Illustration: Zeigefinger streckt sich in die Luft
SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

«Zwischen den Schlagzeilen»-Beitrag «Farc-Kämpferinnen – das Leben nach der Guerilla» auf Radio SRF 4 News beanstandet

5700
Mit Ihrer E-Mail und Ihre Beilage vom 30. Dezember 2018 beanstandeten Sie die Sendung «Zwischen den Schlagzeilen» (Radio SRF 4 News) vom 12. Dezember 2018 und dort den Beitrag «Farc-Kämpferinnen – das Leben nach der Guerilla»).[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Zufälligerweise habe ich einen Beitrag auf DRS 4 gehört und musste erkennen, dass der Beitrag falsche Fakten präsentiert und zudem die FARC Guerilla in einem grotesk positiven Licht darstellt. Diese ist verantwortlich für mehr als 7 Millionen Opfer in Kolumbien und ist in der Bevölkerung sehr verhasst, aufgrund ihrer Gräueltaten gegen die Landbevölkerung, für die sie zynischer Weise kämpft. Das Thema ist recht komplex für jemanden, der sich nicht auskennt. Ich hoffe jedoch, dass Sie meine sachliche Kritik nachvollziehen können. Falls Sie Fragen haben, rufen Sie mir besser an, denn das mündliche Erklären geht viel schneller.

In Bezug auf die Sendung ist eine Missachtung des Sachgerechtigkeitsangebot zu beanstanden. Dies basiert auf folgenden Argumenten. Da es ein Interview ist richtet sich die Kritik gegen die Aussagen von Sandra Weiss:

