinge erhalten und danken Ihnen für die Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen.

1 Kampagnenjournalismus

Herr Werner Bangerter schreibt dazu im ersten Teil seiner Beanstandung: <In SF1 und im Rundfunk SR1 wird seit mehreren Tagen (Stichtag 13.09.2017) eine veritable Kampagne über die Verfolgung muslimischer Menschen (Rohingya) in Myanmar geritten.>

Der Vorwurf des ‚Kampagnenjournalismus‘ ist schwerwiegend. Umso mehr erstaunt es, dass Herr Bangerter ihn nicht weiter konkretisiert und nicht einen einzigen Hinweis gibt, worin er Merkmale einer Kampagne sieht. Er leitet seinen Befund allein aus der Intensität der Berichterstattung her. Das reicht nicht. Medienberichte (nicht nur unsere) häufen sich, wenn ein Ereignis sehr relevant und länger andauernd ist, sich also entwickelt: Eine Krise verschärft sich, nach einem Terroranschlag werden Details rund um die Täter bekannt, die Fahndung weitet sich aus, politische Forderungen werden laut, etc. Das alles rechtfertigt noch nicht den Begriff Kampagne. Eine Stellungnahme, ohne konkrete Anhaltspunkte in der Beanstandung, muss also beim Begriff beginnen.

Eine Kampagne hat ein konkretes Ziel, sie verfolgt klar definierbare Interessen. Sie tut das, indem sie ein Thema (eine Person, eine Gruppe, ein Produkt etc.) in den Mittelpunkt stellt und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit dafür sensibilisiert. Sie kann weitergehen und zu emotionalisieren versuchen: Sympathien oder Antipathien wecken und schüren.

Wenn das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und die Weltgesundheitsorganisation der UNO (WHO) vor der Vogelgrippe warnen, lancieren sie eine Informationskampagne. Die Medien begleiten diese, dürfen aber nicht Teil der Kampagne werden, sondern müssen weiterhin kritische Fragen stellen zu Informationen und Massnahmen, zur Effizienz der Behörden etc.

Natürlich gibt es auch Medienkampagnen oder eben: Kampagnenjournalismus. Die hohe Intensität der Berichterstattung ist nur ein Indiz dafür, andere kommen dazu: häufig prominent platzierte Berichte, klar einseitig, zugunsten oder gegen eine Person/Gruppe, etc., nicht debattierend, nicht erklärend. Entscheidend ist für die Kampagne, ein Ziel zu erreichen, eine Stimmung zu beeinflussen.

Diese skizzierten Kriterien sollten reichen, um die Berichterstattung von Radio SRF zu überprüfen.

Schon die ersten Kurzmeldungen zur Verschärfung des ethnischen Konfliktes zeigen ein hohes Mass an Differenzierung. Es gibt keine einseitigen Schuldzuweisungen, es werden Rohingya-Rebellen erwähnt, es wird hingewiesen auf einen historisch-politischen Rahmen (Minderheitenkonflikt) und auf Friedensbemühungen (Kommission Annan):

Nachrichten 25. 8. 2017 09:00

<Bei Ausschreitungen in Myanmar, dem früheren Burma, sind mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen. Unter den Toten sind, laut Angaben der Behörden, fünf Polizisten und sieben Angehörige der muslimischen Minderheit der Rohingya.

Militante Muslime hätten Polizeiposten und einen Armeestützpunkt angegriffen - mit Gewehren und Macheten, teilte die Polizei mit.>

Nachrichten 26. 8. 2017 09:00

<In Myanmar, dem früheren Burma, ist die Zahl der Todesopfer nach den gestrigen Angriffen auf Polizeiwachen und eine Kaserne gestiegen: Mindestens 71 Menschen sind laut Behörden getötet worden.

Die Armee machte Angehörige der muslimischen Minderheit der Rohingya für die Anschläge verantwortlich. Die Untergrundgruppe ARSA bekannte sich denn auch zu den Angriffen.

Die Kämpfe im Konflikt zwischen ethnischen Gruppen in Myanmar begannen mehrere Stunden nachdem eine Kommission unter der Leitung des früheren UNO-Generalsekretärs Kofi Anan ihre Empfehlungen für die Unruhe-Region vorgelegt hatte.

