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Bemerkungen des Moderators auf Radio SRF 3 über die Basler Fasnachtsclique «Negro Rhygass» beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 1. September 2018 beanstandeten Sie Bemerkungen des Moderators auf Radio SRF 3 über die Basler Fasnachtsclique «Negro Rhygass» vom 31. August 2018 mittags.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Es gibt in Basel eine über 60ig Jährige Fasnachtsklicke ‘Negro Rhygass’. Da sich einige Bewohner unseres Landes über das Erscheinungsbild und den Namen derart aufregen, wird diskutiert wie ein neues Emblem Abhilfe schaffen könnte. Da der Namen aber scheinbar bleiben solle, hat sich der Moderator bei SRF3 derart darüber aufgeregt, dass er für einen Job vor einem Mikrofon an einem von öffentlichen Geldern finanzierten Radio nicht tragbar ist.

So sagte er etwa: sie können das Logo auch ersetzen durch einen braun Gekleideten, der seinen rechten Arm 45° nach oben anhebt? Oder : Sie können eine gross Busige Frau abbilden und sagen es sei nicht sexistisch.

So wird grob in die Klubfreiheit eingegriffen. Volksverhetzung gegen den Klub ausgeübt. Aufwiegelung des Volkes vorangetrieben usw. Ich denke im Minimum sollte sich der Moderator öffentlich beim Klub entschuldigen.»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für Radio SRF 3 antwortete dessen publizistischer Leiter, Herr Pascal Scherrer:

«Mit Mail vom 31. August 2018 beanstandet Herr X eine Moderation von Tom Gisler auf SRF 3. Hintergrund der Moderation von Tom Gisler ist der einleitend explizit erwähnte Alltagsrassismus, der einem immer wieder begegnet. Aktueller Aufhänger ist die Geschichte rund um Namen und Logo einer Basler Fasnachts-Clique. Diese informierte, dass sie nach den landesweit bekannten Auseinandersetzungen nun beschlossen hat, ihr Logo zu ändern, den Namen selbst aber zu behalten.

Im Rahmen seiner Moderation am Freitag, den 31.8.2018, hat Tom Gisler diese aktuelle ‘Wendung’ in seiner Moderation ironisch-sarkastisch thematisiert und damit der Clique und ihrer Entscheidung einen Spiegel vorgehalten. Der von Herrn X beanstandete Inhalt war dabei von Moderator Tom Gisler an mehreren Stellen immer erkennbar als persönliche Meinung aufgebaut (Ich-Botschaften). Ferner sind die Zuspitzungen klar als Spitze gegen den Entscheid der Clique erkennbar, die den weitherum als rassistisch kritisierten Namen ‘Negro’ beibehalten, jedoch ihr als rassistisch kritisiertes Logo ersetzen möchte. Diese Entscheidung bringt den Moderator dazu, der Clique anstelle der ‘rassistischen Logos zum „rassistischen’ Namen doch ein z.B. ‘sexistisches’ oder ein ‘nazistisches’ Logo passend zum bestehend-bleibenden Namen vorzuschlagen. Er dokumentiert damit seine Haltung, dass es heute wohl auch bei einer Fasnachts-Clique kaum mehr einen derart belasteten Namen wie ‘Negro’ verträgt, schon gar nicht im Zusammenhang mit einem Logo, das einen dunkelhäutigen Menschen im Bast-Rock und mit Knochen in der Frisur zeigt.

Unser Fazit:

Diese Art des ironisch-satirischen Kommentars mit klar erkennbaren Zuspitzungen ist meines Erachtens ein zulässiges Mittel der journalistischen Auseinandersetzung – selbstredend nur ausserhalb von Nachrichtensendungen.

Entsprechend ist sich die Radio SRF 3-Hörerschaft gewohnt, dass sich Moderatorinnen und Moderatoren pointiert zu Fragen des Zeitgeschehens äussern.

