SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

«10 vor 10»-Beitrag «Die Macht der Evangelikalen» beanstandet

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Mit Ihrem Brief vom 7. Oktober 2018 beanstandeten Sie die Sendung «10 vor 10» (Fernsehen SRF) vom 5. Oktober 2018 und dort den Beitrag «Die Macht der Evangelikalen».[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

„Fristgerecht erhebe ich gegen die oben erwähnte Sendung Beschwerde gemäss Art. 4 & 5 RTVG, infolge ungerechtfertigter Berichterstattung und Falschdarstellung von evangelikalen Kirchen.

1. Es wurde berichtet dass Evangelikale versuchen in Brasilien einen christlichen Gottesstaat zu errichten.

Diese Behauptung ist falsch, da niemand zur Errichtung eines Gottesstaates aufruft in Brasilien nach wie vor die römisch katholische Kirche den grössten Einfluss hat.

2. Dass die evangelikalen Pfingstkirchen und andere evangelisch-evangelikalen Kirchen Jair Bolsonaro zu wählen ist nachweislich falsch.

Es gibt mehrere evangelisch-evangelikale Kandidaten fürs Präsidentenamt, auch die linke Marina Silva ist Mitglied einer Pfingstgemeinde und wird teilweise auch von evangelikaler Seite zur Wahl empfohlen.

3. Das nur Jair Bolsonaro und ‚seine‘ Kirche die ‚Ehe und Adoption für alle‘ sowie sämtliche LGBT-Lebensformen und Gender ablehnen ist falsch.

Auch Marina Silva lehnt diese ab sowie weitere Kandidaten. Die römisch-katholische Kirche tut dies auch sowie die meisten evangelischen Freikirchen.

Es ist das gute Recht eines jeden Kandidaten widernatürliches Verhalten zu benennen und auch eine Gesetzesänderung zu verfolgen, so lange dies ohne Gewalt getan wird.

Es ist in der Wissenschaft nach wie vor umstritten ob Homosexualität und Transsexualiät Krankheiten sind oder nicht und dies wurde im Bericht nicht erwähnt.

Es ist erwiesen, dass eine Therapie wie sie z. B. Wüstenstrom anbietet LGBT- Menschen oft eine Hilfe sein kann, vor allem, wenn sie als Folge ihrer Sexualität weitere psychische Leiden haben, auch dies wurde im Bericht nicht erwähnt.

Das Wichtigste ist, dass diese Menschen nicht mit ihrem Problem allein gelassen werden. Denn diese Menschen brauchen liebevolle Begleitung und keinen Hass. Liebe und Geborgenheit finden sie oft in kirchlichen Institutionen. Ich bin selbst Mitglied einer christlich-pfingstlich ausgerichteten Ge-meine und weiss, dass wir alle liebevoll aufnehmen und seelsorglich auf Ihrem Weg zur Änderung unterstützen.

4. Viele christliche Werke ‚katholisch oder evangelisch‘ leisten in Brasilien sehr wertvolle Dienste vor allem in Favelas und für Benachteiligte.

Darüber wurde nicht berichtet, obwohl dies zu einer ausgewogenen Berichterstattung gehört hätte.

Der Bericht richtete sich ganz klar gegen Freikirchen und wollte diese in ein schlechtes und unwahres Licht rücken und dies gehört sich nicht in einer seriösen und fundierten Berichterstattung.

Viel zu wenig wurde über andere positiven Engagements von evangelikalen Kirchen in Favelas berichtet. Diese engagieren sich unter anderem:

Prävention über Drogen
➢ Gegen Gewalt und Kriminalität
➢ Prävention sexueller Gewalt
➢ Bandenkriege
➢ Gefangenseelsorge und andere Dienste für Gefangene
➢ Schaffung von Arbeitsplätzen, Tagesstrukturen und Bildung generell

Ich muss klar erklären, dass ich die mir zu Teilen zu radikale und teilweise rassistische Ideologie von Herrn Bolsonaro nicht teile, wie dies mir viele andere Christen sowohl in Landes- und Freikirchen gleichtun, denn für uns sind alle Menschen gleichwertig. Auch wählen würde ich Herrn Bolsonaro nicht, wenn ich in Brasilien wahlberechtigt wäre. – Ich bitte Sie, vorliegende Beschwerde gutzuheissen.“

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die Sendung «10 vor 10» antworteten Herr Christian Dütschler, Redaktionsleiter, und Frau Corinne Stöckli, Redaktorin:

«Herr X beanstandet den Beitrag ‘Die Macht der Evangelikalen’, welchen wir am 5. Oktober 2018 im Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen in Brasilien ausgestrahlt haben.