Demnach braucht es rasch Massnahmen zur wirtschaftlichen Entwicklung und sozialer Gerechtigkeit, um die Gewalt zwischen Buddhisten und Muslimen zu überwinden.>

In der weiteren Berichterstattung bleibt auch in den SRF Hintergrundsendungen das Bemühen um Differenzierung spürbar. Es geht darum, einen Konflikt zu erklären und aktuelle Entwicklungen zu schildern. Quellenangaben fehlen nicht. Als Beispiele für die Berichterstattung unter verschiedenen Blickwinkeln können folgende Berichte gelten:

Lokaltermin 1: Bangladesh, 26. August 2017 (Reportage, Echo der Zeit)[2]

Keine Zukunft für Rohingyas in Burma, 5. September 2017 (Echo der Zeit)[3]

Lokaltermin 2: Bangladesh, 28. September 2017 (Reportage, Echo der Zeit)[4]

Gespräch Jasmin Lorch GIGA/Hamburg (Echo, 13. September 2017)[5]

China verurteilt Burma nicht, 19. September 2017 (Gespräch, Echo)[6]

Vorwurf der UNO: ‚ethnische Säuberung‘ (SRF News/SRF 4 News, 11. September 2017)[7]

Nützlich scheint uns auch der Hinweis auf eine Reportage aus Burma in der Sendung ‚International‘, die vor einem Jahr lief und gewissermassen die Tonlage unserer Berichterstattung vorgibt. Südostasien-Korrespondentin Karin Wenger schildert sehr detailliert die komplexen Verhältnisse in Burma. Sie zeigt, wo Veränderungen im Gang sind, aber auch, wo alte Probleme ungelöst bleiben. Sie weist ausserdem auf die Überlagerung verschiedener Problemfelder – ethnische Konflikte, Wirtschaftsinteressen, Opiumproduktion. Auch hier erkennen wir wieder ein differenziertes Vorgehen.[8]

Fazit zum Vorwurf ‚Kampagnenjournalismus‘: SRF weist die Anschuldigung mit Entschiedenheit zurück. Sie entbehrt nachweisbar jeglicher Grundlage.

2 Die Verfolgung/Diskriminierung religiöser Minderheiten – der Fall Rohingya

Werner Bangerter weist darauf hin, dass <längst bekannt und erwiesen [sei], dass weltweit vor allem Christen unter Verfolgung wegen ihrer Glaubenszugehörigkeit zu leiden haben.>

Mit dieser Äusserung entwickelt Herr Bangerter einen Gegensatz, den wir nicht nach-vollziehen können. Er scheint zu insinuieren, dass die Verfolgung (oder Diskriminierung) von Christen wegen ihres statistischen Übergewichts relevanter sei. Seine explizite Forderung, dass deshalb auch über diese Verfolgungen ausführlich zu berichten sei, erscheint als Kompensation einer intensiven Berichterstattung über die Rohingya, die er für übertrieben hält.

Möglicherweise ist Herr Bangerters Betrachtungsweise auch nicht allein statistisch begründet. Er mag denken, wir seien ein mehrheitlich christliches Land, deshalb müssten Berichte über Christenverfolgung bei uns häufiger sein und im Zweifelsfall den Vorrang haben.

Wir sind uns bewusst, dass es religiöse Sensibilitäten gibt und respektieren diese auch. Wir glauben aber, dass dieser Ansatz hier nicht zielführend ist. Auch darum nicht, weil man in ihm letztlich eine im Kern diskriminierende Haltung erkennen könnte. (Herr Bangerter unterstelle ich diese nicht, weil er seinen Vorstoss ja nicht ausführlicher begründet, also keine Anhaltspunkte gibt für eine Interpretation seiner Überlegungen.)

Unser Entscheid, über Verfolgung oder Diskriminierung aus religiösen Gründen zu berichten, hat im einzelnen Fall nicht prioritär mit der Grösse der Religionsgemeinschaft oder statistischen Werten zu tun (Häufigkeit der Fälle). Anlass ist oft ein Ereignis (Anschlag auf Kopten) oder eine dramatische oder alarmierende Entwicklung, die mit schwerem Leid verbunden ist (Vertreibung von Rohingya in Burma, Angriffe auf Jesiden und deren Vertreibung im Nordirak). Wir folgen, mit andern Worten, zuerst oft einer Nachrichtenlogik.

