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«Schawinski» mit Nationalrat Hans-Ulrich Bigler beanstandet

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Mit Ihrem Brief vom 22. Januar 2018 beanstandeten Sie die Talk-Sendung «Schawinski» vom 15. Januar 2018, in der Roger Schawinski den Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes, Nationalrat Hans-Ulrich Bigler, zu Gast hatte.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Ich habe Ihre Sendung ‘Schawinski’ gesehen, zu welcher Herr Schawinski den Verbandsdirektor Herrn Hans-Ulrich Bigler eingeladen hatte, und in welcher die beiden Herren über die No-Billag Initiative gesprochen haben.

Es war eine unsägliche Sendung. Eine Zumutung für den Zuschauer. Immer wieder hatte Herr Schawinski den Gast unterbrochen, immer wieder für sein Buch und unterschwellig für eine Ablehnung der Initiative Werbung gemacht. Wenn jemand unschlüssig war, wie er sich bei der Abstimmung am 4. März entscheiden soll: Jetzt weiss er es.

Auch für mich ein Grund mehr, am 4. März ‘JA’ zu stimmen. Auch wenn die Initiative scheitern sollte, diese Sendung mit diesem unmöglichen Herrn Schawinski gehört abgeschafft. Sie als SRG täten sich und Ihren Kunden wohl damit den grössten Gefallen!»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die Sendung «Schawinski» äußerte sich Frau Sofiya Miroshnyk, stellvertretende Redaktorin und Produzentin «Schawinski»:

«In seinem Schreiben vom 22. Januar 2018 äussert X seinen Unmut gegenüber Moderator Roger Schawinski und kritisiert dessen Art und Weise, durch das Gespräch zu führen. Ausserdem soll Roger Schawinski <für sein Buch und unterschwellig für eine Ablehnung der Initiative Werbung gemacht> haben.

Gerne nehme ich zur Kritik Stellung.

1. Unterbrechung des Gesprächspartners

Das Konzept der Sendung sieht eine temporeiche, engagierte und kontroverse Diskussion vor. Nicht nur die Funktion, auch die Handlungsmotive und Überzeugungen der eigeladenen Gäste sollen dem Publikum nähergebracht werden. Um die Person hinter den Fakten kennenzulernen, wählt Herr Schawinski einen temporeichen und intensiven Schlagabtausch auf Augenhöhe, der nicht zuletzt Wortunterbrechungen und angriffslustige Momente beinhaltet. Die Unterbrechungen der Gäste dienen denn auch der Dramaturgie, damit die Sendung einen gewissen Rhythmus erhält. Ausserdem wird der Gast dadurch herausgefordert, spontan zu reagieren, was dazu führt, dass das Publikum den Gast auf neue Weise kennenlernt.

2. Politische Haltung des Moderators

Roger Schawinski hinterfragte die politische Haltung des Gastes. Dabei geschah das nicht in Absicht, unterschwellig für Ablehnung der Initiative zu werben, sondern aus dem Bemühen heraus, für Ausgewogenheit zu sorgen. Durch die kritische Position, die Herr Schawinski während der Sendung einnimmt, bildet er den Gegenpart zur Position des Gastes. In dieser Sendung war keine Gegenposition durch einen weiteren Gast gegeben, weshalb Roger Schawinski die Rolle des advocatus diaboli einnahm und dabei Gegendarstellungen aufführte. Dadurch soll das Publikum in der eigenen Meinungsbildung unterstützt werden.

3. Das Buch von Roger Schawinski zur No-Billag-Initiative

Anfang Januar veröffentlichte Roger Schawinski ein Buch über die No-Billag-Initiative. Darin gibt er sich als Gegner der Initiative zu erkennen. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass Moderator Roger Schawinski das Buch ‘No Billag? Die Gründe und die Folgen’ als Privatperson geschrieben hat, im Rahmen der SRF-Sendung ‘Schawinski’ aber stets bemüht ist, ein ausgewogenes Bild aller Ansichten zu zeigen. Dies, indem er Befürworter wie Gegner der Initiative gleichermassen kritisch befragt und zu Wort kommen lässt. So wurde Jean-Michel Cina genauso kritisch befragt wie Hans-Ulrich Bigler oder Andri Silberschmidt. Ferner ist festzuhalten, dass es Herr Bigler war, der Herrn Schawinski zuerst auf sein Buch angesprochen hat. Bei Minute 22:54 kommt Herr Bigler von sich aus auf das Buch von Herrn Schawinski zu sprechen. Hier kann also kaum die Rede von Werbung für das Buch sein.