Ich erkenne an keiner Stelle „volksverhetzende“ Momente oder Elemente.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der kurzen Sequenz. «Negro» ist spanisch und heißt «schwarz». Als Adjektiv («negro», «negra») präzisiert es Madonnen, Länder, Berge, Vulkane, die schwarz sind. Als Substantiv war es die spanische Bezeichnung für dunkelhäutige Menschen, für Afrikaner, und vom Spanischen haben die Engländer und die Amerikaner den Begriff für die schwarzen Menschen übernommen. Erhalten hat sich das Wort in «Negro Spirituals». Sonst aber gilt der Begriff, auf Menschen angewandt, heute als rassistisch. Er wurde durch Hilfswörter ersetzt wie beispielsweise Afroamerikaner. Wenn «negro» als Adjektiv auftritt, hat niemand ein Problem. So kann das Land Montenegro, in der Landessprache Crna Gora, schwarzer Berg, politisch korrekt weiter so heißen. Wenn aber eine Basler Guggenmusik «Negro Rhygass» heißt und im Logo einen afrikanischen Eingeborenen führt mit Baströckchen und mit Knochenschmuck auf dem Kopf, dann hat diese Clique heute ein Problem, was in Basel und in den sozialen Medien ja auch zu Debatten geführt hat.[2]

Allerdings ist die Fasnacht per se eine Abweichung vom Normalen und a priori politisch inkorrekt. So wäre ein Name, der bei der Gründung vielleicht etwas mit Jazz aus New Orleans zu tun gehabt hat, heute als Protest gegen das Übliche, Akzeptierte und Korrekte durchaus passend für die Fasnacht. Aber alles stimmt eben auch nicht zusammen bei den „Negro Rhygass“-Guggenmusikern: Das Logo zeigt nicht einen Jazzmusiker von New Orleans, sondern einen Menschen aus dem afrikanischen Busch, und das Stammkostüm der Clique ist nichts Afrikanisches und auch nichts Südstaatliches, sondern der Clown.[3] So wollen die Cliquenmitglieder das besonders Anstößige, nämlich das Logo, durch ein neues ersetzen, den Namen aber behalten. Wie das künftige Logo aussehen soll, wissen sie indes noch nicht.

Es ist nicht verwunderlich, dass diese Konstellation den SRF 3-Moderator Tom Gisler zu ironisch-satirischen Spielereien angeregt hat: Er hat für das Logo der „Negro Rhygass“ andere anstößige Varianten vorgeschlagen, eine sexistische und eine nazistische. Er schlug dabei die Fasnachts-Clique mit den eigenen Waffen: mit dem Spott. Und dagegen ist nichts einzuwenden, auch wenn der Kalender noch nicht den 11.-13. März 2019 anzeigte. Kommentare, auch spitze, sind in Radio und Fernsehen erlaubt, wenn sie klar von den Nachrichten und anderen Informationsblöcken getrennt und als Kommentare erkennbar sind. Das war der Fall. Ein solcher Kommentar ist kein Eingriff in die „Clubfreiheit“, wie Sie unterstellen, ist doch die Clique frei, zu tun und zu lassen, was sie will. Nicht einmal das Fasnachts-Comité schreibt ihr etwas vor. Die Moderatoren-Spielerei ist schon gar nicht Volksverhetzung und Aufwiegelung des Volkes, wie Sie weiter vermuten, sondern schlicht: Ein bisschen Satire. Fasnächtler müssten eigentlich die ersten sein, die es verstehen. Ihre Beanstandung kann ich folglich nicht unterstützen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1]

[2] https://bazonline.ch/basel/stadt/rassismusdebatte-erreicht-fasnacht/story/26617683; https://bazonline.ch/basel/stadt/solidaritaetsmarsch-fuer-gugge-negro-rhygass/story/24361428; https://bazonline.ch/basel/stadt/intoleranz-im-namen-der-toleranz/story/28965820;

[3] http://www.gugge-ig-basel.ch/30/index.php/mitglieder/9-negro-rhygas

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