Wo Menschen aus religiösen Gründen diskriminiert oder verfolgt und misshandelt werden, geschieht das, unabhängig von der Religion, in allen Fällen weitgehend mit den gleichen oder ähnlichen Mitteln: Einschränkungen im täglichen Leben, verminderter Zugang zu Bildung, Versammlungsverbot etc., sind Methoden der Diskriminierung. Physische Bedrohung, Gefängnisstrafen, Abbrennen von Häusern oder ganzen Siedlungen, Umsiedlung oder Vertreibung und ähnliches sind Methoden der Verfolgung. Das alles sind schwere Verletzungen von Menschenrechten, die sich nicht nach Religionszugehörigkeit der Opfer unterscheiden. Wenn ein Christ verfolgt wird, wird damit letztlich auch ein Jude oder ein Muslim verfolgt. Weil das Prinzip Diskriminierung/Verfolgung wirkt, das jeden genau gleich treffen kann.

Das heisst: Der Aspekt ‚Religion‘ ist nicht ausschlaggebend für den Entscheid zu berichten, er ist aber selbstverständlich ein Element, das wir erwähnen, wenn es darum geht, einen Konflikt zu erklären. Die buddhistischen Aversionen gegen Muslime sind bekannt, wir bestreiten sie so wenig wie die hinduistischen. Wir suchen nach den Ursachen, den Anfängen der Diskriminierung oder Verfolgung, wir wägen auch ab, wie weit ethnische, politische, soziale, wirtschaftliche Faktoren eine Rolle spielen (sich auch gegenseitig überlagern) in der Auseinandersetzung. Wir weisen also, wo nötig, darauf hin, dass man eine Verfolgung nicht allein (und vielleicht nicht einmal hauptsächlich) als religiös motiviert verstehen kann, wenn es erkennbar andere Elemente gibt, die übersehen oder verschleiert werden. Im Fall Burma/Rohingya gibt es solche Elemente.

Burma ist ein Vielvölkerstaat mit über hundert Ethnien. Ein äusserst komplexes Gebilde also, in dem viele Minderheiten einen schweren Stand haben oder unter militärischer Repression zu leiden hatten und teils noch haben. Die Rohingya sind Staatenlose, die auch ohne physische Gewalt und Vertreibung diskriminiert wurden.

Im Fall der Rohingya steht der Aspekt Verfolgung oder Diskriminierung einer religiösen Minderheit nicht allein im Vordergrund. In der burmesischen Geschichte war die Ethnie immer die wichtige, identitätsstiftende Einheit. Die Rohingya kommen unter Druck, weil sie als bengalische Eindringlinge betrachtet werden und deshalb unerwünscht sind. Sie selbst aber bezeichnen ihre Region als historisches Stammland, in dem sie seit Generationen gelebt hätten. Es gibt verschiedene Medien-berichte, die auch auf wirtschaftliche Interessen hinweisen (Rohstoffe), die Anlass geben können, die Bevölkerung zu verdrängen. Wir sehen also, dass der Konflikt gewichtige andere Aspekte hat und die Affiche ‚religiöse Verfolgung‘ kaum die ganze und vielleicht nicht einmal die zentrale Erklärung für den Konflikt ist.

Erwähnt sei, der Vollständigkeit halber, dass es schon in den 60er Jahren in vernachlässigten und unterdrückten Gebieten Burmas erste Rebellengruppen gab. Die Repression durch die Militärdiktatur verschärfte die Spannungen. Aktionen solcher Gruppierungen (wie in jüngster Zeit an der Westgrenze) provozierten eine Reaktion der Sicherheitskräfte (Einschätzung der ‚International Crisis Group‘) und lieferten den Vorwand für massive Gegenschläge, von denen oft Zivilisten am härtesten betroffen waren. Viele Flüchtlinge machten sich auf den Weg, weil sie zwischen die Fronten geraten waren oder Opfer von Racheschlägen der Armee wurden. Wir beschränken uns auf den blossen Hinweis auf diese regionalen Gewaltkonflikte, die mitberücksichtigt werden müssen bei der Beurteilung der Verhältnisse in Burma.