  • Die FARC Guerillas werden als Gruppierung dargestellt, die sich für Frauenrechte und Gerechtigkeit einsetzen, jedoch sind sie in Realität eine kriminelle Organisation, die massenweise Massaker gegen die Landbevölkerung, Vergewaltigungen, Entführungen und Zwangsrekrutierungen von Minderjährigen durchgeführt haben. Zudem kommen im Interview nur FARC Mitglieder zu Worte, wie die Senatorin Victoria Sandino, die nicht demokratisch gewählt wurde (wird nicht erwähnt). Die 5 Senatssitze sind Teil des Abkommens. Denn die FARC Partei erreichte nur etwa 50.000 Stimmen in den Wahlen in einem Land mit über 49 Millionen Einwohner. Das ganze Interview durch wird ein falsches positives Bild von den FARC vermittelt, obwohl in der kolumbianischen Öffentlichkeit die FARC sehr unbeliebt ist (der Friedensvertrag wurde abgelehnt in der Volksabstimmung, Anti-FARC Demonstrationen, wie No mas FARC etc.).
  • Die Aussage: <Mit der Zeit haben sich Drogenhandel, Schutzgelderpressung und Entführung eingeschlichen> ist komplett falsch. Historisch war die Haupteinamequelle der FARC der Diebstahl von Vieh und Entführungen, jedoch mit dem Aufkommen von Kokainanbau in Kolumbien wurden Steuern auf Kokain erhoben, was dazu führte, dass ab den 90ern Kokain 50-60% das Einkommen darstellte.[2] Von Einschleichen kann hier sicherlich nicht geredet werden, es war eine bewusste Entscheidung.
  • Die Aussage: <Viele (Guerilleros) haben da ne Freundin dort ne Freundin, viele davon werden schwanger und sitzen gelassen. Das war in der Guerilla nicht der Fall, da man dort sich für seine Akte verantworten musste>. Aus Sicht der Opfer des Konfliktes ein kalter Schlag ins Gesicht. Die FARC Führung machte sich sogar während den Verhandlungen noch lustig über seine Opfer. In einem Fall wurde Santrich von einem spanischen Reporter gefragt, ob er sich bei seinem Opfer entschuldigen wird. Er antworte singend: <quizas, quizas, quizas>[3] und lachte danach.[4] In der Guerilla musste man sich nicht für seine Akte verantworten, und schon gar nicht für Hinrichtungen und Folter.
  • Die Aussage: <Die Guerilleros waren geachtet, hatten Uniformen, das war für diese Frauen sehr attraktiv> Interviewer: <Der Gang zur Guerilla war eine Art der Befreiung für diese Frauen (es wird über minderjährige Mädchen gesprochen)> Weiss: <Es war eine Befreiung und Flucht vor diesen Verhältnissen, das hat ihr auch die Senatorin Sandino so erklärt> . Eine ganz Abstruse Interpretation warum Minderjährige Mädchen bei den FARC waren, von Zwangsrekrutierung kein Wort. Zudem kommt die FARC- Senatorin noch zu Wort und sagt, dass zu den FARC gehören, zu mehr Rechten dieser Mädchen geführt hat. Äusserts fragwürdige Aussagen, die mit der Realität nichts zu tun haben, denn diese Mädchen wurden in den meisten Fällen sexuell missbraucht und gezwungen, aber Vergewaltigungen werden sogar im weiteren Verlauf verharmlost. (siehe weiter unten). Zudem sagt dann Weiss, <dass die Frauen in Kolumbien nicht wissen, dass sie Rechte haben.> Die kolumbianische Gesellschaft wird als frauenfeindlich bezeichnet, was komplett falsch ist. Es ist eine katholisch geprägte Gesellschaft mit konservativen Frauenbildern, jedoch keine Gesellschaft, in der Frauen unterdrückt werden und in der sie nicht mal ihre Rechte kennen.
  • Die Aussage: <Mit den Kämpferinnen sieht es anders, offen zu missbrauchen war kein Thema[...]es wurde subtil gegen die Frauen vorgegangen (in Bezug auf Vergewaltigungen)»>Interviewer: <Manipulativ ist man mit ihnen umgegangen?> Weiss: <Ja genau, viele comandantes haben sich junge Mädchen ausgesucht, viele fühlten sich subtil unter Druck gesetzt, aber auch geschmeichelt, denn als Geliebte des comandante erhielten sie auch Privilegien, und viele mit denen ich redete hatten so eine Beziehung zu einem Mann der 20 bis 30 Jahre älter war und war für viele so wie ein Vaterersatz, weil viele aus Familien stammten in der der Vater abwesend war. Für viele ist dieser commandante immer noch die grosse Liebe.> Eine sehr groteske Erklärung für die Vergewaltigung und Nötigung von zwangsrekrutierten minderjährigen Mädchen durch 50-Jährigen Kommandanten. Die Erklärung des Vaterersatzes ist sehr unpassend und hochgradig beleidigend. Es werden hier ganz offen Verletzungen von Menschenrechten beschönigt und ein weiteres Mal sehr faktenfremd argumentiert. Es ist nur noch beschämend zu sagen, dass der comandante wie eine grosse Liebe war. Frauenrechte werden hier mit den Füssen getreten, aber anscheinend akzeptabel wenn es eine linke Guerilla macht, die sich zynischer Weise für diese einsetzt.
  • Die Aussage: <Für die Frauen gibt es nichts und sind sich selbst überlassen>. Falsche Aussage, der Friedensvertrag gibt jedem Guerilla Mitglied 2 Jahre lang 90% den Mindestlohn plus das Anrecht auf eine einmal Hilfe von 10 Mindestlöhnen als ökonomische Unterstützung um ein Geschäft zu eröffnen.[5] Strafimunität inklusive.
  • Die Aussage: <Männer finden immer noch Jobs, zum Beispiel als Leibwächter>. Mit dieser Aussage disqualifiziert sich Weiss selbst, denn kein Kolumbianer würde einen ex FARC Kämpfer als Leibwächter einstellen und erst recht nicht Leute mit Geld. Im Allgemeinen ist Frau Weiss keine Expertin in Sachen Kolumbien und FARC, was Sie auch anhand des mangelnden Wissens gezeigt hat. Vermutlich hatte sie einzig mit der FARC Senatorin gesprochen und sie hat ihr dann einige Farc Kontakte vermittelt. Also null Recherche und auch null Vorwissen.
  • <Es sind relativ grosse recht progressive Parteien in den neuen Kongress gewählt wurden und da hört man durchaus Stimmen die sich für Frauenrechte einsetzten, auch für Rechte von Homosexuellen. Und das sind Themen die man sonst nicht so gehört hat im Kongress [...], der wird jetzt wirklich aufgemischt, durch die FARC aber auch durch andere progressive Gruppen.>

In den Wahlen in 2018 haben die Linken und die Mitte sehr viele Stimmen an die konservative Rechte verloren, ein ganz klarer Rechtsruck. Z.B. der Verantwortliche für die Friedensverhandlungen Humberto de la Calle vom Partido Liberal (eine der zwei traditionell stärksten Parteien) erhielt in der Präsidentschaftswahl im 1. Wahlgang weniger als 5% der Stimmen. Die Frieden war keine grosse Errungenschaft für die Kolumbianer auch wenn man das im Ausland so darstellt, und es zeigt auch wie populär die linken Parteien momentan sind. Die Farc Partei wurde sowieso nicht demokratisch gewählt und hat sowieso nur 10 von 280 Sitzen und erhielt weniger als 0.4% der Stimmen. Ergo, von Aufmischen und neuen Kräften spüre ich sehr wenig.

