SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

«Rundschau»-Beitrag «Kirchenpräsident unter Druck» beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 11. Juni 2018 beanstandeten Sie die Sendung «Rundschau» (Fernsehen SRF) vom 23. Mai 2018 und dort den Beitrag «Kirchenpräsident unter Druck».[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Ich möchte eine Beanstandung gegen die Rundschau vom 23. Mai 2018 - Sendung ‘Kirchenratspräsidenten unter Druck’ einreichen. Meine Beanstandung betrifft die aus meiner Sicht einseitige Berichterstattung und Darstellung gegen SEK Ratspräsidenten Pfr. Dr. Gottfried W. Locher.

Die Fragen der Interviewpartner wurden den Interviewpartnern vorher bekannt gegeben, nur nicht Pfr. Dr. Gottfried W. Locher. So hat mir ein Interviewpartner bestätigt, dass er sich auf seine Fragen vorbereitet hat und das besagte Buch gelesen. Pfr. Dr. Gottfried W. Locher hat die Fragen vorher nicht erhalten.

Pfr. Dr. Gottfried W. Locher wurde nicht zum Thema Gender befragt, wohl aber die anderen. Der Rundschau Beitrag wurde dann aber zur Hauptsache diesem Thema gewidmet. Pfr. Dr. Gottfried W. Locher wurde kurzfristig für die Rundschau eingeladen, meines Wissens war er in den Ferien, was nicht erwähnt wurde. So ist die Vermutung entstanden, er wolle sich nicht äussern.

Bis hierher könnte ich das als journalistische Freiheit sehen, aus meiner Sicht empfinde ich es jedoch einseitig.

Zudem - und hauptsächlich - möchte ich die subtile Art der Bildmanipulation beanstanden. Ab Minuten 02.04 bis 2.56 (gemessen von Anfang an) wird bei den Filmteilen mit Pfr. Dr. Gottfried W. Locher von oben ein helles Licht über den Film gelegt. Zuerst dachte ich, dass dies einfach eine zu helle Kamera Einstellung war. Aber dieses strahlende Licht kommt in allen Filmteilen über Pfr. Dr. Gottfried W. Locher vor.

Bild Kopf von Gottfried Locher mit Lichtstrahlen, die von oben auf seinen Kopf scheinen

Die Metapher / Symbolik die bei mir anklingt ist die von einem Heiligenschein, oder von einem hoch erhabener Bischof. Das ihm von der Gegnerschaft vorgeworfen wird. Geschmacklos finde ich dann, das bei Minute 04.15 Pfr. Dr. Gottfried W. Locher mit Strahlen im Portrait karikiert wird. Bei allen anderen Bildteilen der Gegenpartei wird auf solche Bildmanipulation verzichtet.

Grafik der neuen Struktur des Kirchenbunds mit Bild von Gottfried Locher mit Heiligenschein

Über den ersten Teil der Beanstandung könnte ich hinwegsehen, tendenziös sind mal die eine oder andere Sendungen. Aber die bewusste Manipulation mit dem Ziel, die Person in einem ‘schlechten Licht’ darzustellen, geht für mich zu weit. Ich bin froh um eine Rückmeldung der Ombudsstelle zu dieser Sache.»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die «Rundschau» äußerte sich deren Redaktionsleiter, Herr Mario Poletti:

«Gerne nehmen wir Stellung zur Beanstandung von Herrn X gegen den Rundschau-Beitrag vom 23. Mai 2018: ‘Kirchenratspräsident unter Druck’.

1. Zum Vorwurf der Einseitigkeit

Den Vorwurf, die Berichterstattung sei einseitig gewesen, weisen wir entschieden zurück. Gottfried Locher hat eine Einladung zum Studiogespräch mehrfach ausgeschlagen und auf schriftliche Fragen nicht geantwortet. Gottfried Locher war - vor der Publikation - über sämtliche Vorwürfe gegen ihn im Bilde und hatte ausreichend Zeit, Stellung zu nehmen. Festzuhalten ist, dass neben Gottfried Locher selber auch Befürworter von ihm zu Wort kommen, sei es im O-Ton oder im Off-Text. Konkret stützt beispielsweise der Kirchenratspräsident von Baselstadt, Lukas Kundert, Gottfried Lochers Haltung zur Verfassungsrevision.