Der beanstandete Beitrag ist Teil unseres Schwerpunktes zu den Präsidentschaftswahlen in Brasilien vor dem ersten Wahlgang vom 7. Oktober 2018. Im ersten Beitrag geht es um den Kandidaten Jair Bolsonaro (der im zweiten Wahlgang vom 28. Oktober zum Präsidenten Brasiliens gewählt worden ist) und wie er Brasilien bereits vor der Wahl polarisierte. Im darauffolgenden, konkret beanstandeten Beitrag, wird die Rolle extremer evangelikaler (Fernseh)Priester bei den Präsidentschaftswahlen in Brasilien genauer angeschaut.

Der Beanstander kritisiert nun verschiedene Punkte dieses Beitrags. Gerne nehmen wir dazu im Einzelnen Stellung.

1. Vorwurf: Es sei berichtet worden, dass Evangelikale in Brasilien versuchten, einen christlichen Gottesstaat zu errichten.

Der Beanstander schreibt: «Es wurde berichtet, dass Evangelikale versuchen, in Brasilien einen christlichen Gottesstaat zu errichten.» Das sei falsch. Zudem habe «nach wie vor die römisch katholische Kirche den grössten Einfluss».

Anders als der Beanstander meint, berichten wir im Beitrag weder direkt noch indirekt, dass «Evangelikale versuchen, in Brasilien einen christlichen Gottesstaat zu errichten.» Wir berichten einzig vom grossen Einfluss, den extreme evangelikale (Fernseh)Priester in Brasilien haben und dass sie ihren Anhängern gegenüber zu verstehen geben, welchen Kandidaten sie unterstützen sollen. Wir stellen auch die Grössenverhältnisse zwischen und innerhalb den Religionsgemeinschaften klar und sagen im Beitrag wörtlich:

Noch ist Brasilien das grösste katholische Land der Welt. Doch längst stellen Evangelikale dreissig Prozent der Bevölkerung, mit mehr als 1300 Glaubensgemeinschaften. Viele von ihnen sind progressiv. Doch fundamentalistische Neo-Pfingstkirchen haben grossen Zulauf.

Der Vorwurf, wir würden sagen, dass «Evangelikale in Brasilien versuchten, einen christlichen Gottesstaat zu errichten» ist also aus der Luft gegriffen.

2. Vorwurf: Es sei nachweislich falsch, dass die evangelikalen Pfingstkirchen und andere evangelisch-evangelikale Kirchen Jair Bolsonaro wählen.

Der Beanstander schreibt, es sei «nachweislich falsch», «dass die evangelikalen Pfingstkirchen und andere evangelisch-evangelikalen Kirchen Jair Bolsonaro wählen». Belege führt er keine an. Das sehen wir anders.

Klarzustellen ist, dass wir in unserem Beitrag an keiner Stelle weder direkt noch indirekt sagen, dass ALLE evangelikalen Pfingstkirchen Bolsonaro wählen. Im Gegenteil, wir halten fest, dass viele der evangelikalen Glaubensgemeinschaften «progressiv» seien, weisen aber gleichzeitig darauf hin, dass «fundamentalistische Neo-Pfingstkirchen grossen Zulauf» haben. Dass viele evangelikale Pfingstkirchen sich hinter Jair Bolsonaro stellten, ist hingegen eine Tatsache, die in den internationalen Medien verschiedentlich bestätigt wurde:

<Während seiner Wahlkampagne wurde Bolsonaro öffentlich von den wichtigsten Evangelikalen Führungspersönlichkeiten des Landes unterstützt. ‘Von allen Kandidaten der Einzige, der die Sprache der Evangelikalen spricht, ist Bolsonaro’, sagte Anfang Oktober Pastor José Wellington Bezerra, emeritierter Präsident der Assambleia de Deus, der grössten evangelikalen Kongregation in Brasilien.> («El Pais», 30. Oktober 2018, übersetzt durch 10vor10).[2]

<Als immer noch bekennender Katholik erhält Bolsonaro eine Welle der Unterstützung der brasilianischen evangelischen Christen - die dazu beigetragen haben, dass er in der ersten Wahlrunde, die für Oktober geplant ist, zum Spitzenreiter der Präsidentschaftswahlen geworden ist.> (Reuters, 27. September 2018, übersetzt durch 10vor10).[3]