  • <Die Gefahr besteht das die Farc wieder zu den Waffen zurückgreifen können, vor allem bei den Männern, weil sie mit Waffen umgehen können>. Sehr interessante Argumentation, aus meiner Ansicht können Frauen genau so gut schiessen, wie Männer.

Abschliessend kann ich nur sagen, dass wenn ich mehr Zeit hätte, könnte man den Beitrag noch viel stärker kritisieren, aber ich denke für ein 13-Minütiges Interview gibt es auch so schon viel zu viel zu beanstanden. Es wird keine Kritik an der FARC geübt nur groteske Erklärungen oder falsche Fakten werden präsentiert. Kein Wort über die massenhaften Vergewaltigungen und Unterdrückung von Frauen auch in den Reihen der Guerilla. Zudem wird Frau Weiss als Expertin dargestellt, jedoch hat sie noch nie eine akademische Publikation auf Spanisch noch eine über Kolumbien oder Südamerika geschrieben. Ihr Themengebiet nach ihrer persönlichen Webseite ist mehr so Kaiserepochen, bei dem Thema ist sie auch besser aufgehoben. Wie man im Interview sieht mangelt es an Professionalität und Sachkenntnis. Die Situation über das Land und die FARC, die von Weiss geschildert wird widerspricht der Realität sehr stark. Entweder hat sie keine Ahnung oder sie will willentlich ein anderes Bild von den FARC vermitteln – anekelnde Guerillaromantik. Ich denke, dass es beides ist.

Anmerkung: Nicht alle Fakten, mit denen ich argumentiere wurden zitiert. Dies ist aus Zeitgründen und weil diese Fakten sehr einfach im Internet auffindbar sind (es sollte auf Spanisch gesucht werden, da es viel mehr Quellen gibt). Falls Sie zur Fachliteratur, die ich zitiert habe kein Zugang haben und diese Textstellen lesen wollen, kann ich Ihnen diese zur Verfügung stelle, da ich in Besitz dieser bin.»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für SRF 4 News antwortete Herr Michael Bolliger, stellvertretender Chefredaktor von Radio SRF:

«Gerne nehme ich Stellung zur Beanstandung 5700 ‘Zwischen den Schlagzeilen’ auf SRF 4 News vom 12. Dezember 2018. Die Sendung ‘Zwischen den Schlagzeilen’ ist ein Gesprächsformat zu internationalen Themen, das sich in seiner wöchentlichen Ausgabe jeweils an Inhalten orientiert, die in der aktuellen Newslage eben aus den Schlagzeilen verschwunden sind.

Die beanstandete Sendung thematisiert in erster Linie den Reintegrationsprozess früherer Farc-Kämpferinnen in Kolumbien, zurück in die Zivilgesellschaft, den ‘normalen’ Alltag.

Die Beanstandung spricht diverse Punkte an, ich nehme im Einzelnen wie folgt dazu Stellung.

1) ‘Kriminelle Organisation’

Der Beanstander schreibt in einem ersten Punkt: <Die FARC Guerillas werden als Gruppierung dargestellt, die sich für Frauenrechte und Gerechtigkeit einsetzen, jedoch sind sie in Realität eine kriminelle Organisation, die massenweise Massaker (...) durchgeführt haben.>

Das ist nicht korrekt, es wird in keiner Stelle des Gesprächs gesagt, dass sich die Farc für Frauenrechte und Gerechtigkeit einsetze. Es ist die Rede davon, dass sich in der Farc- Guerilla die Frauen gestärkt gefühlt hätten (ich komme darauf zurück), und an anderer Stelle, dass sich im neuen Parlament verschiedene Parteien auch für Frauenrechte einsetzten. Gleichzeitig wird bereits in der Anmoderation darauf hingewiesen, dass der frühere Krieg zwischen der Farc und den staatlichen Truppen ‘viel Leid’ ins Land gebracht habe. Die blutige Vergangenheit der Farc wird also schon zu Beginn des Gesprächs angesprochen.

