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Sendung «Verena Brunschweiger ist mit Überzeugung ‘kinderfrei’» von «Tagesgespräch» beanstandet (II)

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Mit Ihrer E-Mail von 11. März 2019 beanstandeten Sie das «Tagesgespräch» (Radio SRF) vom 8. März 2019 mit Verena Brunschweiger.[1]. Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Nach längerem Überlegen komme ich nicht umhin, mich über das Tagesgespräch vom 08.03.2019 zu beschweren. Selbstverständlich ist es zum Tag der Frau sinnvoll, eine Gesprächspartnerin zu diesem Thema einzuladen. Wer aber Verena Brunschweiger ausgesucht hat, und vor allem weshalb und was mit der Verbreitung deren Ansichten bezweckt werden sollte, ist mir absolut schleierhaft.

Von Vorurteilen und einer Stigmatisierung gegenüber kinderlosen Frauen ist die Rede. Nur als Mutter werde die Frau zu einer richtigen Frau etc. Und was ist die Antwort von Frau Brunschweiger darauf? Typengleiche Vorurteile, Stereotypen und Stigmatisierungen. Von der unterjochten Frau, welche nur auf Druck der Gesellschaft, oder noch viel Schlimmer auf Druck des Mannes Kinder kriegt, ist die Rede. Sie selber spricht den Frauen jegliche Selbstbestimmung ab und hat offenbar Mühe damit, dass es auch Frauen gibt, die sich bewusst und freiwillig für Kinder entscheiden. Der Entscheide für, oder eben gegen Kinder, liegt bei jeder Frau selber. Und selbstverständlich darf keine Frau benachteiligt oder verunglimpft werden, weil sie sich gegen Kinder entscheidet. Genau dasselbe darf aber auch für Frauen erwartet werden, die sich für Kinder entscheiden. Wie so oft wird angeprangerten Vorurteilen von Fundamentalisten mit Vorurteilen entgegen getreten. Nur das alleine reicht jedoch nicht. Den Decke drauf setzt sie mit der derzeit im Trend stehenden Klimakeule. Nur schon aus klimatechnischer Sicht sei Kinderkriegen moralisch nicht vertretbar. Also natürlich nur im Westen. In Afrika hingegen schon, da dort (stereotypisch) 30 Kinder denselben ökologischen Fussabdruck hinterlassen, wie ein westliches Kind.

Egal aus welcher Sicht ich dieses Gespräch betrachte. Fundamentalisten, egal aus welcher Ecke sie kommen, darf keine Plattform geboten werden. Ich erinnere mich an ein Tagesgespräch vor einiger Zeit mit Frauke Petry. Durch Susanne Brunner wurden deren Ansichten ohne Pause mit kritischen Fragen eingedeckt und Frau Petry dorthin gedrängt, wo sie auch hingehört, nämlich in die braune Ecke. Nichts dergleichen kam von Marc Lehmann. Mehrere fragwürdige Ansichten wurden von ihm ganz unkommentiert stehen gelassen und wenn eine kritische Rückfrage kam, dann auch nur so verpackt, dass er sich nicht angreifbar machte. Wäre ich auch ein Fundamentalist, würde ich sagen, Linke kritisieren Linke eben nicht gerne. Auch am Tag der Frau darf eine Fundamentalistin (und das ist Verena Brunschweiger zweifelsohne), kritisch hinterfragt werden. Viellicht wäre das noch eher der Fall gewesen, wenn eine Frau oder noch besser eine Mutter, das Gespräch mit Frau Brunschweiger geführt hätte.

Das Sachgerechtigkeitsgebot wurde hierbei aus meiner Sicht klar verletzt.»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für das «Tagesgespräch»antwortete Herr Fredy Gsteiger, stellvertretender Chefredaktor von Radio SRF:

«Besten Dank für die Gelegenheit, Stellung zu nehmen zur Beanstandung von Herrn X. Er bezieht sich auf ein <Tagesgespräch> mit der Feministin und Buchautorin Verena Brunschweiger. Es geht zum einen darum, inwiefern die Frage, ob sich ein Paar für Kinder entscheidet oder nicht, ausschliesslich die beiden Direktbetroffenen etwas angeht. Und ob es deshalb zulässig ist, dass darüber öffentlich debattiert wird. Zum anderen geht es darum, ob Frau Brunschweiger überhaupt als Gast ins <Tagesgespräch> eingeladen werden darf.

Wir sind genau gegenteiliger Ansicht: Alle wichtigen gesellschaftlichen Fragen – und jene des Kinderkriegens ist naturgemäss eine solche – sind relevante Themen und damit Stoff für die mediale Auseinandersetzung. Das hat nichts mit Einmischung im Einzelfall zu tun.

Die Sicht von Frau Brunschweiger ist vermutlich keine mehrheitsfähige. Sie kommt in unseren Sendungen deshalb selten vor. Aber ihre Ansichten bewegen sich durchaus im Rahmen der in einer liberalen, rechtsstaatlichen Demokratie zulässigen, ja wünschbaren Debatte. Und dürften nicht nur von einer winzigen Minderheit geteilt werden.

Wir haben bereits in der Anmoderation zum <Tagesgespräch> Frau Brunschweiger klar situiert, als Feministin und – dies der tagesaktuelle Anlass für das Interview – als Autorin eines Buches mit dem etwas provokativen Titel <Kinderfrei, nicht kinderlos>. Das Publikum konnte also die Gesprächspartnerin verorten. Interviewer Marc Lehmann hat zudem Frau Brunschweiger nicht einfach <Carte Blanche> erteilt, vielmehr häufig kritisch gegengefragt. So hat er ihre persönliche Situation ausgelotet, hat klargemacht, dass manche ihrer Aussagen im Buch provokativ sind, dass ihre Sprache teilweise sehr vehement ist, ja gar von Wut zeugt und nach Erklärungen dafür gefragt.

