Familien   im Medienspagat
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Familien im Medienspagat

Was beschäftigt Familien in der Schweiz? Obwohl die Leitfrage des ersten SRF Familien-Forums offengehalten war, ging es vor allem um den Einfluss der Medien. Dabei zeigte sich, wie vielseitig dieser ist – und dass es einiger Optimierungen bedarf.

«Die perfekte Mutter gibt es nicht.» Dieser Satz hallt zum Einstieg beim SRF Familien-Forum Anfang April durch das Studio 5 und garantiert Aufmerksamkeit. Moderatorin Andrea Jansen weiss als dreifache Mutter aus eigener Erfahrung, wie weit das Bild der perfekten Mutter und die Realität auseinanderklaffen – «und welchen Druck diese Diskrepanz aufbaut». 

Vermittelt wird das aus dem vorletzten Jahrhundert stammende und nur vermeintliche Ideal vor allem in den sozialen Medien. «Dort, wo viele versuchen, sich möglichst gut in Szene zu setzen, und vorgeben, alles schaffen zu können», so Jansen in ihrem Vortrag. «Man selbst hat derweil fettige Haare, schmerzende Brüste vom Stillen und das Gefühl, an den Ansprüchen zu zerbrechen.» Um anderen Eltern einen realistischeren Start zu ermöglichen, hat sie vor vier Jahren die Plattform anyworkingmom.com gegründet, auf der sie und ihr Team für mehr Ehrlichkeit im Elternsein einstehen.

Werbung verzerrt das Familienbild

Allerdings wird der Druck auf die Eltern auch von anderer Seite her aufgebaut: «Die Familien, wie sie in der Werbung in der Regel dargestellt werden, gibt es nicht», so Manuel Wenzel, der selbst in der Werbung tätig ist. Als Beispiel zeigt er den Spot eines Brotaufstrichherstellers – «mit dem unsere Agentur nichts zu tun hat» –, in welchem bestens gelaunte Eltern unter der Woche in aller Ruhe die Grösse von Brotscheiben und die erste Liebe ihres Sohnes diskutieren. «Dabei zählen nachweislich die Morgenroutinen zu den stressigsten Momenten des Elternseins», so Wenzel, selbst Vater zweier Kinder. Wie Andrea Jansen spricht auch er sich für mehr Nähe zur Realität in den Medien aus.

familienforum3.jpgIn den Workshops «Lagerfüür», «Kindersitzli», «Kassettli» und «Stube» wurden Fragen aufgeworfen und Erfahrungen ausgetauscht. Andrea Jansen: 2. von links.

Mit ihrer Haltung stehen die beiden nicht alleine: Aus dem Publikum werden Rufe nach mehr Vielfalt laut. «Unsere Gesellschaft ist bunt, das sollte man auch zeigen!», heisst es etwa. Konkret fordern die Stimmen, dass die unterschiedlichen Partnerschaftsformen und verschiedenen Natio­nalitäten in der Schweiz mehr in den Medien Präsenz finden. Andere wünschen sich, dass häufiger Menschen mit Beeinträchtigungen vorkommen. «Sie sind ja auch Teil der realen Welt», bringt es Teilnehmerin Yvonne Schmitter auf den Punkt. Ausserdem würde es helfen, Ängste abzubauen.

Verunsichert über den richtigen Umgang mit Medien

Elterliche Sorgen anderer Art betreffen die Beliebtheit der neuen Medien beim Nachwuchs, wie Christoph Aebersold, Bereichsleiter Familie, Abteilung Jugend/Familie/Unterhaltung bei SRF und Co-Organisator des Anlasses, sagt: «Viele sind verunsichert über den richtigen Umgang ihrer Kinder damit, weil sie befürchten, diese könnten mit negativen Inhalten in Kontakt kommen.» Um mit den Eltern über diese Bedenken zu reden, habe man gemeinsam mit der SRG Deutschschweiz das SRF Familien-Forum ins Leben gerufen. «Die SRG Deutschschweiz als unsere Trägerschaft und wir als Unternehmen SRF sind stark daran interessiert, mit der Bevölkerung und unserem Publikum einen Dialog zu führen. Wir wollen an Anlässen wie diesem von unserem Publikum lernen, wollen zuhören, wollen uns austauschen – um Erkenntnisse für das künftige inhaltliche Angebot zu gewinnen», erklärt Aebersold. Annina Keller, Geschäftsstellenleiterin der SRG.D, die den Event zusammen mit Aebersold organisiert hat, ergänzt: «Das heutige Medienverhalten der jungen Familien wird den Service public der Zukunft zwangsläufig mitentscheiden.»


Hilfreiche Links zur Info rund um Familen, Kinder und Medien.


Dass da noch einiges auf die Unternehmen zukommen wird, zeigt die Veranstaltung deutlich. Denn nicht nur der von aussen aufgebaute Druck durch Social Media und die Angst vor negativen Inhalten beschäftigen die anwesenden Eltern, sondern auch ihr eigener Umgang mit den neue-Medien-affinen Kindern: Soll man dem Nachwuchs ein Computerspiel verbieten oder besser nicht? Die Frage treibt besonders eine Teilnehmerin um. Sie verrät, sie habe Sorge, «dass ich durch ein Verbot meinem Kind soziale Nachteile bescheren könnte» – etwa weil es von seinen Freunden ausgeschlossen oder verlacht wird, «oder dass es auf dem Pausenhof einfach nicht mitreden kann».

Sich selbst an der Nase nehmen

Dass sich die Beschäftigung mit beispielsweise einem Game wie dem bei Jugendlichen derzeit besonders angesagten «Fortnite» nicht unbedingt negativ auf die Entwicklung auswirken muss, schildert dagegen Familienbloggerin Rita Angelone. «Bis vor kurzem musste sich mein älterer Sohn auf die Gymiprüfung vorbereiten, wollte aber trotzdem weiter ‹Fortnite› spielen.» Das hätte er gedurft, nur eben in Massen. «Und er hat die Prüfung bestanden», so die sichtlich stolze Mutter. Das Beispiel aus ihrer Familie zeigt: Wie bei vielem gilt auch punkto Medienkonsum – egal welcher Art: Es kommt auf die Dosis an. 

Das gilt übrigens auch für Eltern, weiss Medienpädagogin Silvie Spiess von der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. «Ich bin auch öfters erstaunt, wenn mir mein Smartphone meine Bildschirmnutzungszeit angibt.» Sie spricht damit die Gewissensbisse an, die viele von uns plagen und die sie wohl auch mit vielen anderen Eltern teilt: «Um guten Gewissens die Mediennutzungszeit meiner Kinder begrenzen zu können, muss ich auch meinen eigenen Medienkonsum achtsam beobachten.» 

Text: Fee Anabelle Riebeling

Bild: Mirco Rederlechner

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