2) ‘Nur Farc-Stimmen, nicht demokratisch legitimiert’

Die Stimme der Abgeordneten Victoria Sandino ergibt für das Publikum einen Mehrwert, weil sie den Schilderungen der Journalistin Authentizität verleiht. Sandino spricht stellvertretend für andere Farc-Frauen zur Frage, wie sich deren aktuelle Situation gestalte. Tatsächlich war und ist der Friedensvertrag in Kolumbien umstritten. Der ursprüngliche Vertrag wurde in einer Volksabstimmung im Oktober 2016 vom Volk knapp abgelehnt und deshalb überarbeitet. Im beanstandeten Gespräch ging es allerdings nicht um diese Kontroverse, sonst hätten natürlich auch andere Stimmen zu hören sein oder zitiert werden müssen. Der Fokus des Gesprächs lag explizit bei der Frage der Situation der betroffenen Farc-Frauen. Deshalb ist es aus meiner Sicht auch publizistisch zulässig, hier lediglich mit der Vertreterin im Parlament zu sprechen, respektive diese zu Wort kommen zu lassen. Dass die Senatorin, wie der Beanstander kritisiert, lediglich einen geringen Wähleranteil hinter sich hat, stellt ihre Position in keiner Weise in Frage. Die 10 Farc-Sitze sind Teil der Vereinbarungen im Friedensvertrag, die Abgeordneten im aktuellen Parlament sind die legitime politische Farc-Vertretung.

3) ‘Drogenhandel hat sich eingeschlichen’

Ich bin mit diesem Punkt in der Beanstandung einverstanden. Die Formulierung wirkt zumindest beschönigend, verglichen mit der Tatsache, dass die frühere Farc bis zu ihrer Auflösung den Drogenhandel in Kolumbien dominierte. Deshalb war auch die Vernichtung der Kokaplantagen Teil des Friedensvertrags.

4) 'Verhöhnung der Opfer’

Der Beanstander interpretiert die Aussage, dass Farc-Männer heute mehrere Freundinnen – und auch Kinder – hätten, als ‘Schlag ins Gesicht der Opfer’. Ich kann diesen Zusammenhang nicht erkennen. Deshalb sind aus meiner Sicht auch die weiteren Ausführungen des Beanstanders zu diesem Punkt (‘quizas, quizas...’) nicht relevant.

5) ‘Befreiung für die Frauen’

Sandra Weiss beschreibt im Gespräch, der Eintritt in die Farc-Guerilla sei für viele Frauen einer ‘Art Befreiung und Flucht’ gleichgekommen, im Vergleich zu Misshandlungen und Unterdrückungen im eigenen Haus. Sie stützt sich dabei ebenfalls auf die Aussagen der Abgeordnete Victoria Sandino. Es gibt aus meiner Sicht keinen Anlass, an der Beschreibung zu zweifeln. Die Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn schrieb in einem Bericht von 2008 [6]: <Nach Hochrechnungen der kolumbianischen Wohlfahrtsbehörde werden jährlich 250.000 Menschen Opfer eines Sexualverbrechens, 85 Prozent sind weiblich, 71 Prozent nicht einmal 15 Jahre alt.> Eine Studie ebendieses Instituts (Columbian Family Welfare Institute) vom vergangenen Herbst zeigt zwar andere Zahlen, aber auch diese beschreiben eine gravierende Situation bezüglich häuslicher Gewalt gegenüber Minderjährigen[7]. Dass angesichts solcher Verhältnisse Mädchen oder junge Frauen den Beitritt zur Farc als Befreiung empfinden konnten, scheint mir sehr plausibel.

6) ‘Gleichberechtigung innerhalb der Farc’, ‘frauenfeindliche Gesellschaft’

Die Schilderungen zu diesem Thema erscheinen an mehreren Stellen im Gespräch. So wird zum Beispiel formuliert, dass beide Geschlechter im Kampf, aber auch in der Hausarbeit gleichberechtigt waren, oder, dass die Frauen ein (neues) Gefühl der Stärke und einen Zuwachs an persönlichen Rechten empfanden mit dem Eintritt in die Farc. An einer Stelle wird wieder die Abgeordnete Victoria Sandina zitiert, die beschreibt, dass Frauen, die zur Farc kamen, vorher mit dem Gefühl gelebt hätten, es sei normal, dass der Ehemann sie schlage, ‘es sei ja auch der Mann’.