Im Einzelnen:

Ausgangspunkt für die Recherche war die laufende Verfassungsrevision des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes. Zu diesem Thema wurden am 23. April 2018 in Bern, im Rahmen der Abgeordnetenversammlung, verschiedene Interviews aufgezeichnet. Auch mit dem Präsidenten Gottfried Locher. Das Interview und das Thema des Interviews (Verfassungsrevision) war beim SEK mündlich sowie schriftlich angekündigt (Beilage Mail an SEK, Medienverantwortliche) und vom SEK zugesagt. Es ging an diesem 23. April ausschliesslich darum, Stimmen zur Verfassungsrevision zu sammeln. Da die Haltung von Gottfried Locher zum Thema Verfassungsrevision öffentlich bekannt ist, mussten wir mit ihm kein Vorgespräch führen. Bei anderen Interviewpartnern war ein Vorgespräch nötig um herauszufinden, welche Aussagen sie machen. Dies ist normales journalistisches Handwerk.

Mit Gottfried Locher wurde nach diesem Interview mündlich vereinbart, dass die Journalistin ihn nochmals kontaktiert, um ein allfälliges zweites Interview zu verabreden. Dies, weil in Gesprächen mit Abgeordneten Kritik an der Person Gottfried Locher geäussert wurde und auch in der Hintergrundrecherche Kritik geäussert wurde. Auch darüber wurde Gottfried Locher von der Redaktorin in Kenntnis gesetzt.

Das Interview zur Kritik an der Person Gottfried Locher konnte am 23.4. noch nicht aufgenommen werden, da die Recherche nicht abgeschlossen war. Die Redaktion musste den Vorwürfen gegen ihn zuerst auf den Grund gehen. Gottfried Locher war mit dem Vorgehen einverstanden, hat sich dann später aber nicht mehr für ein Interview zur Verfügung gestellt. Dadurch hatte die Rundschau keine Möglichkeit, Gottfried Locher mit den Fragen zum Gender-Thema und zu seinem öffentlichen Auftreten mündlich zu konfrontieren.

Die Rundschau hat Gottfried Locher am 15.5., also mehr als eine Woche vor der Ausstrahlung für ein zweites Interview kontaktiert. Die Mail blieb unbeantwortet.[2]

Am 17.5., also knapp eine Woche vor Ausstrahlung, hat Sandro Brotz, der Moderator und stellvertretende Redaktionsleiter der Rundschau, Gottfried Locher erneut kontaktiert und eingeladen, ausführlich zur Kritik an seiner Person Stellung zu nehmen. Sandro Brotz hat Gottfried Locher 5 Tage vor dem Ausstrahlungstermin erneut angeboten, entweder live im Studio aufzutreten oder das Gespräch in Bern aufzuzeichnen. Gottfried Locher hat abgelehnt. Daraufhin hat die Rundschau angeboten, ihn an seinem Ferienort (in der Schweiz) zu besuchen und das Interview dort durchzuführen. Auch das hat Herr Locher abgelehnt.[3]

Am Montag, 21.5. hat die Redaktorin nochmals eine Mail mit den wichtigsten Kritikpunkten an Gottfried Locher geschickt.[4], doch auch diese Mail blieb unbeantwortet. Bei dieser Mail ging es insbesondere auch um Fragen zum Thema Gender. Die Redaktorin hat die Mail zusätzlich per SMS angekündigt.