Aus Sicht der Redaktion kann aus den oben genannten Gründen die Beanstandung von Herrn X zurückgewiesen werden.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Mit Nationalrat Hans-Ulrich Bigler hatte Roger Schawinski zum zweiten Mal einen Befürworter der No Billag-Initiative in seiner Sendung. Bigler ist Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Der Gewerbeverband hatte 2015 das Referendum gegen das revidierte Radio- und Fernsehgesetz angeführt und die Einführung der haushaltsabhängigen Abgabe bekämpft, vor allem, weil künftig auch größere Gewerbeunternehmen diese Abgabe entrichten müssen. Er verlor diese Abstimmung am 14. Juni 2015 ganz knapp: Bei einer Stimmbeteiligung von 43,6 Prozent stimmten 1'128'522 Personen (oder 50,1 Prozent) für das neue Gesetz, 1'124'873 Personen (oder 49,9 Prozent) dagegen.[2] Das heißt: Der Gewerbeverband und damit auch sein Direktor waren schon vor der Lancierung der No Billag-Initiative gegenüber der Rundfunk-Gebührenordnung kritisch eingestellt. Im Parlament trat Bigler für den Gegenvorschlag zur Initiative ein, der die Gebühren auf jährlich 200 Franken plafonieren wollte, aber scheiterte. Danach entschied sich die Gewerbekammer, die Initiative zu unterstützen, weil sie dadurch die Chance sah, die ungeliebte Haushaltabgabe für Gewerbeunternehmen doch noch bodigen zu können.

Dies aber war tückisch. Denn auf einmal sah sich der Gewerbeverband im gleichen Lager wie die Initianten, die im Laufe des Abstimmungskampfes immer mehr beteuerten, die Sache werde nicht so heiß gegessen wie sie angerichtet wurde, das heißt: Man könne die Initiative, obwohl strikt und unbarmherzig formuliert, sanft umsetzen. Hier knüpfte der Gewerbeverband mit seinem Plan B an, der allerdings voller Achillesfersen war. Und hier hakte Roger Schawinski ein, als er mit Hans-Ulrich Bigler das Gespräch führte.

Sie werfen dem Moderator dreierlei vor:

1. Er habe den Gast (zu) oft unterbrochen.

2. Er habe für sein Buch über No Billag Werbung gemacht.

3. Er habe die Ablehnung der Initiative propagiert.

1. Das Gespräch war ein normales Ping-Pong zwischen einem Politiker, der eine bestimmte Position vertritt und dafür Abstimmungskampf macht, und einem Moderator, der jeden kritisch befragt, sowohl den No Billag-Befürworter Bigler wie eine Woche später den No Billag-Gegner Jean-Michel Cina. Es gehört zur Aufgabe eines Interviewers, dem Gesprächspartner auf den Zahn zu fühlen, ihn zu klaren Aussagen zu zwingen und allfällige Widersprüche im Denken, Argumentieren und Handeln aufzudecken. Und wenn ein Gesprächspartner Fragen ausweicht, muss der Moderator auf der Antwort beharren. Roger Schawinski hat daher nur seinen Job gemacht.

2. Wie schon Frau Myroshnyk ausgeführt hat, brachte Nationalrat Bigler Roger Schawinskis No Billag-Buch[3] ins Spiel. Man kann dem Buchautor deshalb nicht vorwerfen, dass er Werbung dafür gemacht hat.

3. Es ist unbestritten, dass Roger Schawinski über grosse Medienerfahrung verfügt. Er ist genau deswegen 2016 von der Universität Freiburg i. Ü. mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet worden.[4] Er hat bei der SRG den «Kassensturz» gegründet und geleitet. Er stand an der Spitze der Zeitung «Tat». Er hat «Radio 24» und später «Tele Züri» aufgebaut und dadurch Erfahrung als privatwirtschaftlicher Radio- und Fernsehpionier gesammelt. Er hat in Berlin «Sat.1» geleitet und so Einblick erhalten in den dualen deutschen Fernsehmarkt. Er hat, zurück in der Schweiz, mit «Radio 1» nochmals ein privates Radio gegründet. Und er moderiert bei der SRG als externer Mitarbeiter die Sendung «Schawinski». Aus all den Erfahrungen heraus kennt er die Möglichkeiten und Grenzen der Schweizer Medienordnung und weiß, was auf dem Spiel steht, wenn man die SRG zerschlägt. Er ist deshalb gegen die Initiative, aber zugleich, wie er in seinem Buch aufführt, für Reformen bei der SRG. Er will das Haus nicht abbrechen, sondern renovieren. Diese Kenntnisse und Einsichten leiteten ihn bei seiner Befragung von Hans-Ulrich Bigler. In keiner Minute hat er hingegen dazu aufgerufen, am 4. März nein zu stimmen.

Ich kann daher beim besten Willen nicht einsehen, was an dieser Sendung «unsäglich» war und das Programmrecht verletzt hätte. Sie überschritt die Grenzen der Programmautonomie nie. Ich kann daher Ihre Beanstandung nicht unterstützen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] https://www.srf.ch/sendungen/schawinski/roger-schawinski-im-gespraech-mit-hans-ulrich-bigler-2

[2] https://www.bk.admin.ch/ch/d/pore/va/20150614/index.html

[3] Roger Schawinski (2018): No Billag? Die Gründe und die Folgen. Gockhausen: Wörterseh-Verlag.

[4] http://www.unifr.ch/dcm/uploads/file/downloads/DCM50_Medienmitteilung_Ehrendoktor.pdf

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