Der Beanstander bezeichnet solche Erklärungen als ‘realitätsfremd’ oder gar ‘komplett falsch’ und spricht von einer Gesellschaft, die wohl konservativ sei, aber nicht die Frauen unterdrücke. Ich weiss nicht, wie der Beanstander ‘konservativ’ und ‘Unterdrückung’ definiert. Wenn ich allerdings die oben zitierten Zahlen, oder zum Beispiel das Portrait der Journalistin Jineth Bedoya Lima aus der ‘Zeit’ vom Juli 2014 [8] als Beleg für die Stellung der Frauen in Kolumbien nehme, dann werden die Aussagen bestätigt, wie sie Gespräch von Victoria Sandina zitiert und von Sandra Weiss zu hören sind.

7) ‘Verharmlosung von sexuellem Missbrauch, Vergewaltigungen’

Der Beanstander kritisiert, dass mit den Aussagen zur Rolle der Farc-Frauen und ihrem Verhältnis zu den führenden Männern, sexuelle Gewalt innerhalb der Farc verharmlost werde. Ich kann das ein Stück weit nachvollziehen. Zwar wird, auf entsprechende Nachfrage der Befragerin an einer Stelle deutlich gemacht, dass systematische sexuelle Gewalt und Missbrauch zum Kriegs-Alltag gehört habe, als eine Waffe, die alle Kriegsparteien, auch die Guerilla, (was die Farc implizit meint), eingesetzt hätten. Allerdings war die Frage klar auf die Situation der Frauen innerhalb der Farc (‘Zwangsabtreibungen’) formuliert und die Antwort geht so explizit nicht darauf ein. Sie unterschiedet im zweiten Teil auch zwischen Frauen und ‘den Kämpferinnen’. Es ist die Rede von der Möglichkeit der Gewalt, die man nicht ausschliessen könne, aber eher müsse bei den farceigenen Kämpferinnen von ‘subtilem Missbrauch’ ausgegangen werden. Die Nachfrage, ob die Frauen eher manipuliert worden seien, wird daraufhin bejaht.

Das scheint mir tatsächlich in der Wirkung problematisch. Aufgrund dieser Aussagen konnte beim Hören der Eindruck entstehen kann, die Farc-Kämpferinnen selber seien in der Regel verschont gewesen von Missbrauch und Gewalt. Zudem ist eine Differenzierung zwischen ‘Frauen’ und ‘Kämpferinnen’ innerhalb der Farc für mich als aussenstehenden Hörer nicht nachvollziehbar.

8) ‘Die Frauen haben nichts, die Männer kriegen Jobs’

Der Beanstander hat recht, der Friedensvertrag sah für die Betroffenen finanzielle Leistungen für die ersten zwei Jahre vor. Es wäre an dieser Stelle für die Meinungsbildung im Publikum relevant, diesen Aspekt zu kennen und zu erfahren, warum die betroffenen Frauen von dieser Hilfe offenbar nicht profitieren können. Ist sie einfach wirkungslos ausgelaufen, wird sie durch die neue Regierung verzögert, reichte sie nicht? Das wird mit den Ausführungen zu wenig deutlich. Dass die Stellensuche für Mütter mit kleinen Kindern generell häufig schwieriger ist als für Männer (das gilt ja nicht nur für Kolumbien) scheint mir ein plausibler Punkt.

9) ‘Die erstarkte Linke’

Die Ausführungen, die der Beanstander zu diesem Punkt macht, zeigen, dass unterschiedliche Interpretationen zulässig sind. Einerseits hatten die Parlamentswahlen vom März 2018 Mitte-Rechts Stimmen gebracht. In einer Analyse zu diesen Wahlen kam die Konrad Adenauer-Stiftung zum Schluss, das kolumbianische Stimmvolk habe die ‘konservativere Variante’ gewählt[9]. Gleichzeitig brachten die Präsidentschaftswahlen im Mai/Juni 2018 dem linken Kandidaten Gustavo Pedro fast 42 Prozent der Stimmen, obwohl die Rechte ihn offenbar dezidiert verhindern wollte. Pedro verlor zwar die Wahl, aber das Resultat macht deutlich, dass linke Positionen in der kolumbianischen Gesellschaft offenbar doch einen starken Rückhalt haben. Ob, und wie das tatsächlich den parlamentarischen Alltag prägt, kann ich von hier aus nicht beurteilen, insofern kann ich der Beanstandung in diesem Punkt weder zustimmen noch widersprechen.