Die vermutlich von manchen Hörerinnen und Hörern am kontroversesten beurteilten Aussagen dürften jene sein, in denen sie die Kinderfrage in einen umweltpolitischen Zusammenhang rückt, indem sie den ökologischen Fussabdruck jedes einzelnen Kindes kritisch thematisiert. Allerdings steht Verena Brunschweiger damit keineswegs allein auf weiter Flur. Weltweit, gerade auch im Zusammenhang mit dem Pariser Klimaabkommen, aber auch bei den Uno-Millenniumszielen, ja generell in der internationalen Debatte über Demographie und Klima, wird das seit einigen Jahren sehr aktiv und sehr kontrovers diskutiert. Eine schwierige, eine heisse, aber zugleich eine überaus aktuelle Debatte.

Das äussert sich auch darin, dass ihr Buch vor allem im deutschsprachigen Raum in sehr vielen Medien thematisiert und die Autorin vielfach interviewt wurde: von der feministischen <Emma> über den liberalen <Spiegel> bis zur konservativen <Welt> oder den öffentlich-rechtlichen SWR – um nur einige wenige zu nennen.

Wir sind überzeugt, mit dem beanstandeten <Tagesgespräch> unserem Publikum eine gewiss nicht unumstrittene, aber durchaus hörenswerte und diskussionswürdige Sichtweise geboten zu haben. Und bitten Sie daher, sehr geehrter Herr Blum, die Beanstandung abzulehnen.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Seit 1921 ist der 8. Märzder Internationale Tag der Frau. Einen solchen Tag hatte die deutsche Sozialistin Clara Zetkin bereits 1910 gefordert, und so kam es, dass im 20. Jahrhundert vor allem sozialistische Länder und Regionen diesen Tag feierten, während bürgerliche ihn missachteten und die Nationalsozialisten ihn sogar verboten und stattdessen den Muttertag hochlobten. Zu jenen, die diesen Tag immer feierten, gehörten auch die Regionen des «roten Gürtels» Italiens (Emilia-Romagna, Toskana, Umbrien). Mittlerweile hat der 8. März aber auch in pluralistischen westlichen Demokratien Bedeutung erlangt, und so war es nur logisch, dass Radio SRF an diesem Tag eine markant argumentierende Frau zu Wort kommen ließ.

Diese Frau ist die 38jährige Gymnasiallehrerin und Feministin Dr. Verena Brunschweiger, die Germanistik, Anglistik und Philosophie/Ethik studiert und in Mediävistik promoviert hat, verheiratet und <kinderfrei> ist und in Bayern lebt. Sie hat eben das Buch «Kinderfrei statt kinderlos. Ein Manifest» veröffentlicht.[2]Mit diesem Buch eckt sie so sehr an, dass sie in der deutschen Boulevardpresse als «Skandalautorin» beschimpft wird.[3]

Was aber sind ihre «skandalösen» Thesen? Sie stellt zur Debatte, dass Eltern besser nur ein Kind statt zwei haben sollten, damit die Auswirkungen auf die Umwelt geringer werden. Und sie verlangt, dass Frauen, die sich gegen eigene Kinder entscheiden, deswegen nicht verachtet und diskriminiert werden. Was ist daran so schrecklich? Wir wissen alle, dass die Welt explodiert, wenn alle Eltern im Schnitt 8-10 Kinder haben wie im 18. und 19. Jahrhundert und wenn, anders als damals, alle überleben. Und wir wissen ebenso, dass die Menschheit ausstirbt, wenn alle Eltern auf Kinder verzichten. Es muss also ein Mittelweg gefunden werden, und verschiedene Regierungen haben ja in verschiedenen Perioden schon dazu aufgerufen, die Kinderzahl zu beschränken (China) oder wieder mehr Kinder zu zeugen und zu gebären (Frankreich).

Wenn nun jemand für weniger Kinder plädiert und selber auf eigene Kinder verzichtet, dann ist das erstens nichts Verbotenes und zweitens als Debattenbeitrag interessant. Und genau so verlief das Interview, das Marc Lehmann mit Verena Brunschweiger führte. Es war ein verschmitztes, heiteres, manchmal sogar lustiges Gespräch, in dessen Verlauf der Interviewer die Gesprächspartnerin auf explorative Weise zu Aussagen verführte. An keiner Stelle setzte Frau Brunschweiger andere Paare unter Druck, sie sollten wie sie selber auf Kinder verzichten. Sie erläuterte einfach ihre Sicht der Dinge, und sie stellte eine Beziehung her zwischen Kinderzahl und Ökologie. Die Medien haben neben vielen anderen Funktionen auch die Funktion, Debatten anzustoßen, Ungewohntes zur Diskussion zu stellen und neue Ideen (Elisabeth Noelle-Neumann) voranzutreiben. Genau das hat das «Tagesgespräch» umgesetzt. Ich sehe daher keinerlei Verstoß gegen das Radio- und Fernsehgesetz und kann Ihre Beanstandung nicht unterstützen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


Roger Blum, Ombudsmann


[1]https://www.srf.ch/sendungen/tagesgespraech/verena-brunschweiger-ist-mit-ueberzeugung-kinderfrei

[2]https://www.buechner-verlag.de/buch/kinderfrei-statt-kinderlos/

[3]https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/verena-brunschweiger-eltern-fordern-konsequenzen-fuer-skandal-autorin-61611052.bild.html

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