Unsere Ausführungen sollten verständlich machen, wie wir religiös motivierte Diskriminierung/Verfolgung im Einzelfall analysieren und weshalb wir der Vertreibung der Rohingya breiteren Raum einräumen, nicht erst, seit es zu den massiven Flüchtlingsbewegungen gekommen ist. Wir setzen den Hauptakzent dabei aber nicht auf dem religiösen Aspekt. Wo es um die Aufnahme der Flüchtlinge geht, um Reportagen aus den Camps in Indien und Bangladesh, steht ohnehin der humanitäre Aspekt im Vordergrund. Das alles legt auch nahe, dass ein rein quantitatives Aufrechnen der Fälle von Diskriminierung und Verfolgung nicht möglich ist und nicht sinnvoll wäre.

3 Christenverfolgung

Selbstverständlich greifen wir religiös motivierte Diskriminierung/Verfolgung auch mit Hintergrundberichten zu laufenden Entwicklungen auf (ohne grosse Schlagzeilen, wie es sie nach einem Terroranschlag gibt). Hier verlassen wir die strikte Nachrichtenlogik. Im Fachjargon reden wir von ‚latent aktuellen‘ Themen.

So hatten wir am 11. Februar 2017 eine Ausgabe der Sendung ‚International‘, die sich mit der Christenverfolgung im Irak beschäftigte.[9] Von Christen ist auch dann die Rede, wenn, wie im Tagesgespräch vom 21. Juni 2017 über die Zukunft der Stadt Mosul gesprochen wird, aber natürlich im grösseren Kontext und nicht als einzigem Fokus der Sendung.[10]

Die Situation verfolgter oder bedrängter Christen ist also in den Infoprogrammen Thema. Die Fachredaktion Religion greift diese Problematik regelmässig auf. Die Kopten sind Thema, assyrische Christ/innen in der Türkei; die Situation des Patriarchen von Konstantinopel war mehrfach Thema. Auch der Brandanschlag jüdischer Teenager auf das Tabghakloster der deutschen Benediktiner war im Programm.[11]

Herr Bangerter äussert ausdrücklich die Aufforderung, einen Ausgleich zur Rohingya-Berichterstattung zu schaffen und entsprechend intensiv und mit vergleichbarem Aufwand über Christenverfolgungen zu reden. Wir haben bereits erklärt, weshalb wir die Rohingya-Krise nicht primär unter dem Aspekt der Religionszugehörigkeit analysieren. Selbst wenn wir das aber täten, halten wir derartige Aufrechnungen für sehr problematisch und letztlich nicht praktikabel. Auch das geht weitgehend aus den bereits ausgeführten Überlegungen hervor.

Ein Vergleich mag hier hilfreich sein: Als vorletztes Jahr Hunderttausende von Migranten/Flüchtlingen nach Europa kamen (auf der Balkanroute und übers Mittelmeer), war unsere Berichterstattung sehr intensiv. Niemand hätte uns gesagt, es sei bekannt, dass der weit überwiegende Teil der Flüchtlinge oder Vertriebenen weltweit innerhalb ihres Landes bleiben und nie eine Grenze überschreiten, man müsse jetzt genauso intensiv auch über sie berichten. Richtig bleibt aber die Aufforderung, diese Migration, die weniger ‚telegen‘ ist, nie aus dem Auge zu verlieren und auch ihr die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.

Zum Stichwort Aufwand: Eine Hintergrund-Sendung wie ‚International‘ ist mit einem sehr grossen journalistischen Aufwand verbunden. In vielen Fällen würden wir ihn mit mindestens einem Monat beziffern, weil Recherchen oft komplex und oft zeitraubend sind, die Vorbereitung der Reportage-Reise inbegriffen.

Auch ein ‚Tagesgespräch‘ (weniger aufwendig als ‚International‘) ist oft Ergebnis einer oder mehrerer Reisen und verarbeitet Interviews und Eindrücke von Schauplätzen. Damit ist gesagt, dass die blosse Menge der Berichterstattung in Zahlen gefasst, ein trügerisches Bild von der Berichterstattung zu einem Thema gibt, weil sie den eigentlichen Aufwand, die Erfahrung der Berichterstatter/innen, die Qualität der Reportagen oder Gespräche nicht in Rechnung stellt. Wir sind vor diesem Hintergrund nicht der Ansicht, dass wir auf dem Feld, mit dem wir uns hier befassen, ein Defizit haben.

Wir nehmen aber Anregungen unseres Publikums dennoch ernst. Die Leiterin der Fachredaktion Religion, Judith Wipfler, sagte nach unserem Gespräch, sie wolle das zum Anlass nehmen, demnächst das Thema Diskriminierung und Verfolgung von Christen in einem Religionsgespräch (30 Minuten) aufzugreifen.