Wenn an dieser Stelle in der Beanstandung nochmal auf die vermeintlich mangelnde demokratische Legitimation der Farc-Abgeordneten verwiesen wird, dann gilt die gleiche Erwiderung wie oben: Die Farc-Sitze im Parlament sind Teil des Friedensvertrages und insofern den andern Parteien gegenüber gleichberechtigt.

Soweit die Ausführungen zu einzelnen Punkten. Erlauben Sie mir an dieser Stelle noch eine Bemerkung, zu den teilweise herabsetzenden Aussagen des Beanstanders gegenüber der befragten Journalistin. Ich weise sie dezidiert zurück. Sandra Weiss ist eine erfahrene Berichterstatterin für Lateinamerika, sie arbeitet seit 20 Jahren als freie Journalistin für verschiedene bekannte Medien-Titel im deutschsprachigen Raum, und auch SRF 4 News arbeitet seit mehreren Jahren mit ihr zusammen. Mit dem konkreten Thema (‘Kolumbien und Friedensvertrag’) hat sie sich in den letzten Jahren intensiv auseinandergesetzt.

Zusammenfassend:

Der Friedensvertrag zwischen der kolumbianischen Regierung und der Farc von 2016 wurde international als historisch gewürdigt, unter anderem weil er ausdrücklich auch die Perspektive der betroffenen Frauen behandelt.

Das gewählte Thema, respektive der Fokus im ZdS-Gespräch, war also gut begründet und relevant. Die heutige Situation der früheren Farc-Kämpferinnen ist offensichtlich eine sehr schwierige und deshalb Anlass genug, darüber zu berichten.

Gleichzeitig ist das Thema insgesamt sehr vielschichtig und die vorliegenden Schilderungen werden dieser Komplexität und damit den Anforderungen an eine sachgerechte Darstellung aus meiner Sicht nur teilweise gerecht.

Es konnte der Eindruck entstehen, SRF 4 News hätte mit dieser Sendung das Thema einseitig darstellen wollen. Das war nicht unsere Absicht. In den Informationssendungen von Radio SRF – auch auf SRF 4 News – haben wir in den letzten zwei Jahren wiederholt das Thema breit dargestellt und auch Menschen zu Wort kommen lassen, die unter der Farc und der jahrzehntelangen Gewalt gelitten haben und sich entsprechend auch mit Friedensprozessen schwer tun[10]. Dieser Teil der Geschichte wird von uns, wie das die Beanstandung zu implizieren scheint, keineswegs ausgeblendet.

Trotzdem: Eine teilweise Unterstützung der Beanstandung zum vorliegenden Gespräch könnte ich nachvollziehen.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Ich anerkenne, dass Sie sich in Kolumbien auskennen und über die Verhältnisse Bescheid wissen. Ich selber bin kein Spezialist für Lateinamerika im Allgemeinen und für Kolumbien im Besonderen, aber das muss ein Ombudsmann auch nicht sein. Ich muss beurteilen können, ob die beanstandete Sendung den Rahmen, den das Radio- und Fernsehgesetz den Journalistinnen und Journalisten gibt, gesprengt hat.

Worum geht es in dem Beitrag? Es geht nicht um eine historische Aufarbeitung des Bürgerkriegs in Kolumbien, auch nicht um ein Porträt der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo (FARC-ES) und nicht um eine politische Analyse der Wahlniederlage der Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común (FARC), der zivilen Nachfolgeorganisation der militärischen FARC. Es geht nur und ausschliesslich um die Frage, wie sich die Frauen, die in den militärischen FARC waren, in die zivile Gesellschaft eingliedern können. Diese Frage erörtert die Redaktorin Romana Costa im Gespräch mit der Lateinamerika-Korrespondentin Sandra Weiss. Dabei möchte ich Ihnen widersprechen, wenn Sie die Kompetenz von Sandra Weiss anzweifeln. Eine Korrespondentin muss nicht akademische Bücher über ein Gebiet geschrieben haben, das sie bereist und über das sie berichtet. Sie muss Länder und Leute kennen. Sie muss immer wieder vor Ort sein, und zwar nicht nur in den Hauptstädten, sondern auch in den Provinzen und in den Dörfern. Sie muss hinhören und wahrnehmen. Sie muss ein Gespür entwickeln für die Mentalitäten, Gepflogenheiten und Kulturen. Auf Grund dessen, was ich in Erfahrung bringen konnte, bringt Sandra Weiss diese Voraussetzungen vollumfänglich mit.[11] Im konkreten Fall hat sie sich vor Ort bei ehemaligen FARC-Kämpferinnen kundig gemacht.

