Lichtblick auf der Müllkippe
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Lichtblick auf der Müllkippe

1975 hiess sie «… ausser man tut es», seit 1990 kennen wir die Sendung als «mitenand». Ein kleines, feines TV-Format mit grossem Engagement: Die vierminütige Sendung richtet jeden Sonntag den Fokus auf jene, die im medialen Schatten stehen. Der neue Redaktionsleiter möchte vor allem positive Geschichten erzählen – denn davon gibt es viele.

Für sie ist das Leben kein Zuckerschlecken: Sie werden als Randgruppen diskriminiert, wühlen im Müll, sind schwer behindert, leben auf der Strasse – kurz: Sie sind Menschen, die fürs Leben kämpfen. Für die meisten Medien sind ihre Geschichten wenig interessant. Nicht so für die Redaktorinnen und Redaktoren der SRF-Sendung «mitenand», die mitunter gleichzeitig auch Videojournalisten sind. Sie gehen dorthin, wo Hilfe und Unterstützung dringend gebraucht wird. «Das kann in Entwicklungsländern der Fall sein, aber auch hier in der Schweiz», sagt Mitja Rietbrock, der seit März 2018 das sechsköpfige «mitenand»-Team leitet.

Ernsthaftigkeit nicht aus dem Blick verlieren

Im Fokus der Sendungen stehen stets soziale oder ökologische Projekte gemeinnütziger Organisationen, was natürlich Betroffenheit mit sich bringt – und dadurch eine gewisse Schwere. Rietbrock möchte mit seinem Team den Blickwinkel wechseln: «Wir machen ‹Constructive Journalism› – konstruktiven Journalismus», erklärt er. Das heisst: Statt auf die Tränendrüse zu drücken, habe sich die «mitenand»-Redaktion, die zur DOK/Reportage-Familie gehört, dafür entschieden, die positiven Aspekte in den Vordergrund zu stellen – ohne jedoch dabei die Ernsthaftigkeit des Themas aus dem Blick zu verlieren.

So ging es in einer Sendung beispielsweise um ein Ferienlager für Kinder Multiple- Sklerose-kranker Eltern. «Wir haben uns natürlich damit auseinandergesetzt, was die Diagnose MS für die Erkrankten und ihre Angehörigen bedeutet und wie schwierig auch ihr Alltag ist», so Rietbrock. Doch den Fokus haben sie auf das gerichtet, was ein solches Ferienlager den betroffenen Familien ermöglicht: «Die Erkrankten können sich zuhause ganz auf sich und ihre Gesundheit konzentrieren, und ihre Kinder können sich mit Gleichaltrigen austauschen – und merken so, dass sie mit ihren Sorgen nicht alleine sind.»

«Über solche Menschen und Themen zu berichten, gibt einem das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun.»

Die positive Herangehensweise wird auch im Beitrag über Jenly von den Philippinen deutlich. In diesem besucht Rietbrock zusammen mit der 17-Jährigen jenen Ort, an dem sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hat: die Müllkippe der Stadt Cagayan de Oro. Dort lebte und arbeitete sie, um ihre Familie zu unterstützen. In Jenlys Leben aber gibt es heute Lichtblicke: Sie lebt bei der Schweizer Organisation «Island Kids Philippines», geht dort zur Schule – und träumt heute sogar davon, mal Ärztin zu werden.

«Über solche Menschen und Themen zu berichten, gibt einem das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun», so Rietbrock, der trotz seiner Leitungsfunktion immer noch selbst für «mitenand» auf Drehs geht, vor allem in Krisengebieten. Erst kürzlich ist er aus dem Irak zurückgekommen. Dass es vor allem ihn in unruhige Gebiete verschlägt, liegt nicht daran, dass er die Gefahr explizit sucht, sondern daran, dass er da niemanden aus seinem Team hinschicken würde, «es sei denn, sie wollen es». Wichtig ist ihm, dass solche Themen in der Sendung vorkommen, auch und gerade wenn sie sich an Orten abspielen, zu denen wenige Journalisten Zugang haben.

Unabhängige Redaktion

Welche Themen das sind, darüber entscheidet seit Anfang 2014 die Redaktion selbst. Denn um selbst das Steuer in die Hand nehmen zu können, kündete die SRG den während 30 Jahren geltenden Vertrag mit der Zewo, der Schweizerischen Zertifizierungsstelle für gemeinnützige Spenden sammelnde Organisationen. Dieser habe die inhaltliche Verantwortung der SRG eingeschränkt, erklärte SRG-Sprecher Daniel Steiner damals der NZZ.

«Wir entscheiden nun selbst, nach journalistischen Kriterien, welches Thema wir wann aufgreifen»

«Wir entscheiden nun selbst, nach journalistischen Kriterien, welches Thema wir wann aufgreifen», erklärt Rietbrock, der 2014 noch nicht Leiter des «mitenand»-Teams sondern als Videojournalist für die Sendung unterwegs war. So habe es immer wieder die Situation gegeben, dass wichtige aktuelle Themen in der Sendung nicht stattgefunden hätten. Dies soll nun Dank der Neuausrichtung nicht mehr passieren.

Für die herbeigesehnte journalistische Unabhängigkeit verzichtete die SRG mit der Vertragsauflösung auf die finanzielle Beteiligung der Hilfswerke an den Produktionskosten. Die jeweils vorgestellten NGOs hatten bis dato nämlich einen Teil davon finanziert. Ein Umstand, der in der Vergangenheit immer wieder Propaganda-Vorwürfe gegen das Format hat laut werden lassen. «Diese waren nie gerechtfertigt, doch es war schwierig, gegen die Unterstellungen anzugehen », so Rietbrock.

«Do it yourself» zahlt sich aus

Mit der neuen Ausrichtung hat der Rechercheumfang deutlich zugenommen: Seit 2014 überprüft die Redaktion selbst die Organisationen – früher konnte sie sich noch auf das von der Zewo verliehene Gütesiegel verlassen. Zudem sind die neuen Fokusthemen komplexer und entsprechend rechercheaufwändig. «Es geht uns heute primär um die grossen Herausforderungen unserer Zeit wie Klimawandel, Armut, Gleichberechtigung von Frauen. Und erst dann um die NGOs, die sich in diesen Bereichen engagieren», so Rietbrock.

Der Mehraufwand zahlt sich aber aus: Durch die intensivere Auseinandersetzung mit den Themen, den Organisationen und mit den betroffenen Menschen fühlt sich das «mitenand»-Team stärker in die Protagonistinnen und Protagonisten und ihr Umfeld ein. Seine kurzen Reportagen ziehen die Zuschauerinnen und Zuschauer in den Bann und nehmen sie mit auf eine Reise jenseits der Schlagzeilen.


Ausstrahlung: Sonntags, 19.20 Uhr, SRF 1 oder auf der SRF-Sendungsseite von «mitenand»


Text: Fee Riebeling

Bild: Mitja Riebrock mit Jenly (Mitte, kniend), Philippinen: «mitenand»

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  1. Markus 03.10.2018 11:22

    Ich finde es überfällig, dass endlich ein Format gemacht wird, wo Situationen/Menschen, die sonst im medialen Schatten stehen, in den Fokus gerückt werden. 4 Minuten ist zwar wenig und zeigt einmal mehr den Stellenwert an.
    Leider werden zu viele Formate nur mit den ewiggestrigen Promis bestritten. Oft nur, damit die Quote stimmt. - Leider. Wann endlich lernen die Medien, dass die Zuschauer von der ständigen medialen Befeuerung der Promis genug haben?