Fazit

Unsere Berichte über die Rohingya werden nicht einzeln kritisiert oder bemängelt. Es wird uns nur aufgrund der Menge im Zeitraum vom 25. August bis 13. September 2017 vorgeworfen, Kampagnenjournalismus zu betreiben. Diesen Vorwurf haben wir klar widerlegt und weisen ihn deshalb zurück.

Wir haben weiter ausgeführt, dass im Fall der Rohingya der Aspekt der Religionszugehörigkeit nicht immer im Vordergrund steht. Der grössere historische und politische Kontext legt nahe, dass Ethnie, Staatenlosigkeit und möglicherweise auch wirtschaftliche Interessen eine mindestens so wichtige Rolle spielen.

Wir haben schliesslich gezeigt, dass wir uns auch mit der Diskriminierung von Christen beschäftigen und das regelmässig, teils mit aktuellem Anlass (Terrorismus) oder als Hintergrund zu Entwicklungen, die nicht in den Schlagzeilen, aber dennoch relevant sind. Die Fachredaktion ‚Religion‘ behandelt das Thema auch regelmässig.

Die aufgeführten Beispiele sollten einen Einblick in unsere Beschäftigung mit dem hier diskutierten Thema geben.“

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Problematik. Sie beklagen sich, dass Radio- und Fernsehen SRF über die Verfolgung der Rohingya, der muslimischen Minderheit in Myanmar, zu viel berichteten, über die Verfolgung von Christen quasi überall in der Welt aber zu wenig. Ihre Botschaft lautet, auf den Punkt gebracht: Man solle nicht vor lauter Sorge um verfolgte Religionen irgendwo die eigenen – christlichen – Glaubensbrüder und –schwestern vergessen, die auch verfolgt werden. Diese Botschaft ist bei mir angekommen, und bei den zuständigen Redaktionen offensichtlich auch. Diese werden in Zukunft ein besonderes Augenmerk auf die Christenverfolgungen richten.

Man darf aber nie außer Acht lassen, wie Journalismus funktioniert. Die Aufmerksamkeit richtet sich immer auf jene Gebiete und jene Brennpunkte, in denen sich Zustände zu Konflikten zuspitzen. Die Rohingya in Myanmar sind schon seit Menschengedenken ein Volk mit minderen Rechten; sie werden seit jeher unterdrückt. Darüber hat man wenig berichtet. Aber als sich junge Rohingya zu radikalisieren begannen und eine Art Befreiungsbewegung gründeten, die Polizeistationen angriff, reagierte die burmesische Armee mit roher Gewalt gegen die gesamt Rohingya-Bevölkerung, und dies löste die enorme Flüchtlingswelle Richtung Bangladesch aus. Jetzt lenkten die Medien weltweit den Fokus auf diese Region und auf diesen Konflikt. Als es in Ägypten pogromartige Angriffe auf Kopten, die dortigen Christen, gab, waren die Medien auch sofort zur Stelle. Dies hat seine Logik: Die Medien können nicht Tag für Tag das anhaltende Unrecht überall in der Welt benennen und gewissermassen den täglichen Fieberstand angeben. Das würde sie überfordern, und es wäre langweilig. Nur dort, wo die Konflikte eskalieren, ist Medienberichterstattung garantiert.

Insofern haben Radio- und Fernsehen SRF mit ihrer Schwerpunktsetzung nichts falsch gemacht. Und sie haben ja immer wieder auch über die Verfolgung von Christen berichtet. Dabei sind die Konflikte, die damit verbunden sind, meist nicht nur religiöser Natur. Der Sonderbundskrieg in der Schweiz (1847), in dem sich katholische Kantone gegen die Modernisierung der Schweiz wehrten, war primär eine Auseinandersetzung zwischen Liberalen und Konservativen und nur sekundär auch eine zwischen Protestanten und Katholiken. Der Irland-Konflikt war hauptsächlich ein sozialer Konflikt zwischen wirtschaftlich Dominierenden und Abhängigen und nur sekundär ein Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken. Der Bürgerkrieg in Jugoslawien war ein Krieg zwischen den reicheren und den ärmeren Republiken, ein Krieg zwischen Ethnien unterschiedlicher historischer Identitäten genauso wie ein Krieg zwischen Orthodoxen, Muslimen und Katholiken. In Sri Lanka stehen Singhalesen gegen Tamilen und gleichzeitig Buddhisten gegen Hindus. Die Liste könnte fast endlos erweitert werden. Es ist die Aufgabe des Journalismus, solche Konflikte zu erkennen, zu beschreiben und dabei die Grundmotive freizulegen. So können Medien immer auch zur Konfliktlösung beitragen.