<Gemäss Angaben des Meinungsforschungsinstituts Datafolha vom Donnerstag haben 71 Prozent der brasilianischen Evangelikalen erklärt, Jair Bolsonaro im zweiten Wahlgang zu wählen. Er siegt in allen Untergruppen: Traditionelle Evangelikale, Pfingstkirchen, Neopfingstkirchen und andere.> (BBC Brasilien, 23. Oktober 2018, übersetzt durch 10vor10).[4]

Auch deutschsprachige Medien halten fest, dass Bolsonaro von den Evangelikalen unterstützt worden ist:

<Die wichtigsten evangelikalen Vereinigungen unterstützen offiziell die Kandidatur Bolsonaros. Denn die Evangelikalen sprechen sich ebenso wie der Rechtspopulist gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau aus, gegen Abtreibung und die gleichgeschlechtliche Ehe.> («Süddeutsche Zeitung», 30. September 2018).[5]

Neben den einflussreichen evangelikalen Freikirchen gehören Unternehmer- und Agrarverbände zu Bolsonaros eifrigsten Unterstützern. («Tages-Anzeiger», 28. Oktober 2018).[6]

Anders als der Beanstander meint, ist es also korrekt, dass Bolsonaro während dem Wahlkampf sehr viel Unterstützung von der Seite der Evangelikalen erhalten hat.

Der Beanstander schreibt weiter, dass <die linke Marina Silva> >teilweise auch von evangelikaler Seite zur Wahl empfohlen wird>. Festzuhalten ist, dass wir in keiner Stelle im Beitrag erwähnen, dass Bolsonaro der einzige Kandidat sei, der von den Evangelikalen unterstützt werde.  Wir erwähnen im Beitrag bezüglich der evangelikalen Glaubens-gemeinschaften auch ausdrücklich, dass ‘viele von ihnen progressiv’ sind. Das ändert aber nichts daran, dass sich bei den Präsidentschaftswahlen ein grosser Teil der Evangelikalen hinter Jair Bolsonaro gestellt hat (vgl. oben), insbesondere die zahlenmässig sehr starken Neo-Pfingstkirchen. Im Unterschied zu den Wahlen im Jahr 2014 hat Marina Silvana bei diesen Wahlen die Unterstützung durch die Evangelikalen übrigens weitgehend verloren, was auch das Wahlergebnis wiederspiegelt: Sie kam auf gerade mal ein Prozent der Stimmen.

3. Vorwurf: Es sei falsch, dass nur Jair Bolsonaro und ‘seine’ Kirche die ‘Ehe und Adoption für alle’ sowie sämtliche LGBT-Lebensformen und Gender ablehnen würde.

Der Beanstander meint, es sei <falsch, dass nur Jair Bolsonaro und ‘seine’ Kirche die ‘Ehe und Adoption für alle’ sowie sämtliche LGBT-Lebensformen und Gender ablehnen würden.> Diese Aussage machen wir an keiner Stelle im Beitrag. Wir zeigen im Beitrag hingegen auf, dass Bolsonaro aufgrund seiner Positionen, in denen sich viele (fundamentalistische) Evangelikale wiederfinden, zu ihrem wichtigsten Kandidaten erkoren worden ist. So sagt Pastor Everaldo im Beitrag wörtlich:

<Die Gender-Ideologie, Legalisierung von Drogen und viele andere Projekte, die die Linke vorangetrieben hat und die das Verderben bringen. Das alles zerstört Nationen, die Familienstruktur, ist schädlich für die Kinder. Bolsonaro steht für den Weg zurück zu den guten Sitten.>

Der Beanstander meint zudem: <Es ist das gute Recht eines jeden Kandidaten, widernatürliches Verhalten zu benennen und auch eine Gesetzesänderung zu verfolgen, so lange dies ohne Gewalt getan wird.> Etwas Anderes behaupten wir im Beitrag auch nicht. Der Beanstander nimmt an dieser Stelle allenfalls Bezug auf die Aussage des linken Abgeordneten Jean Wyllys in unserem Beitrag, welche sich auf Evangelikale mit extremen Positionen beziehen. Wörtlich hiess es:

Der Abgeordnete Jean Wyllys befürchtet: Evangelikale mit extremen Positionen könnten die Demokratie gefährden.