2. ‘Bildmanipulation’ im Archiv-Teil:

Auch den Vorwurf der Bildmanipulation weisen wir entschieden zurück. Es handelte sich in der beschriebenen Sequenz um ein gestalterisches Element, mit welchem Fotos und Filmsequenzen visuell verbunden wurden. Um dieser Passage einen einheitlichen Look zu geben, hat die Redaktion einen Effekt gewählt, der den Themenkomplex Spiritualität, Kirche und geistliche Leitung optisch aufnimmt. Es ging also keineswegs darum, damit eine inhaltliche Nachricht zu transportieren – geschweige denn, die Person in einem „schlechten Licht“ darzustellen. Solche visuellen Elemente sind bei der Gestaltung von TV Beiträgen üblich und nötig, damit der Zuschauer sich im Beitrag ‘zurechtfindet’.

3. «Bildmanipulation» in der Grafik

In der Erklär-Grafik wird Gottfried Locher in der Tat mit Strahlen um den Kopf gezeigt. Dies dient der Darstellung der Funktion des ‘geistlichen Leitens’ und des ‘geistlichen Input geben’. In einer Grafik werden Worte/Inhalte symbolisch dargestellt. Das Strahlen übersetzt also die Begrifflichkeiten aus der vorliegenden Verfassung. Die Redaktion hat bewusst eine sehr reduzierte und neutrale Bildsprache gewählt.

Aus all diesen Gründen sind wir überzeugt, dass der Beitrag das Gebot der Sachgerechtigkeit nicht verletzt hat. Vielmehr haben wir u.E. einen wichtigen Beitrag zur Meinungsbildung rund um den zukünftigen Kurs der reformierten Kirche in der Schweiz gesendet.

In diesem Sinne bitten wir Sie, sehr geehrter Herr Blum, die Beanstandung abzuweisen.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Die Redaktion der «Rundschau» hat sich sehr bemüht, in der Kontroverse um Kirchenbund-Präsident Gottfried Locher zahlreiche unterschiedliche Stimmen zu sammeln und vor allem den Präsidenten selber vor die Kamera zu holen. Leider verweigerte er sich, die «Rundschau» musste auf frühere Statements zurückgreifen und konnte ihn nicht zu aktuellen Vorwürfen und Irritationen befragen. Dies glich allerdings Josef Hochstrasser, reformierter Pfarrer in Steinhausen (ZG) und früher katholischer Geistlicher, brillant aus. Als beredter Verteidiger von Gottfried Locher sowohl in Bezug auf dessen Persönlichkeit als auch in Bezug auf dessen Strukturideen hatte er eine starke Performance. Insofern kann ich Ihrer Ansicht, der Beitrag sei einseitig zu Lasten von Gottfried Locher, nicht zustimmen.

Kommt dazu, dass es unverständlich ist, warum Dr. Locher sich dem Fernseh-Interview verweigerte, ja auf e-Mails nicht einmal reagierte. Als kommunikativ starke Persönlichkeit hätte er dort seine Ideen und Positionen erläutern können. Der Vorschlag eines reformierten Bischofs ist, weltweit gesehen, keineswegs abwegig, kennen doch andere aus der Reformation hervorgegangene Kirchen, etwa die Evangelischen in Deutschland und die Anglikaner in England, durchaus eigene Bischöfe. Fremd ist das bisher bloß für die Zwinglianer in der Schweiz. Andere Positionsbezüge, etwa zur Rolle der Prostitution, hätte er erläutern, modifizieren können. Dass er sich einem solchen Gespräch nicht stellte, war schwach von ihm.

Hingegen pflichte ich Ihnen bei, dass die Lichteffekte und der Heiligenschein rund um Lochers Kopf in den verschiedenen Abbildungen und Grafiken tendenziös waren und den Anschein erweckten, man wolle Dr. Locher lächerlich machen. Dies war nicht fair und insofern nicht sachgerecht. Hier verstehe ich Ihren Unmut voll und ganz. Ich kann daher Ihre Beanstandung teilweise unterstützen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] https://www.srf.ch/sendungen/rundschau/kirchenpraesident-unter-druck-leerwohnungen-putins-fussballshow

[2] Vgl. Beilage «Mail“

[3] Vgl. Beilage «Kontaktaufnahme“

[4] Beilage „Nochmalige Mail“

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