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Gendergerechte Sprache von Radio und Fernsehen SRF beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 24. April 2019 beanstandeten Sie, dass Radio und Fernsehen SRF, vor allem online, zu wenig auf die gendergerechte Sprache achteten. Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Ich schaue kein Fernsehen, allerdings verfolge ich diverse Onlineinhalte. Bei den Online Inhalten von SRGD ist mir aufgefallen, dass nicht konsequent gendergerechte Sprache angewendet wird. Ich sehe somit mehrere Verstösse gegen Vielfaltsgebots, Schutzes Minderjähriger, Schutzes der Öffentlichen Sicherheit, der Grundrechte und Menschenwürde.

Sprache beeinflusst das ganze Denk- und Wertesystem bei den Menschen. Das Gehirn nimmt dadurch männliche oder weibliche Rollen unbewusst auf. Somit schafft die Sprache eine Wirklichkeit. SRGD hat hierzu eine grosse Verantwortung insbesondere weil die jungendliche die online Inhalte mehrheitlich konsumieren. Wenn wir alle in unsere Überlegungen involvieren wollen und keine ausschliessen wollen, sollten wir mit voller Kraft daran arbeiten. Sonst werden wir unbewusst gewisse Gruppen exkludieren. Dieses kann für die Gesellschaft ein Sicherheitsrisiko werden. Heutzutage haben wir in der Welt genügend aktuelle Beispiele dazu.

Schweizerische Bundeskanzlei hat im Jahre 2009 einen Leitfaden ‘Geschlechter Gerechte Sprache’ in allen Amtssprachen veröffentlicht. Dieses Dokument nehme ich als Anhaltspunkt und gehe ich davon aus, dass SRF SRG die online Inhalte zukünftig entsprechend anpassen wird.

Hier ein Paar Beispiele aus meinen Recherchen: Wenn Sie auf der Webseite srf.ch ‘Jedermann’ und ‘Ärzte’ in der Suche oben rechts angeben, werden Sie merken, dass mit diesen Wörtern im letzten Monat und/oder im letzten Jahr genug Beiträge und Titel publiziert wurden. Es gibt bessere Schreibformen, die uns alle mit einschliessen. Meine Tochter wächst mit vier Sprachen und ich möchte dafür sorgen, dass die Medien auch ihre eigene Verantwortung zum Thema Diversität und Inklusion bewusst sind. Heutzutage kann sich SRF SRG überlegen, dass die Texte in der Review-Phase aus Sicht der Gendergerechtigkeit überprüft werden können. Früher hatte Microsoft Office Word Add-in ‘Gendering’. Etwas Ähnliches zu programmieren wird die Journalist_innen Arbeit vereinfachen und effizienter machen.»

B. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Problematik. Ich stimme Ihnen zu, dass die Medien eine geschlechtsneutrale Sprache verwenden sollten. Auch Radio SRF hat in der Sendung «Ratgeber» vor drei Jahren «Faustregeln» für eine geschlechtergerechte Sprache verbreitet.[1] Die Umsetzung ist allerdings alles andere als einfach:

  • Frauen und Männer sollten in der Sprache gleichwertig behandelt werden, aber die Ausdrücke sollten nicht schwerfällig oder unaussprechbar sein. Schreibweisen wie «StudentInnen», «Schüler_innen» oder Lehrer/innen» taugen nicht für audiovisuelle Medien. Dort klingen solche Begriffe immer ausschliesslich weiblich. Darum sind für Radio und Fernsehen vor allem Doppelbegriffe tauglich wie «Schweizerinnen und Schweizer», «Bürgerinnen und Bürger» oder aber neutrale Begriffe wie Stimmberechtigte, Studierende oder Asylsuchende.
  • Es hat aber wenig Sinn, die Sprache von allem zu säubern, was männlich klingt, weil die Ersatzformulierungen häufig lächerlich tönen und weil man nicht alles, was gewachsen ist, in den Müllkübel spedieren muss. So ist es sicher richtig, weiterhin zu sagen, Demokratie bedeute Volksherrschaft, und nicht: Demokratie bedeute Volksleutschaft, und es ist richtig zu sagen, die Menschen hätten im Mittelalter Frondienste leisten müssen, und nicht: Obrigkeitsdienste. Es wäre auch falsch, das Wort «herrlich» zu vermeiden, weil man im Irrglauben ist, es komme von «Herr». Es kommt aber von «hehr» (erhaben, vornehm). Ebenso ist es unnötig, sich über das Wort «dämlich» aufzuregen, in der Meinung, es komme von «Dame». Es kommt aber von dumm, albern und hat mit den Frauen nichts zu tun.

Mein Plädoyer ist daher, eine elegante, unkomplizierte und zugleich gendergerechte Sprache zu wählen, aber auf alles Verkünstelte, Lächerliche zu verzichten, anders als die Stadt Hannover, die von Tamara Wernli auf ihrem Blog parodiert worden ist.[2] Mit Ihnen zusammen appelliere ich daher an Radio und Fernsehen SRF, in allen Programmen und allen Texten immer auch die Möglichkeiten der geschlechtsneutralen Sprache auszuschöpfen.

C. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


Roger Blum, Ombudsmann


[1] https://www.srf.ch/sendungen/ratgeber/faustregeln-fuer-geschlechtergerechte-sprache

[2] https://www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=SylSFRcqPgk

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