Mein Fazit ist daher, dass ich Ihrer Behauptung, Radio und Fernsehen würden mit der Berichterstattung über die Drangsalierung und Vertreibung der muslimischen Minderheit in Myanmar „eine veritable Kampagne“ reiten, nicht zustimmen kann. Ebenso wenig kann ich Ihre These unterstützen, dass weltweit vor allem die Christen verfolgt würden. Sie vergessen die Verfolgung der Juden in allen Weltregionen, die Verfolgung der Schiiten in sunnitischen Ländern, die Verfolgung der Jesiden, die Verfolgung von Buddhisten, die Verfolgung von Hindus usw. Ich muss daher Ihrer Beanstandung, was die bisherige Berichterstattung betrifft, eine Absage erteilen. Hingegen fällt Ihre Anregung, der Christenverfolgung künftig noch mehr Aufmerksamkeit zu widmen, auf fruchtbaren Boden.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] In Nordkorea, Somalia, Afghanistan, Pakistan, Sudan, Syrien, Irak, Iran, Jemen, Eritrea, Libyen, Nigeria, Malediven, Saudi-Arabien, Indien, Usbekistan, Vietnam, Kenia, usw.

[2] https://www.srf.ch/play/radio/popupaudioplayer?id=59af185a-dcc7-4510-9081-ca76a2dc73f6

[3] https://www.srf.ch/play/radio/echo-der-zeit/audio/keine-zukunft-fuer-rohingyas-in-burma?id=edd72d66-ee1d-4b25-9003-1eedb5c92931&station=69e8ac16-4327-4af4-b873-fd5cd6e895a7

[4] https://www.srf.ch/play/radio/popupaudioplayer?id=d84dc9e0-5b1c-4924-bccb-6993f0fa2062

[5] https://www.srf.ch/play/radio/popupaudioplayer?id=ef87c456-7bc5-4fd2-8422-f33ca30ba754

[6] https://www.srf.ch/play/radio/popupaudioplayer?id=cce0b25e-a4ce-4ff3-81e1-70918c562bc0

[7] http://www.srf.ch/news/international/uno-spricht-von-ethnischer-saeuberung-in-burma

[8] International Burma, 27. August 2016 http://www.srf.ch/sendungen/international/burmas-schwelender-buergerkrieg

[9] http://www.srf.ch/sendungen/international/zerschlagene-kreuze-geschaendete-graeber-verfolgte-christen-in-irak

[10] https://www.srf.ch/sendungen/tagesgespraech/philipp-scholkmann-ueber-die-lage-in-mossul

[11] Vgl. SRFNews: Christenverfolgung im 21. Jahrhundert, 24.12.2014: http://www.srf.ch/news/international/christenverfolgung-im-21-jahrhundert; SRFNews: Christen im Nordirak ohne Hoffnung auf Rückkehr 21. Juni 2015: https://www.srf.ch/news/international/christen-im-nordirak-ohne-hoffnung-auf-rueckkehr; Echo der Zeit: Rückkehr nach Karakosh – 14. November 2016: http://www.srf.ch/news/international/nach-dem-is-christen-zoegern-mit-rueckkehr-nach-karakosch; Echo der Zeit: Doppelanschlag auf Kopten – 9. April 2017: https://www.srf.ch/play/radio/popupaudioplayer?id=fdf2c727-7606-4774-b73b-50e04fd7a2b0; Echo der Zeit: Ausnahmezustand in Ägypten nach Anschlag auf Kopten, 10.4.2017: https://www.srf.ch/play/radio/popupaudioplayer?id=407d62b1-339b-4c06-a13b-30e08d622fd9; SRF News und S4N: Der Staat kann die Christen nicht schützen – 28. April 2017: http://www.srf.ch/news/international/der-aegyptische-staat-kann-die-christen-nicht-beschuetzen.

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