Nun ist es sicher so, dass die Journalistin durch die Gespräche mit diesen Frauen berührt war und für diese eine gewisse Sympathie entwickelt hat. Dies schimmert im ganzen Gespräch durch. Und sie ist auch widersprüchlich, wenn sie auf der einen Seite sagt, dass diese Frauen nun zurückkehren in die patriarchalische kolumbische Macho-Gesellschaft, die sie in den FARC so nicht kannten, dass aber die FARC auch eine Macho-Gesellschaft waren. Diese letzte Aussage macht sie, weil Romana Costa hartnäckig danach fragt. Aber im Unterschied zu Ihnen bin ich nicht der Meinung, dass zuerst und vor allem die Verbrechen der FARC hätten aufgelistet werden sollen, dass hätte klargestellt werden sollen, dass es sich um eine kriminelle Organisation handelte, die im Kokainhandel aktiv war und sich daraus finanzierte. Ausgangspunkt des Gesprächs ist nicht der Bürgerkrieg, sondern der Friedensvertrag von 2016. Es ging darum, diesem Neuanfang nachzuspüren und dabei insbesondere den Umstieg der Frauen zu beobachten.

Wie es bei den FARC genau zu und herging, ist sicherlich umstritten, denn es gibt zweifellos Belege für die eine wie für die andere Version. Die FARC waren jahrzehntelang aktiv, da waren die Zustände nicht immer gleich. So mögen sich junge Frauen subjektiv in den FARC «befreit» und gut aufgehoben gefühlt haben, auch wenn sie objektiv manipuliert und abhängig waren. So mögen die einen Frauen Geliebte von Comandantes gewesen sein, andere hingegen nicht. Da kann ich nicht beurteilen, ob Ihre Version die zutreffende ist oder die von Sandra Weiss vertretene. Und in solchen Situationen des Zweifels entscheide ich «in dubio pro reo», also zugunsten der Journalistin, die recherchiert hat.

Herr Bolliger hat sich mit Ihren Kritikpunkten detailliert auseinandergesetzt. Ich schliesse mich seinen Erörterungen an. Insgesamt kann ich keine Manipulation des Publikums erkennen. Deshalb unterstütze ich Ihre Beanstandung nicht. Hingegen ergeht die Mahnung an die Redaktion, in solchen Gesprächen kritische Punkte noch hartnäckiger anzusprechen und sich nicht mit der ersten Antwort zufrieden zu geben.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] https://www.srf.ch/sendungen/zwischen-den-schlagzeilen/farc-kaempferinnen-das-leben-nach-der-guerilla

[2] Siehe Chernick, Marc, Acuerdo Posible, Ediciones Aurora, Bogotá, 2012, pp. 239-242

[3] Quizas in Deutsch heisst vielleicht.

[4] El Espectador. (2013). El “quizás, quizás, quizás. Von: https://www.elespectador.com/noticias/politica/el-quizas-quizas-quizas-de-farc-articulo-437560

[5] https://www.eltiempo.com/politica/proceso-de-paz/dinero-para-los-guerrilleros-de-las-farc-tras-acuerdo-32151 oder auch Im Acuerdo Final steht es auch so.

[6] http://www.bpb.de/internationales/amerika/lateinamerika/44775/frauen-in-kolumbien

[7] https://www.eluniversal.com.co/colombia/en-colombia-se-registran-diariamente-68-casos-de-violencia-menores-de-edad-290219-GUEU407881

[8] https://www.zeit.de/politik/ausland/2014-07/kolumbien-frauen-gewalt

[9] https://www.kas.de/laenderberichte/detail/-/content/zwischen-kontinuitaet-und-wandel1

[10] https://www.srf.ch/sendungen/4x4/die-tuerkei-wird-sich-mit-afrin-nicht-zufrieden-geben

https://www.srf.ch/sendungen/international/paz-umkaempfter-friedenstraum-in-kolumbien

[11] https://www.freischreiber.de/profiles/sandra-weiss/

https://www.ipg-journal.de/ipg/autorinnen-und-autoren/autor/ipg-author/detail/Author/sandra-weiss/

http://www.badische-zeitung.de/korrespondenten/sandra-weiss--146569886.htm

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