Jean Wyllys:
<Diese Fraktion, die fälschlicherweise ‘evangelikal’ genannt wird, besteht aus christlichen Fundamentalisten. Sie wollen Frauen zwingen, Kinder, die Frucht einer Vergewaltigung sind, auszutragen. Oder auch nicht lebensfähige Embryonen. Sie sind für Umerziehungskuren für Schwule und wollen verhindern, dass homophobe Handlungen bestraft werden. Sie sind gegen die gleichgeschlechtliche Ehe.>

Hier hat der politische Gegner einzelne Positionen der extremen Evangelikalen (inhaltlich korrekt) erwähnt, die er selbst als demokratiegefährdend einstuft. Dem Publikum war klar, dass es sich dabei um die Sichtweise des linken Abgeordneten handelte und konnte sich eine eigene Meinung bilden.

Der Beanstander macht in seinem Schreiben weitere Aussagen über Homosexualität, Transsexualität und Therapien wie Wüstenstrom etc., die schlichtweg nicht Teil des Beitrages waren oder hätten sein müssen. Im Beitrag ging es um die grosse Unterstützung, die Bolsonaro im Wahlkampf von Seiten der Evangelikalen erhalten hat.

4. Vorwurf: Es sei nicht berichtet worden, dass viele christliche Werke, ‘katholisch oder evangelisch’ in Brasilien sehr wertvolle Dienste leisten würden.

Der Beanstander meint, dass nicht erwähnt worden sei, dass <viele christliche Werke, ‘katholisch oder evangelisch’ in Brasilien sehr wertvolle Dienste vor allem in den Favelas und für Benachteiligte> leisten würden. Zudem meint er: <Der Bericht richtete sich ganz klar gegen Freikirchen und wollte diese in ein schlechte und unwahres Licht rücken (…).>

Anzumerken ist hier, dass wir in einem kurzen Fernsehbeitrag jeweils nur einzelne Aspekte eines Themas beleuchten können. In diesem Fall war es nicht unsere Absicht, einen Überblick über das zweifelsohne wertvolle Wirken christlicher Organisationen in Brasilien zu geben. Vielmehr ging es darum, welche Rolle die Evangelikalen im Wahlkampf um das Amt des Präsidenten spielten. Dies haben wir angemessen und differenziert aufgezeigt. Dabei haben wir auch zwischen progressiven und fundamentalistischen Evangelikalen unterschieden. Im Beitrag hiess es wörtlich:

Noch ist Brasilien das grösste katholische Land der Welt. Doch längst stellen Evangelikale dreissig Prozent der Bevölkerung, mit mehr als 1300 Glaubensgemeinschaften. Viele von ihnen sind progressiv. Doch fundamentalistische Neo-Pfingstkirchen haben grossen Zulauf.

Zudem kann keine Rede davon sein, dass sich der Bericht ‘gegen Freikirchen’ richtet. Im Bericht geht es nämlich nicht um Freikirchen im Allgemeinen, sondern um die Rolle fundamentalistischer evangelikaler (Fernseh)Pastoren im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf. Den Zuschauern wird dabei im Beitrag ein Eindruck vermittelt, welche Positionen diese vertreten. So erwähnen wir zum Beispiel beim gezeigten Fernsehpriester Malafaia:

Malafaia nennt sich selbst den Feind Nummer eins der brasilianischen Homosexuellen, kämpft für eine konservative Moral.

Der Beitrag zeigt verschiedene Ansichten auf, urteilt aber nicht, sondern überlässt es den Zuschauern und Zuschauerinnen, sich eine eigene Meinung über die Äusserungen unserer Interview-Partner zu machen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir sachgerecht und differenziert berichtet haben. Im Beitrag machen wir klar, dass die gezeigten Pastoren innerhalb des evangelikalen Spektrums extreme Positionen vertreten. Neben den beiden Pastoren kommt mit dem linken Abgeordneten auch die Gegenseite angemessen zu Wort. Das Publikum konnte sich über die verschiedenen Ansichten eine eigene Meinung bilden.

Aus diesen Gründen bitten wir Sie, die Beanstandung zurückzuweisen.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Wie immer habe ich nach der genauen Lektüre der Beanstandung und der Stellungnahme der Redaktion mir die Sendung angeschaut. Darin finde ich alle Aussagen von Herrn Dütschler und Frau Stöckli bestätigt. Ich weiß nicht, was für eine Sendung Sie gesehen haben. Entweder haben Sie nicht aufgepasst oder Sie haben das hineininterpretiert, was Sie zu sehen erwartet haben. Nichts von Ihren Kritikpunkten stimmt. Ich kann daher Ihre Beanstandung in keiner Weise unterstützen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

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